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Verdi-Oper in Wiesbaden : Hol mal den Schlüpfer von der Leine

  • -Aktualisiert am

Das hessisches Staatstheater Wiesbaden präsentiert Verdis „Rigoletto“. Bild: Karl & Monika Forster

Nicht ohne meine Altherrenphantasie: Uwe Eric Laufenberg inszeniert Verdis Oper „Rigoletto“ in Wiesbaden. Die Wunder bewirkt dabei Will Humburg.

          Gildas Weg führt direkt aus der Tonne ins Licht, ins weiße, bühnennebelgeschwängerte Licht der Transzendenz nämlich. In dessen Richtung schreitet sie auf der Bühne im Großen Haus des Hessischen Staatstheaters, nachdem ihr Vater ihren sterbenden Körper aus der nicht ganz librettogemäßen Mülltonne gezogen hat. Und die Clownspuppe, mit der Rigoletto stets seinen Dienst als garstiger Narr am Hof von Mantua versehen hat, gleich dazu. In seiner Holzschnitthaftigkeit passt dieses Ende einer musikalisch gleichwohl beglückenden Neuproduktion auch ohne den vertrauten Gilda-Sack recht konsequent zur Inszenierung des 1851 in Venedig uraufgeführten Repertoire-Dauerbrenners, für dessen Regie in Wiesbaden nun Intendant Uwe Eric Laufenberg selbst verantwortlich zeichnet.

          Mit Laufenberg und seinem Ausstatter-Team Gisbert Jäkel (Bühne) und Andrea Schmidt-Futterer (Kostüme) müssen wir uns den Hof von Mantua als durchsexualisierten Ort im Zeichen des Phallus vorstellen, dessen Regent ganz ersichtlich nur das eine im Sinn hat: In der Herrscherhalle schlägt das Ziffernblatt der Uhr stundenweise neue Stellungen vor, während die Hofdamen, wenn überhaupt etwas, bevorzugt Lack und Leder tragen. Dass das alles arg nach Altherrenphantasie ausschaut, bestätigt die Szenerie im letzten der drei Akte. Nach dem Hof und der eher karg möblierten Mietshauswohnung von Rigoletto und Tochter Gilda geht es ins gesellschaftliche Off einer Wohnwagenbehausung. Dort geht der Auftragsmörder Sparafucile seinen Geschäften nach, und zwar im Verbund mit seiner Schwester Maddalena (Silvia Hauer), die zwischendurch die Schlüpfer zum Trocknen auf die Leine hängt. Überhaupt: Wo Verdi geschickt andeutet, ist Laufenberg eindeutig, zum Beispiel, als Rigoletto bemerkt, dass der Mörder den Auftrag, ihm den toten Herrscher und Lebemann zu servieren, nicht erfüllt haben kann. Als der sich nämlich mit seinem Erkennungslied „La donna è mobile“ zu Wort meldet, knipst der Regisseur im Wohnwagen auch noch das Licht an, auf dass wirklich jeder den quicklebendig sich vergnügenden Herzog und somit das sieht, was ohnehin jeder weiß – dass sich da nämlich eine für Rigoletto planwidrig fatale Wendung anbahnt.

          Tenor Ioan Hotea begeistert mit lauter Stimme

          Für das Subtile, für die Zwischentöne, für die Arbeit am musikalischen Drama nach Victor Hugos „Le Roi s’amuse“ statt nur an der Oberfläche, für den Sog und den tieferen Sinn ist in Wiesbaden ganz offenkundig ein anderer zuständig: Will Humburg, der zum Ende der vergangenen Saison aus dem Amt des Darmstädter Generalmusikdirektors geschiedene Verdi-Experte, bewirkt im Graben und am Pult des Hessischen Staatsorchesters wahre Wunder. Als erster Teil der „Trilogia popolare“ ist „Rigoletto“, mehr noch als „La Traviata“ und „Il Trovatore“, von schematischen Begleitfiguren des Orchesters wie auch, vor allem hinsichtlich der Gilda-Partie, von der virtuosen Exposition des Vokalen durchwirkt. Doch Humburg führt das alles an die Grenze, weil jeder rhythmische Gleichklang zumindest noch den Wimpernschlag einer Nuancierung erfährt, ob im Tempo, in der Schärfe oder der Lautstärke. Das bedeutet keinesfalls, dass mit ihm das exzellent präzise spielende Staatsorchester die insgesamt vorzüglichen Solisten je in den Hintergrund drängen würde, im Gegenteil: Auf die Verzierungen und Koloraturen der Gilda nimmt er äußerste Rücksicht, auch weil Cristina Pasaroiu die jungmädchenhafte Leichtigkeit dieser Figur schon ein wenig hinter sich gelassen hat, zugunsten eines reflektierten Auftretens, mit dem sie auch ihren starken finalen Abgang ins Licht glaubhaft ausgestalten kann.

          Ganz ins Bild, das sich die Regie vom Herzog selbst macht, passt der Tenor Ioan Hotea. Er singt in der Mittellage schneidend laut, immer geradeaus, dabei, wenn es sein darf, auch mit freiem Oberkörper und ohne die Spur einer charakterlichen Entwicklung. Exzellent sind in Wiesbaden die tiefen Partien besetzt, allen voran, mit dem 42 Jahre alten Russen Vladislav Sulimsky, die Titelpartie des Hofnarren, den dieser geschmeidige und sonore Bariton fast immer ohne Druck, aber mit tiefer Passion gibt. In der kleinen, aber wichtigen Partie des Grafen von Monterone singt Thomas de Vries seinen die Oper schon im kurzen Vorspiel prägenden Fluch mit Wucht und Nachdruck aus, Young Doo Park ist ein verlässlich abgründiger Mörder Sparafucile. Dass sich die Chorherren zwar mit Clownsgesichtern im Schritt, aber vokal höchst wendig und differenziert zur Entführung Gildas aufmachen, beglaubigt, wo die Stärken dieser Neuproduktion liegen, deren musikalische Seite vom Premierenpublikum viel Zustimmung und Begeisterung erfuhr.

          Weitere Vorstellungen am 23. und 26 Januar sowie am 1., 6., 9. und 17. Februar, jeweils von 19.30 Uhr an.

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