https://www.faz.net/-gzg-99pb8

„Maskenball“ in Wiesbaden : Nebel über den zwanziger Jahren

  • -Aktualisiert am

Bald ist der Spaß aus: Unter ihrer Maske kann Amelia (Adina Aaron) gemeinsam mit ihrem Riccardo (Arnold Rutkowski) nur darauf warten, dass es zum Schlimmsten kommt. Bild: Karl & Monika Forster

Vorsicht vor großer Gesellschaft: Verdis „Maskenball“ überzeugt zur Eröffnung der Maifestspiele in Wiesbaden nur musikalisch.

          Wo könnte Giuseppe Verdis Oper „Ein Maskenball“ nicht alles spielen. Zum Beispiel im Stockholm des ausgehenden 18. Jahrhunderts, wo der Mord am schwedischen König Gustav III. die historische Vorlage für Antonio Sommas Libretto lieferte. Der Königstod auf offener Bühne rief allerdings die Zensur auf den Plan, so dass die Oper ihre Uraufführung 1859 in Rom in einer um ein Jahrhundert zurückdatierten und in das transatlantische Boston verlegten Fassung erlebte.

          Spielen lässt sich „Un ballo in maschera“ mit der für Verdi typischen Verschränkung von politischem Geschehen und persönlicher Liebestragödie aber auch im Politbetrieb der Gegenwart. Claus Guth ist das 2005 in der Oper Frankfurt reizvoll gelungen. Er schickte den Regenten Riccardo und dessen Sekretär Renato seinerzeit in die grauen Gänge einer Parteizentrale und die Spießigkeit bröckelnder gutbürgerlicher Existenzen.

          Neuinszenierung in den zwanziger Jahren

          In der Neuinszenierung am Staatstheater Wiesbaden, die zugleich die Internationalen Maifestspiele eröffnete, lässt die Regisseurin Beka Savić Verdis Oper nun in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts spielen, in einer dunklen, mafiösen und waffenstarrenden Umgebung. Ein Vorteil dieser letztlich willkürlichen Plazierung mag darin liegen, dass sich die finale Maskenballszene auf diese Weise opulent im Stil des Art déco ausschmücken lässt.

          Nicht nur hier bieten Luis Carvalhos Bühnenbild und Selena Orbs stilsichere Kostüme dem Auge Nahrung. Zuvor hat sich vieles inmitten von Nebelschwaden vor abweisenden Fassaden ereignet, auf denen ein Filmplakat Liebe schon vor dem Frühstück verspricht, außerdem in einer Unterweltbar, in der die Wahrsagerin Ulrica (herb: Marie-Nicole Lemieux) Riccardos baldigen Tod prophezeit. Nur bleibt vieles eben Dekor, erzählt Savić artig und ohne tiefergehendes Konzept an der Handlung entlang.

          Karikatur von Oper

          Die ehemalige Spielleiterin am Staatstheater Wiesbaden greift dabei immer wieder auf das gut abgehangene Vokabular des Regiehandwerklichen zurück. Gleich der erste große Auftritt wird von einer Fotografenriege samt Blitzlichtgewitter begleitet, und wenn Amelia sich und Renato an den gemeinsamen Sohn erinnert, liegt eine Spielzeuglok zum Greifen nahe. Vor allem aber wird die Szene immer wieder von einer Tendenz zum Tableau, zum Standbildhaften ausgebremst. Darauf verlässt die Regisseurin sich sogar dann, wenn große Ensembles nach einem weit beherzteren Zugriff verlangen.

          Vollends zur Karikatur von Oper wird in Wiesbaden das Ende des Werks, als dem von Renato während des Maskenballs gemeuchelten Riccardo großflächig das Kunstblut aus der Brust spritzt und der zuverlässige Tenor Arnold Rutkowski nach seinem Schwanengesang sterbend hinplumpst wie ein nasser Sack. Sein Handwerk voll im Griff hat Wiesbadens Generalmusikdirektor Patrick Lange. Er bringt, weit mehr als die Regie, die dunklen Farben des Dramas zum Leuchten, betont häufig die tiefen melodischen Linien und gestaltet mit einer Flexibilität des Tempos, die zwischen dem fatalen Trieb der Handlung und der Musik nach vorne sowie ihrem plötzlichen Innehalten immer wieder für starke Spannungsmomente sorgt.

          Nicht alle Solisten gestalten das so präzise mit, wie es der quirlig-hellen Gloria Rehm in der Hosenrolle des Dieners Oscar und dem von Albert Horne vorzüglich einstudierten Chor samt Extrachor gelingt. Vor allem Vladislav Sulimsky kann sich in der Partie des Renato nicht ganz von einer leichten Starre des Ausdrucks frei machen, auch wenn sein konzentrierter Bariton elegant strömt. Die Verschwörer Tom und Samuel, mit denen er sich gegen den Rivalen Riccardo verbündet, werden von Florian Kontschak und Young Doo Park treffend schematisch dargestellt. Offen und hinsichtlich der Intonation manchmal etwas vage, in jedem Fall aber mit dem treffenden dramatischen Zugriff beglaubigt Adina Aaron die Partie der Amelia als die eigentlich zentrale Rolle des Dramas, das die Maifestspiele vor allem musikalisch glanzvoll eröffnete.

          Weitere Vorstellungen am 5. und 18. Mai sowie am 2., 7. und 10. Juni von jeweils 19.30 Uhr an

          Weitere Themen

          Zeichnungen wie Musik

          Zeitgenössische Kunst : Zeichnungen wie Musik

          Kunst zum Klingen bringen: Die Zeichnungen Lena Ditlmanns lassen an musikalische Kompositionen denken. Frankfurt sei eine gute Stadt, um Künstlerin zu sein, sagt sie.

          Topmeldungen

          Handelsabkommen mit Bolsonaro : Berlin ist dafür, Paris dagegen

          Die Bundesregierung will das Mercosur-Freihandelsabkommens ratifizieren. Frankreich und andere EU-Staaten hatten wegen der Haltung Brasiliens zu den Bränden am Amazonas eine Blockade gefordert. Droht kurz vor dem G-7-Gipfel Streit zwischen Berlin und Paris?
          Wer macht’s? Annalena Baerbock und Robert Habeck

          Grüne Kanzlerkandidatur : Baerbock oder Habeck?

          Die grüne Spitze kommt gut an. Doch Annalena Baerbock und Robert Habeck wollen nicht darüber reden, wer Kanzlerkandidat wird und mit wem sie im Bund koalieren wollen.
          Verkehrsminister Andreas Scheuer

          Maut-Debakel : Neue Vorwürfe gegen Scheuer

          Die Pkw-Maut kommt nicht - jetzt werden die Verträge aufgearbeitet. Hat Verkehrsminister Scheuer getrickst, damit die Mauterhebung billiger aussieht?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.