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Verkehr in Wiesbaden : Konsequenter abschleppen

  • -Aktualisiert am

Hindernisparcours: Wiesbadens Autofahrer lieben Radwege - zum Parken. Bild: Cornelia Sick

Wer auf Wiesbadens Straßen radelt, lebt gefährlich, denn die Radwege sind regelmäßig zugeparkt. Der Deutsche Fahrradclub fordert ein härteres Vorgehen gegen die Verkehrssünder.

          Es ist das übliche Bild: Ein Möbelwagen steht an der Taunusstraße, Ecke Geißbergstraße auf dem Radweg. In aller Ruhe laden die Arbeiter ein; von Unrechtsbewusstsein keine Spur. Radfahrer, die in Richtung Nerotal unterwegs sind, müssen auf die vielbefahrene Fahrbahn ausweichen. Kurz dahinter parkt ein breiter Geländewagen auf dem Radweg; abermals geht es für die Radler auf die Straße. Wer nicht aufpasst, riskiert seine Gesundheit. Ab und zu wird es auch laut – immer dann, wenn Autofahrer die für sie lästigen Radler von der Straße hupen wollen. So wird Radfahren zum Spießrutenlauf: Alltag in Wiesbaden.

          Gunnar Langer kennt das Problem. Der Sprecher des Wiesbadener Ortsverbandes des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) fordert ein härteres Vorgehen der Stadt gegen Falschparker. „Für mich sind das Gesetzesverstöße“, sagt er und ergänzt: „Wer falsch parkt, erschleicht sich eine Leistung. Dagegen muss die Stadt konsequent vorgehen.“ Langer erwartet, dass die Stadt Autos, die auf den Radwegen stehen, konsequent abschleppen lässt. „Ich kenne Autofahrer, die planen monatlich 100 Euro für Knöllchen ein und sagen mir dann, dass das immer noch billiger als eine Garage ist. Auch 150 Euro schmerzen die nicht. Was denen weh tut, sind Abschleppkosten von 250 Euro und ein Auto, das erst einmal weg ist“, konstatiert er.

          Überwachung der Radwege soll intensiviert werden

          Bei der Stadtverwaltung Wiesbadens ist die Situation bekannt. Auf Anfrage teilt das Verkehrsdezernat mit, dass die Überwachung der Radwege in Zukunft intensiviert werden soll. „Es wird dabei auch konsequenter im Rahmen des rechtlich Zulässigen abgeschleppt“, heißt es. Die Forderung des ADFC-Sprechers sei „berechtigt“, werde aber auch schon in die Tat umgesetzt.

          ADFC-Sprecher Langer ist sicher, dass sich das Parkverhalten der Wiesbadener Autofahrer ändert, sofern die Stadt nur drei Monate konsequent durchgreift. „Wenn ich Regeln nicht durchsetze, stelle ich sie besser erst gar nicht auf“, meint er. Während Langer an der Ecke Saalgasse/Taunusstraße steht und über die Situation spricht, fährt ein großer Lieferwagen vor und über den weißen durchgezogenen Streifen. Der Fahrer parkt sein Auto entspannt auf dem Radweg, steigt aus, grüßt freundlich und beliefert ein Geschäft an der Taunusstraße. Zwei ältere Radler kommen vorbei – und weichen notgedrungen auf die Fahrbahn aus.

          Auch Busspuren immer wieder zugeparkt

          Szenen wie diese spielen sich in Wiesbaden auf fast allen innerstädtischen Straßen und täglich ab. Dabei geht es nicht immer nur um Radwege, auch die Busspuren sind immer wieder zugeparkt. An der Schwalbacher Straße in Richtung Rheinstraße stehen regelmäßig Lieferwagen auf der Busspur. Für den ADFC-Sprecher ist daher die seiner Einschätzung nach zu laxe Haltung der Verkehrspolizei ein wesentlicher Grund dafür, dass der Anteil des Radverkehrs am Gesamtverkehr in Wiesbaden nicht signifikant steigt. Derzeit beträgt dieser laut Langer rund acht Prozent. Insbesondere in Bezug auf die Diskussion um ein drohendes Diesel-Fahrverbot wäre es zu wünschen, dass mehr Wiesbadener Rad fahren, merkt er an.

          Anfang Februar 2018 wurden 24 neue Ordnungspolizeibeamte für die Arbeit bei der kommunalen Verkehrspolizei eingestellt. 14 von ihnen werden derzeit noch ausgebildet und sollen in den nächsten Tagen mit ihren Kontrollen auf Wiesbadens Straßen beginnen. Seit Mitte April setzt die Stadt zudem zehn Leiharbeitnehmer der Firma Securitas ein, die laut Verkehrsdezernat vor allem mit der Überwachung der Parkscheinzonen und dem Anwohnerparken beschäftigt sind. Im Mai schreibt die Verwaltung weitere 13 Stellen für die Verkehrsüberwachung aus – sobald der Doppelhaushalt 2018/2019 von der Stadtverordnetenversammlung genehmigt ist.

          Weit davon entfernt, als fahrradfreundlich zu gelten

          Gelingt dies wie vorgesehen, werden im Sommer insgesamt 68 Verkehrsüberwacher unterwegs sein: Das sind dreimal so viele wie im vergangenen Jahr. „Die Kontrolldichte wurde bereits erhöht und wird auch weiter erhöht werden“, kündigt Felix Weidner, Referent des Verkehrsdezernats, an. Er schränkt allerdings ein, dass die kommunale Verkehrspolizei zahlreiche weitere Aufgaben zu erledigen habe, wie etwa die Überwachung der Umweltzone und die Absicherung bei großen Veranstaltungen. Trotzdem gilt seiner Auskunft nach: „Den Radverkehr sicherer und attraktiver zu machen ist zentrales Ziel der verstärkten Überwachung.“

          Wie weit die Stadt davon entfernt ist, als fahrradfreundlich zu gelten, belegt der ADFC-Fahrradklima-Test, den der Bundesverband 2016 im Auftrag des Berliner Verkehrsministeriums durchgeführt hat. In diesem Test belegte die Landeshauptstadt in ihrer Städte-Klasse – wie auch schon 2014 – den letzten Platz von 39 Städten im bundesweiten Vergleich. Als besondere Schwächen führte der Bericht die seltenen Falschparker-Kontrollen auf Radwegen, das geringe Sicherheitsgefühl und die schlechte Führung an Baustellen auf. Zwei Jahre später, so Langers Einschätzung, hat sich noch immer nicht viel geändert. Der Test wird alle zwei Jahre durchgeführt. Auf das nächste Ergebnis ist er entsprechend gespannt.

          Der ADFC-Sprecher hofft, dass die neuen Ordnungskräfte und die verstärkte Überwachung die Situation für Wiesbadens Radler verbessern. Das reicht ihm aber nicht. Langer fordert auch, dass die Stadt ihr Radwegekonzept vollständig umsetzt. „Ich würde mir mutigere Aktionen wünschen, aber ich habe das Gefühl, dass der Konflikt mit den Autofahrern gescheut wird“, stellt er klar.

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