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CSD in Darmstadt : Vereint gegen Ausgrenzung

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Bild: FAZ.NET

Der Christopher Street Day in Darmstadt ist zwar kleiner als andere. Seine Botschaft ist dafür sehr politisch.

          Wer an diesem Tag in Darmstadt vom Staatsarchiv auf den Karolinenplatz schaut, sieht statt grauer Pflastersteine ein buntes Fahnenmeer. Regenbogenfarben sind aber nicht nur auf den Pride-Flaggen zu sehen, sondern auch auf Socken, Fächern und Armbändern. Eine Frau hält ein Pappschild hoch; darauf steht in schwarzen Buchstaben „Ciao Patriarchat“. Ein Junge im Grundschulalter mit roter Brille trägt auf seinem T-Shirt einen „FCK AFD“ Sticker.

          Zum neunten Mal wird der Christopher Street Day (CSD) in Darmstadt gefeiert. Vor 50 Jahren führte eine Polizeirazzia in der New Yorker Schwulenbar „Stonewall Inn“ an der Christopher Street zum Aufstand. Seitdem wird jedes Jahr mit weltweit an die Ereignisse erinnert. Schwule, Lesben, Transgender, Bisexuelle und andere gehen für ihre Rechte auf die Straße und demonstrieren gegen Ausgrenzung. In Deutschland wird der Christopher Street Day in dutzenden Städten veranstaltet.

          2000 Teilnehmer

          Um 12.48 Uhr setzt sich der Protestzug am Samstag in Gang. Etwa 2000 Menschen laufen neben fünf Wagen her. Diese gehören der Evangelischen Jugend Darmstadt, dem Veranstalter „Vielbunt“ sowie den Parteien SPD, die Linke und die Partei. Auf einem Wagen steht: „Damals wie heute. Ob schillernd oder provokant: Stolzer, queerer Widerstand.“

          Auch Darmstadts Oberbürgermeister Jochen Partsch (Die Grünen) ist gekommen. Als Schirmherr hebt er hervor, dass der Tag in seiner Stadt besonders politisch sei. Das liege vor allem am Verein „Vielbunt“, der sich auch das Motto des diesjährigen CSD überlegt hat: „50 Jahre Stonewall – Zusammen. Vielfältig. Solidarisch“. Die gesamte Gesellschaft müsse sich für die Rechte der Minderheiten einsetzen, so die Botschaft der Veranstalter. „Vielbunt“ unterstützt unter anderem junge Menschen, die sich an Schulen zu ihrer Sexualität bekennen. Tatsächlich sind unter den Demonstranten viele Schüler.

          Auch Timo Meyer ist es nicht leicht gefallen, sich zu outen. Den Schritt wagte er erst zum Ende seiner Schulzeit – und stieß nicht nur auf Verständnis. Seit 2015 lebt der gebürtige Saarländer in Darmstadt. Auf seinem schwarzen T-Shirt ist in Regenbogenfarben „New York“ geschrieben. Seit den Ereignissen vor 50 Jahren habe sich vieles zum Positiven verändert. Heute müsse er sich mit seinem Freund nicht mehr verstecken – egal ob in Berlin, Frankfurt oder Darmstadt.

          Aber es gebe immer noch Baustellen, sagt Meyer. Zum Beispiel binäres Geschlechterdenken: „Das müssen wir mit Beharrlichkeit auflösen, damit jeder seinen Platz findet“, sagt der Achtundzwanzigjährige. Vor allem Transsexuelle würden im Alltag diskriminiert. Sobald ihr Äußeres nicht mit dem Foto in ihrem Ausweis übereinstimme, komme es zu unangenehmen Nachfragen. Auch hätten Transsexuelle ein größeres Risiko, auf der Straße angegriffen zu werden. Man müsse sich gegenseitig unterstützen. „Die homosexuelle Bewegung wäre nicht so weit, wenn sich andere Gruppen nicht solidarisch gezeigt hätten.“

          Zwar ist der bunte Zug in Darmstadt längst nicht so groß wie in anderen Städten, aber dennoch sind hier nahezu alle vertreten: Drag Queens mit lilafarbenen Haaren und grellem Makeup laufen neben Mitgliedern des Rhein-Main-Fetisch-Clubs; zwei junge Frauen fordern auf ihren Plakaten mehr lesbische Sichtbarkeit, aber auch Heterosexuelle feiern die Vielfalt. Manch einer leert schon am frühen Nachmittag eine Flasche Hochprozentiges. Die Stimmung ist friedlich, hier und da werden unentgeltliche Umarmungen angeboten. Technobässe treiben die Menge voran. „Wenn wir zusammen feiern, entsteht ein Solidaritätsgefühl. Musik verbindet Menschen“, sagt Meyer.

          Spitze gegen die AfD

          Doch die Verbundenheit sei in Gefahr, sagen viele Anwesende. Auch Stefan Mielchen, Erster Vorsitzender von Hamburg Pride e.V., fürchtet: „Die AfD will uns unsere mühsam erkämpften Rechte wieder wegnehmen.“ Die Partei propagiere ein traditionelles Familienbild, genau wie die Nationalsozialisten. „Wer wie ein Nazi argumentiert, ist ein Nazi“, sagt Mielchen und erhält dafür viel Applaus.

          Auf der Veranstaltung wird außerdem betont, dass 50 Jahre nach den Ausschreitungen in New York, der Geist von Stonewall in vielen Ländern immer noch nicht angekommen sei. Zudem bringen sich Menschen durch das Ausleben ihrer Sexualität und Identität immer noch in Lebensgefahr. Meyer hat für den Hass kein Verständnis: „Ein Mensch ist nicht weniger wert, nur weil er anders liebt oder empfindet.“

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