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Hessische Cowboys : Lingelcreek im Westernfieber

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Wilder, wilder Vogelsberg: Vereinsvorsitzender Stefan Quehl (links) und Sheriff Winfried Bönisch Bild: Rainer Wohlfahrt

Im Vogelsbergkreis gibt es Cowgirls und Cowboys, die sich eine Stadt gebaut haben. Besucher finden einen Saloon, ein Gefängnis und ein Fort. Einmal stand das Projekt kurz vor dem Aus.

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          Der Saloon heißt „Gold Nugget“, die Dancehall „Grizzly Rose“, und auf der anderen Seite der Main Street liegen Toms Hütte und das Büro des Sheriffs samt Gefängnis. Weiter oben gibt es eine Bank, eine Cantina, eine Kirche und einen Friedhof. Am Ende der Straße schließlich liegen das Hotel „Eldorado Palace“ mit Steakhouse, eine Scheune mit Hufschmiede und die Goldmine. Am Fort Rattlesnake wird gerade letzte Hand angelegt. Willkommen in Lingelcreek.

          Der Verein „Main Street 99“ hat die filmreife Westernstadt am Rand des 600-Seelen-Dorfs Lingelbach nahe Alsfeld im Vogelsbergkreis auf die Beine gestellt. Bis zum Jahr 2006 haben die aktuell 109 Mitglieder etwa 11.000 Arbeitsstunden in ihr Projekt gesteckt. Danach hat der Vorsitzende Stefan Quehl aufgehört zu zählen.

          Jedes Jahr im Juni treffen sich dort Hunderte Cowboys und Cowgirls aus ganz Deutschland bei freiem Eintritt drei Tage lang zum großen Countryfest. Die örtliche Frisörin schneidet im Barbershop die Haare, im Fotoladen lassen sich die Besucher vor historischer Kulisse fotografieren, Kostüme werden gestellt. An der Bergwerksmine versuchen sich die Kinder im Goldwaschen. Zahlungsmittel ist der Lingelcreek-Dollar. Den gibt es in der Bank. Euros werden nicht akzeptiert.

          Details verbreiten Westernflair

          Die Dancehall bildet den Mittelpunkt der Town. Das Schild auf dem Dach mit dem geschnitzten Grizzlykopf samt Rose hat der Kirchenmaler Heinrich Hainbach aus dem benachbarten Engelrod gestaltet. Das Raubtier guckt allerdings nicht grimmig, sondern eher wie ein Teddybär. Hainbach, mittlerweile verstorben, hat auch im Innenraum eine Wand mit einem sechs Meter breiten Gemälde des Monument Valleys verziert. Darauf beobachtet ein Indianer, wie eine Postkutsche vorbeifährt. Der Kronleuchter in der Halle besteht aus einem Wagenrad mit Lampengehäusen aus leeren Jack-Daniels-Flaschen.

          Accessoires wie ein mächtiger Elchkopf, der skelettierte Schädel eines Longhornrinds und die Fahne von North Dakota verbreiten Westernflair. Der Kopf eines afrikanischen Kaffernbüffels hoch oben gehört eigentlich nicht dorthin, macht sich aber gut. Der Biebertaler Kettensägenkünstler hat einen mannsgroßen und einen kleinen Bären sowie einen Adler für Lingelcreek angefertigt, sein Kollege Holger Bär einen indianischen Totempfahl, wie Vereinsboss Stefan Quehl erläutert. Der Sechsundfünfzigjährige, stets mit Hut, Weste, Jeans und Cowboystiefeln bekleidet, ist Westernfan von Jugend an. Karl Mays Geschichten um Winnetou und Old Shatterhand sowie die Fernsehserien „Bonanza“ und „Rauchende Colts“ haben ihn geprägt.

          1999 machte er bei einem Line-Dance-Tanzkurs mit, den die Lingelbacher Landfrauen anboten. Das war die Geburtsstunde der „Hot Spurs“. Bis heute trainiert die Truppe mittwochs um 20 Uhr in der Dancehall.

