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Anna-Siedlung in Hanau : Ratten, Müll und zerborstene Scheiben

Wenige Mieter, viele Ratten: Die Anna-Siedlung verfällt, weil sich Stadt und Fondsgesellschaft um die Häuser streiten. Bild: Rainer Wohlfahrt

Die Anna-Siedlung in Hanau bietet ein erbärmliches Bild. Die Bemühungen der Stadt den Verfall in den Griff zu bekommen, sind bisher fruchtlos.

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          Der Putz bröckelt von den mit Graffiti beschmierten Wänden, Fensterscheiben sind zerbrochen, Unkraut wuchert, Müllsäcke stapeln sich, Türrahmen liegen am Boden, und Balkone drohen abzustürzen. Seit vielen Jahren bietet die Anna-Siedlung am Kinzigheimer Weg in Hanau ein erbärmliches Bild, und es wird immer schlimmer. An dem Verfall der einstigen Arbeitersiedlung im Hanauer Hafengebiet hat sich seit dem Bemühen der Stadt Hanau vor gut zweieinhalb Jahren, die in den dreißiger Jahren errichteten 13 zwei- und dreigeschossigen Häuser mit rund 120 Wohnungen zurückzubekommen, nichts geändert.

          Luise Glaser-Lotz

          Korrespondentin der Rhein-Main-Zeitung für den Main-Kinzig-Kreis.

          2009 hatte die städtische Baugesellschaft die Siedlung an einen privaten Käufer veräußert, weil ihr die Sanierungskosten von voraussichtlich 6,5 Millionen Euro für das unter Denkmalschutz stehende Quartier zu diesem Zeitpunkt zu hoch erschienen. Was folgte, waren mehrere Besitzerwechsel, halbherzige Sanierungsversuche und ein durch Spekulanten in schwindelerregende Höhen getriebener Verkaufspreis.

          Die Stadt wollte dem Verfall der Anna-Siedlung, in der nach wie vor einige Mieter wohnen, ein Ende setzen und übte ihr Vorkaufsrecht aus. Die aktuelle Eigentümerin, eine Fondsgesellschaft, hätte nur noch den vergleichsweise bescheidenen Verkehrswert der Anlage von rund vier Millionen Euro bekommen und klagte gegen den Schritt der Stadt. Bei dem unterstellten Verkauf an eine Londoner Investmentgesellschaft sollte der Verkaufspreis nach unbestätigten Berichten nahezu zehn Millionen Euro betragen. Doch zum Abschluss kam es nicht, weil die Stadt ihr Vorkaufsrecht anmeldete. Der gutachterlich ermittelte Verkaufspreis hätte für die Eigentümerin ein erhebliches Verlustgeschäft bedeutet. So reichte das Unternehmen Klage ein.

          „Stillstand in der Rechtspflege“

          Seitdem fällt die Zukunft der Anna-Siedlung in die Zuständigkeit des Landgerichts Darmstadt, doch Fortschritte im Verfahren sind dort nach den Worten von Oberbürgermeister Claus Kaminsky (SPD) nicht zu erkennen. In einem Schreiben mit der Überschrift „Stillstand in der Rechtspflege“ wandte er sich in diesen Tagen an die hessische Justizministerin Eva Kühne-Hörmann (CDU). Kaminsky weist auf die mangelhafte personelle Besetzung an dem Landgericht hin, vor allem bei den erstinstanzlichen Zivilkammern. Als Beispiel für die Überbelastung der Kammern und der Richter nennt Kaminsky den Rechtsstreit in Hanau. Seit mehr als zweieinhalb Jahren stehe die Sache nun an, doch es habe bisher keine mündliche Verhandlung stattgefunden.

          Laut einer gerichtlichen „Hinweisverfügung“ vom 16. Januar durch das Landgericht sei mit der Festsetzung eines Termins nicht vor Ende der Sommerferien zu rechnen und ein baldiger Abschluss des Verfahrens nicht zu erwarten. Dabei bestehe offensichtliche Eile, denn die Eigentümerin sei trotz der vertraglich festgelegten Sanierungspflicht mit Blick auf den anhängigen Rechtsstreit zu nichts bereit. Selbst die Grundversorgung mit Energie sei nicht durchgängig sichergestellt. In der jüngsten Sitzung der Hanauer Stadtverordneten wurde Kaminsky konkreter. Er sprach von einem Mahnverfahren der Hanauer Stadtwerke gegen die Fondsgesellschaft wegen ausstehender Zahlung für Wasser und Strom. Außerdem müsse das Ordnungsamt immer wieder für Abhilfe bei unzumutbaren Zuständen sorgen. So sei das Unternehmen im vergangenen Jahr neunmal aufgefordert worden, den in der Siedlung abgelagerten Müll zu beseitigen. Außerdem hätten sich Bewohner beim Ordnungsamt über den Befall mit Ratten beschwert.

          Es sei eine Schande, dass die Häuser derart verkämen und zum Großteil nicht bewohnt werden könnten, sagte der SPD-Landtagsabgeordnete Christoph Degen nach einer Besichtigung der Anna-Siedlung. Es sei nicht hinnehmbar, dass auf der einen Seite dringend Wohnraum benötigt werde und auf der anderen Seite Immobilien mit dem Ziel der Spekulation leer stünden und sogar verfielen.

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