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Verhältnis der Geschlechter : Auf Twitter gegen Sexismus

Zwitschern gegen Sexismus: Nicole von Horst und Antje Schrupp (rechts) kämpfen mit einer Internet-Initiative für ein gerechtes Verhältnis der Geschlechter Bild: Cornelia Sick

Nicole von Horst und Antje Schrupp kämpfen mit einer Internet-Initiative für ein gerechtes Verhältnis der Geschlechter. Und das nicht zum ersten Mal.

          3 Min.

          Frankfurt hat in den vergangenen Jahren nicht im Mittelpunkt gestanden, wenn es darum ging, dass sich Frauen in eigener Sache zu Wort melden. In der Stadt, in der die Frauenbewegung einst stark war, ist es ruhig geworden, wenn es um die bundesweiten, medienwirksamen Debatten geht. Dabei gibt es zwei Frankfurterinnen, die sich schon vor drei Jahren, als es um anzügliche Bemerkungen des früheren FDP-Fraktionschefs Rainer Brüderle gegenüber einer Journalistin ging, mit zu den Initiatorinnen der bundesweit stark beachteten Stellungnahme zählten. Sie registrierten unter dem Schlagwort #Aufschrei (einem sogenannten Hashtag) auf der Kurznachrichten-Plattform Twitter die für sie damals unvorstellbare Zahl von 25.000 „Tweets“, also Kommentaren.

          Mechthild Harting
          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Dieses Mal gehören Nicole von Horst und Antje Schrupp mit zu den 22 Verfasserinnen eines Aufrufs, den sie unter dem Hashtag #Ausnahmslos ins Internet gestellt haben. Die Unterzeichnerinnen wenden sich in ihrem Aufruf gegen Gewalt an Frauen, wie sie in der Silvesternacht auf der Kölner Domplatte stattfand. Sie lehnen aber auch die durch Köln ausgelöste, ihrer Meinung nach rassistische Debatte ab, wonach es bestimmte Flüchtlingsgruppen grundsätzlich an Respekt gegenüber Frauen fehlen ließen. Sie seien gegen sexualisierte Gewalt und Rassismus, schreiben die Frauen unter #Ausnahmslos, „immer, überall und deshalb ausnahmslos“. Binnen einer Woche haben den Aufruf 11.000 Frauen und Männer im Internet unterschrieben, darunter Prominente wie Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD).

          Als Sensibelchen und Spaßbremsen gegolten

          Heute wie damals, sagt Nicole von Horst und meint damit Anfang 2013, als die Brüderle-Debatte für einige Tage die Schlagzeilen bestimmte, seien es nicht die sexuellen Übergriffe selbst gewesen, die sie veranlasst hätten, sich mit anderen über die Ereignisse per Kurznachrichten und Internet auszutauschen. Es seien jeweils die Reaktionen der Gesellschaft auf die Vorkommnisse gewesen, die sie hätten aktiv werden lassen. In der Brüderle-Debatte habe sie empört, dass den Frauen, die von sexistischen Bemerkungen berichtet hätten, die Glaubwürdigkeit abgesprochen worden sei, sie als Sensibelchen und Spaßbremsen gegolten hätten.

          Und Antje Schrupp hat nach Köln „irritiert“, dass diejenigen, die in der Aufschrei-Debatte gegen die Feministinnen gewettert hätten, sich nun plötzlich als solche präsentieren wollten, die „die deutschen Frauen vor den bösen ausländischen Männern retten“. Das sei „scheinheilig“, sagt sie, und von Horst ergänzt: Seit Jahrzehnten habe der größte Teil der Gesellschaft sich nicht für sexualisierte Gewalt gegen Frauen interessiert, doch nun plötzlich sei das Thema interessant, um sich in der Flüchtlingsfrage zu positionieren. „Das ist bitter“, sagt die 28 Jahre alte Studentin und Bloggerin.

          Wer behaupte, nur Männer aus Nordafrika oder Muslime hätten Probleme mit dem Bild der gleichberechtigten Frau, der glaube auch, sich als deutscher Mann entspannt zurücklehnen zu können und über sein eigenes Verhalten gegenüber den Frauen nicht mehr nachdenken zu müssen. „Das ist der Debatte um sexistische Übergriffe nicht zuträglich“, sagt von Horst. Es sei naiv und populistisch, zu meinen, man könne alle Männer mit einem Frauenbild, das nicht auf Gleichberechtigung beruhe, ausweisen. „Das löst das Problem des Sexismus nicht“, sagt sie, „wir wollen doch ein zivilisiertes Land bleiben.“

          „Defizit in unserer Gesellschaft“

          Antje Schrupp geht in ihrer Analyse einen Schritt weiter. „Es gibt in unserer Gesellschaft ein Defizit“, sagt die 51 Jahre alte Autorin und Politikwissenschaftlerin. Das emanzipatorische Geschlechterbild werde von vielen zwar als Ziel benannt, doch die Konsequenzen, die daraus im Alltag entstünden, wie die gemeinsame Betreuung der Kinder oder die Bereitstellung von Betreuungseinrichtungen, würden in der Gesellschaft nur halbherzig verfolgt. Es fehle an Argumenten, warum man für die weibliche Freiheit eintreten solle - bei Männern wie bei Frauen. Gemeint seien Argumente, die alle mit großer Selbstverständlichkeit anführen können müssten, und zwar in alltäglichen Situationen, aber auch in Krisensituationen wie in Köln. „Viele sind in unserer Gesellschaft nicht wirklich von dieser Rollenaufteilung überzeugt“, ist Schrupps Eindruck. „Wir sind als Gesellschaft in der Diskussion und im Auftreten nicht sattelfest.“

          Der Zuzug von Ausländern stelle die Gesellschaft vor eine Herausforderung, sagt Schrupp, auch weil sie oft ein anderes Frauenbild hätten. Es entstehe eine größere Vielfalt, die sich nicht nur in neuen, für uns exotischen Restaurants widerspiegele. „Alles diversifiziert sich“, es gebe je nach Herkunft unterschiedliche Frauenbilder, unterschiedliche Einschätzungen von Sexualität, und damit müsse sich die Gesellschaft auseinandersetzen, die Differenzen benennen und versuchen zu überzeugen. „Wir müssen über unser Frauenbild und Verständnis von Gleichberechtigung reden“, fordert sie. „Wo wir Differenzen nicht austragen“, da funktioniere das Zusammenleben nicht.

          Die beiden Feministinnen hoffen, dass die durch den Hashtag #Ausnahmslos angestoßene Debatte noch ein wenig weitergeht. Aus der nicht unbeachtlichen Resonanz schöpfen sie nach eigenen Angaben „Mut und Kraft“, dass sich vielleicht doch noch etwas ändert. Zum Beispiel, dass künftig mehr Frauen sich trauten, Übergriffe anzuzeigen. Von Horst fürchtet, wenn nicht beispielsweise in Schulen und im Netz weiter diskutiert werde, verlaufe sich die Sexismus-Debatte wieder ganz, „bis das nächste schlimme Ding passiert“.

          Schließlich bestehe die breite öffentliche Diskussion derzeit auch nur noch aus der Flüchtlingsfrage, aus dem Streit um Obergrenzen und der Abschiebung von Nordafrikanern. „Um die Frauen von der Domplatte geht es doch schon lange nicht mehr.“

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