          Alle Gebäude sind aus Holz

          Am Ende des Kurses waren die etwa ein Dutzend Teilnehmer mit dem Westernvirus infiziert. 2001 veranstalteten sie das erste Countryfest. Bei der zweiten Auflage 2003 war der Jammer groß, als es an das Abbauen ging. Deshalb beschlossen die Fans, etwas Ständiges aufzubauen. 2004 war dann das Jahr der Planung mit einem Architekten.

          In Lingelcreek sind sämtliche Gebäude aus Holz. Den Anfang machten 14 Wohncontainer, die die Stadt Alsfeld dem Verein im Jahr 2004 schenkte. Sie hatten für einen Behelfskindergarten gedient und sollten entsorgt werden, als das endgültige Domizil fertig war. Die handwerklich erfahrenen Cowboys stellten die Container einzeln auf oder fügten sie je nach Bedarf zu größeren Einheiten zusammen.

          Anfangs belächelt, haben die Westernfreunde im Laufe der Jahre etwa 150 Raummeter Holz, ausschließlich aus der Gegend, auf dem 1,2 Hektar großen Gelände verbaut, wie Stefan Quehl schätzt. Sobald der Verein etwas Geld hat, kauft er Nachschub. Einen Verwendungszweck gibt es immer. „Wind und Wetter hinterlassen ihre Spuren“, berichtet der Vereinsvorsitzende. „Kleinere oder größere Renovierungsarbeiten stehen ständig an.“ Für das neue Projekt, das Fort Rattlesnake, wurden zusätzlich 110 Raummeter Holz benötigt.

          Eine Kirche in 48 Stunden

          Ein mobiles Sägewerk rückte an und schnitt zwei Tage lang Baumstämme für das Bauvorhaben zurecht. Die Kirche des Westernstädtchens wurde in rekordverdächtiger Zeit errichtet. Ausgangspunkt war ein Wettbewerb im Hessischen Rundfunk. Die Frage lautete: „Was schafft ein Verein in 48 Stunden?“ – „Wie wär’s mit einer Kirche?“, dachten sich die Lingelbacher. Dank cleverer Vorarbeiten gelang das ambitionierte Vorhaben. Für den Sieg reichte es allerdings nicht.

          In mühevoller Handarbeit entstand die Main Street der Westernstadt. Bilderstrecke
          Wilder Western : Wildwest-Stadt im Rhein-Main-Gebiet

          Gottesdienste finden in der Kirche nicht statt. Beim Countryfest dient sie den Helfern als Rückzugsraum, als Ort der Stille. Seit 2016 ist die Kirche außerdem eine offizielle Außenstelle des Alsfelder Standesamts. Einige Paare wurden dort schon getraut.

          Finanzierung über Spenden

          Das Projekt Lingelcreek ist nicht kommerziell. Der Trägerverein finanziert sich in erster Linie über den Verkauf von Getränken und Essen. Der Saloon „Gold Nugget“ ist jeden dritten Samstag im Monat geöffnet. Oft spielen Bands – gegen Spenden in einen Hut. Firmen können die Dancehall buchen, bei Bedarf inklusive Gunfight, Pokertisch und Line-Dance-Workshop.

          2005 stand „Main Street 99“ vor dem Aus. Damals brannte die Scheune nieder, in der alle Utensilien gelagert waren. Viele waren entmutigt. Doch Stefan Quehl, der im richtigen Leben als Lagerist arbeitet, und ein halbes Dutzend Gleichgesinnter wollten sich nicht unterkriegen lassen. Sie infizierten weitere Mitstreiter mit dem Westernvirus und spuckten in die Hände. Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Mittlerweile ist der Verein fest in der Lingelbacher Dorfgemeinschaft verankert.

          Weitere Informationen gibt es im Internet unter www.hots-spurs-lingelcreek.de.

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