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Kommentar : Terror vor der Haustür

  • -Aktualisiert am

Suche nach Beweisen: Polizisten vor der Wohnung des verhafteten Ehepaars in Oberursel Bild: AP

Das verhaftete Ehepaar, das ein Attentat auf das Radrennen geplant haben soll, hatte die Zutaten für die Rohrbombe aus dem Baumarkt geholt. Heimwerkerterrorismus mag mancher auf den ersten Blick denken - doch dahinter steckt mehr.

          Seit Donnerstagmorgen haben Menschen im Taunus eine Ahnung davon, was es heißt, die Gefahr eines Anschlages sei konkret. Auch wenn noch längst nicht erwiesen ist, dass mit der im Keller der Verdächtigen gefundenen Rohrbombe ein Attentat auf Teilnehmer oder Zuschauer des Radklassikers verübt werden sollte, so spricht doch einiges dafür. Ebenso bleibt einer gründlichen Analyse vorbehalten, ob das Instrumentarium, das Polizei und Verfassungsschutz in den vergangenen Jahren entwickelt haben, um terroristische Pläne zu durchkreuzen, in Oberursel gegriffen hat oder der Fahndungserfolg stark vom Zufall abhing.

          Sorge muss jedenfalls bereiten, was auf den ersten Blick naiv und hausbacken wirkt. Wenn ein Ehepaar in einen Baumarkt geht, dort Wasserstoffperoxid kauft und angibt, damit einen Gartenteich reinigen zu wollen, mutmaßlich damit aber einen gewaltigen Sprengsatz basteln will, dann mag das manchem wie ein Fall von Heimwerkerterrorismus vorkommen. Es passt aber erschreckend zu den Szenarien, vor denen Sicherheitspolitiker seit Jahren warnen. Viele islamistisch motivierte „Gotteskrieger“ führen ein fast autistisches Leben, sie radikalisieren sich (meist über das Internet) selbst, sie besorgen sich Waffen, Baupläne für Bomben und sonstige Zutaten für Anschläge.

          Innenminister Beuth verbreitet Optimismus

          Sich in kleinen Zellen abzuschotten, sich mit bürgerlichen Existenzen oder gar mit einer Familie zu tarnen, das gehört zu einer Strategie, die Terrororganisationen wie Al Qaida und „Islamischer Staat“ ihren Gefolgsleuten empfehlen. Dass die meisten im Fahndungsnetz von Polizei und Geheimdiensten hängenbleiben, nehmen die großen Verführer als Kollateralschäden hin.

          Möge Hessens Innenminister recht behalten, wenn er trotz der erschreckenden Funde von Oberursel Optimismus verbreitet und keinen Anlass sieht, aus Angst vor Anschlägen keine Fußballspiele, Konzerte oder eben Radrennen mehr zu besuchen. Aber es wird voraussichtlich noch sehr lange dauern, bis sich sagen lässt, man kann es völlig unbefangen tun. Die terroristische Bedrohung ist in dem Sinne global, dass sie sich nahezu jederzeit und überall realisieren kann. Die Risiken einzudämmen ist eine wahre Gemeinschaftsaufgabe.

          Helmut Schwan

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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