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Grab für Sportkameraden : Vereinsliebe über den Tod hinaus

  • -Aktualisiert am

Gegen das Vergessen: Gedenkstein für Vereinsmitglieder der Turngemeinde Bornheim. Bild: Wolfgang Eilmes

Wahre Liebe kann nicht einmal der Tod trennen. Ein Frankfurter Sportverein bietet eine gemeinsame Grabstelle für besonders verdienstvolle Mitglieder.

          Dass die TG Bornheim für Inge Hammer nicht irgendein Verein ist, sieht man gleich. Die 82 Jahre alte Frau, die im Rollstuhl sitzend die Tür öffnet, trägt einen grauen Pullover mit dem Logo des Traditionsvereins auf der Brust. Langsam rollt die Rentnerin durch den Flur ins Wohnzimmer und gießt sich eine Tasse Tee ein. Auch auf der Tasse prangt das Zeichen der Turngemeinde. Und selbst auf dem Grab, in dem sie sich später einmal beerdigen lassen will, steht ein Stein mit dem Vereinssignet.

          Wegen einer Fußverletzung ist sie seit einem Jahr auf den Rollstuhl angewiesen. Monatelang konnte sie sogar das Bett nicht verlassen. Inzwischen geht es ihr aber wieder gut. Nur die Beine sind aufgrund mangelnder Bewegung etwas schwach. Auf einen Rollator gestützt, geht sie jetzt täglich in der Wohnung auf und ab, um ihre Muskulatur aufzubauen. 40 Schritte schaffe sie schon, sagt sie. Dass es gesundheitlich wieder bergauf gehe, liege auch daran, dass sie ihr ganzes Leben lang Sportkurse der Turngemeinde besucht habe.

          Wenn Inge Hammer über den Bornheimer Sportverein spricht, bekommt ihre Stimme einen liebevollen, beinahe zärtlichen Ton. Fast so, als würde sie von ihrer besten Freundin erzählen. Und tatsächlich ist die Beziehung, die Hammer zu der Turngemeinde hat, mit einer lebenslangen Freundschaft zu vergleichen.

          Waschechtes „Bernemer Mädsche“

          Als waschechtes „Bernemer Mädsche“ sei sie von ihrer Mutter schon im Kinderwagen in die Turngemeinde gefahren worden, erzählt Hammer. Anfänglich allerdings nur, um der älteren Schwester beim Turnen zuzusehen. Als sie selbst alt genug war, nahm auch sie am Unterricht teil. Später kamen noch Tanzen und Leichtathletik dazu. „Eigentlich habe ich alles schon mal ausprobiert“, sagt die Rentnerin. Auch als Erwachsene blieb sie dem Verein treu. War jahrelang Mitglied des Vorstands und Leiterin der Seniorengruppe. Für diese organisierte sie Ausflüge in die ganze Republik. Noch heute riefen Leute an und bedankten sich für die vielen schönen Erlebnisse, sagt sie.

          Die TG Bornheim hat Inge Hammer ihr Leben lang begleitet. Das soll auch nach ihrem Tod so bleiben. Denn anstatt sich in einem eigenen Grab beerdigen zu lassen, will die Zweiundachtzigjährige neben ihren Sportkameraden in der vereinseigenen Grabstelle auf dem Bornheimer Friedhof bestattet werden.

          Seit neun Jahren gibt es die letzte Ruhestätte für Mitglieder. Das Urnengrab liegt nahe der Trauerhalle des Bornheimer Friedhofs. In der Mitte einer rund 15 Meter langen und ebenso breiten Rasenfläche steht der schlichtgehaltene Stein mit dem Logo der Turngemeinde. Er ist auf der einen Seite Grab- und auf der anderen Seite Gedenkstele. Denn er erinnert auch an Mitglieder, die hier zwar nicht bestattet sind, aber wichtig für den Verein waren.

          Namen in Stein gemeißelt

          Wer die Namen auf dem Stein liest, dem kommt es vor, als blättere er in einer Chronik Bornheims. An Franz Steul vom stadtbekannten Spielzeugladen „Meder“ wird erinnert oder auch an Arthur Böttgen vom gleichnamigen Fahrradgeschäft. Und der Gynäkologe Roland Flad, der Hunderte Bornheimer Kinder zur Welt geholt hat, liegt hier sogar begraben.

          Die Idee zur vereinseigenen Grab- und Gedenkstätte kam Peter Völker, dem Vorstandsvorsitzenden der TG Bornheim, 2010. In jenem Jahr verstarben sieben langjährige Mitglieder und ehrenamtliche Helfer der Turngemeinde. „Wir wollten diesen Menschen unsere Dankbarkeit zeigen und ihnen etwas zurückgeben“, sagt Völker. Außerdem seien immer wieder alleinstehende Mitglieder zu ihm gekommen. Sie hätten sich Sorgen gemacht, was nach ihrem Tod mit ihnen passiere und wer sich um ihr Grab kümmern werde. „Jetzt sind sie beruhigt, weil sie wissen, wo sie später mal unterkommen“, sagt Völker.

          Auch Inge Hammer hat weder Mann noch Kinder. Eigentlich hatte sie schon alle Einzelheiten der Beerdigung mit den Behörden geklärt. „Aber dann kam Peter und meinte, ich könne mich doch nicht einfach irgendwo bestatten lassen“, sagt sie. Die Idee, im Kreise ihrer langjährigen Sportfreunde beerdigt zu werden, habe ihr so gut gefallen, dass sie ihre Pläne geändert habe. „Die TG Bornheim ist schließlich meine Familie“, sagt sie.

          Größter Sportverein Hessens

          In Frankfurt ist die Turngemeinde, die mit rund 30.000 Mitgliedern nach der Eintracht der größte Sportverein in Hessen ist, der einzige Verein, der eine eigene Grabstelle auf einem der städtischen Friedhöfe besitzt. Auch bundesweit bieten nur wenige Vereine ihren Mitgliedern diese Möglichkeit. Schalke 04 und der Hamburger HSV zählen dazu. Die Klubs der Fußball-Bundesliga haben sogar einen eigenen Friedhof für ihre Mitglieder anlegen lassen.

          In Bornheim waren ursprünglich nur 20 Gräber geplant gewesen. Weil die Nachfrage aber so groß war, verdoppelte die Turngemeinde die Gräberzahl. Bereits 15 Vereinsmitglieder hätten sich eine Grabstelle reservieren lassen, sagt Peter Völker. Bestattet wurden bislang nur zwei. Die Friedhofsgebühren und die Kosten für die Pflege des Grabs übernimmt der Verein. Lediglich das Bestattungsinstitut müssen die Mitglieder selbst bezahlen.

          Inge Hammer denkt noch lange nicht ans Sterben. „Erst mal will ich wieder richtig fit werden“, sagt sie. Ihr Ziel ist es, im Sommer vor dem Café Wacker am Uhrtürmchen zu sitzen und das Treiben der Leute zu beobachten. Als ob sie beweisen wollte, wie fit sie schon wieder ist, streckt die Rentnerin ihr rechtes Bein in die Luft, umgreift ihre Zehen und sagt: „Weil ich mein Leben lang Sport gemacht habe, kann ich das noch immer.“

           

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