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Sportler für Organspende : Gebt euch nicht auf!

  • -Aktualisiert am

Von wegen Warteliste: Franziska Liebhardt gewann die Goldmedaille bei den Paralympics in Rio. Bild: dpa

Der Verein „Sportler für Organspende“ kämpft gegen den Tod auf der Warteliste. Franziska Liebhardt ist das Gesicht einer Gruppe, die zurück ins Leben gefunden hat und potentielle Spender motivieren will.

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          Julian ist sechs Monate alt, als er ungewöhnlich schläfrig wird. Seine Haut färbt sich gelb, zu diesem Zeitpunkt befindet er sich mit seiner Familie in Klagenfurt. Die Diagnose lautet akutes Leberversagen, weshalb Julian per Helikopter nach Tübingen gebracht werden muss, denn er braucht in den nächsten 48 Stunden eine neue Leber. Heute ist Julian sechs Jahre alt und sitzt freudestrahlend auf dem Schoß seiner Mutter. Keine Anzeichen von körperlichen Einschränkungen sind erkennbar, er wirkt wie ein glücklicher, neugieriger, aber vor allem gesunder Junge.

          Dass damals in der Kürze der Zeit ein Spender gefunden und das Leben von Julian gerettet werden konnte, ist keine Selbstverständlichkeit: „Es sterben immer mehr Menschen auf der Warteliste, obwohl sie ein Organ hätten bekommen können“, sagt Hartwig Gauder, der seit mehr als zwanzig Jahren mit einem transplantierten Herz lebt. 17 Jahre vor seiner Herztransplantation wurde er Olympiasieger über 50 Kilometer Gehen, 1980 in Moskau. Inzwischen ist Gauder Vorstandsmitglied des Vereins „Sportler für Organspende“ (VSO), der im Jahr 2004 die „Kinderhilfe Organtransplantation“ (KiO) gegründet hat.

          „Ganz wichtig ist, dass Organspende mehr Aufmerksamkeit erfährt. Den Tod auf der Warteliste müssen wir verhindern, und die Sportler können dazu beitragen, für dieses Thema zu sensibilisieren“, sagt der VSO-Vorstandsvorsitzende, Frank Feldmann. Die Bereitschaft im Sport, sich für Organspende einzusetzen, ist keinesfalls gering: Neben Timo Boll, Franziska von Almsick oder Jens Weißflog sind auch der FC Bayern München oder Eintracht Frankfurt prominente Fürsprecher des VSO, haben schon mehrmals an Benefiz-Veranstaltungen teilgenommen oder sie sogar selbst organisiert.

          Sport nach Organspende

          Dabei mag der Zusammenhang zwischen Sport und Organspende auf den ersten Blick überraschend, fast gegensätzlich wirken, wie Franziska Liebhardt erklärt. Denn eine Transplantation kann das Vertrauen in den eigenen Körper schmälern, am Selbstbewusstsein kratzen, schließlich funktionieren nicht einmal die eigenen Organe. Der Gegner ist nicht mehr eine andere Person, sondern auf einmal man selbst. Und wie soll ein Mensch ohne Sorgen leben, wenn er seinem eigenen Körper nicht vertrauen kann? Wie soll er befreit Sport treiben, wenn die Leistungsfähigkeit durch ein nicht funktionierendes Organ elementar in Frage gestellt wird?

          Obwohl die gebürtige Berlinerin über einen so tragischen gesundheitlichen Einschnitt spricht, wird sie immer lebensbejahender, je länger sie über die Rolle des Sports nach einer Organspende spricht. Und zeigt diese Zuversicht an ihrer eigenen Biographie auf: „Der Kampf in einer sportlichen Arena und der Kampf um das Leben in einer schwierigen Situation sind sich ganz ähnlich.“ Sportliche Werte wie Durchhaltevermögen, Disziplin, das Verkraften von Rückschlägen würden helfen, die eigene Lage besser zu verarbeiten. „Wer eine Organspende überstanden hat, der ist auch für den Kampf im Sport gewappnet.“

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          Liebhardt hat zwei Transplantationen hinter sich. 2009 die Lunge, drei Jahre später die Niere. Trotzdem holte sie bei den Paralympics in Rio de Janeiro 2016 Gold im Kugelstoßen – mit Weltrekordweite. Dazu Silber im Weitsprung. Sie ist das Gesicht einer Gruppe, die mit kämpferischer Haltung zurück ins Leben gefunden hat.

          Kinderhilfe Organtransplantation

          Am Montagabend wird im Festsaal der Goethe-Universität Frankfurt deutlich, wie viele Menschen dieses Schicksal teilen, auch in jungen Jahren. Schon beim Betreten des Saals erwarten einen Werbeaufsteller der KiO, die von betroffenen Familie erzählen, die erfolgreich unterstützt wurden: Es sind Geschichten wie die von Luca, dessen Familie in eine neue, schimmelfreie Wohnung ziehen musste, weil Schimmel besonders für Kinder, die eine Transplantation hinter sich haben, eine große gesundheitliche Gefahr darstellt. Die KiO hat Lucas Familie beim Umzug unterstützt und neue Möbel mitfinanziert.

          Oder die Geschichte von Aishe, für deren Schwester (zwei Jahre alt) aufgrund der beruflichen Einspannung der Eltern eine Haushaltshilfe für die Betreuung angestellt werden musste, dies jedoch nur anteilig von der Krankenkasse übernommen wurde. Die KiO fängt dort an, wo die Gesundheitspolitik aufhört.

          Außerhalb der Kliniken. Abseits der medizinischen Behandlung von Transplantierten. Oder – wie Franziska Liebhardt sagt: „Die Krankenhäuser übernehmen alles Medizinische. Und wir übernehmen alles, wofür die Krankenkassen nicht aufkommen, zum Beispiel im sozialen Bereich. Denn in erster Linie wollen wir, dass transplantierte Kinder ein normales Leben führen können.“ So bietet die KiO bewusst Freizeiten mit sportlicher Aktivität für Kinder und Jugendliche an – wie zum Beispiel Abseilen von einem Turm oder Paddeln auf einem selbstgebauten Floß.

          Zusammenhalt ermutigt

          Am Ende der Veranstaltung wird Silvio Nadalin vom Universitätsklinikum Tübingen mit dem Helmut-Werner-Preis gewürdigt. Seit dem Jahr 2008 hat der Chirurg mehr als 100 Lebertransplantationen bei Säuglingen, Kindern und Jugendlichen vorgenommen. Einer seiner Patienten: der sechsjährige Julian, der mittlerweile zur Schule geht und auch Sport treiben kann. Nadalin hat früher erfolgreich Basketball gespielt und habe „durch den Sport gelernt, dass man nur zusammen gewinnen kann.“

          Nur ein paar Schritte neben Nadalin steht Hartwig Gauder. Zwei Jahre nach seiner Herztransplantation lief er den New-York-Marathon. Sie alle, ob Liebhardt, Gauder oder Nadalin, motivieren potentielle Spender. Und ermutigen Empfänger, die ein „neues“ Leben führen müssen: Gebt euch nicht auf! Denn sie alle sind – getreu dem Motto der Veranstaltung – „große und kleine Helden“.

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