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Das Verbraucherthema : Neuer Anlauf für den Energiepass

Alles im gelben Bereich: Kennziffern aus dem Energieausweis müssen künftig in Immobilienanzeigen veröffentlicht werden Bild: Dena

Mit neuen Vorschriften zum Energiesparen nimmt die Politik Hausbesitzer in die Pflicht. Das ist schlecht für ältere Eigentümer. Profiteure sind vor allem Handwerker. Das Verbraucherthema.

          3 Min.

          Erinnert sich noch jemand an den Energieausweis? Vor gut fünf Jahren wurde das Dokument eingeführt, das den energetischen Zustand eines Gebäudes bewertet und so Mietern wie Käufern helfen soll, die Nebenkosten besser einzuschätzen. Nur auf Nachfrage musste der Pass bisher vom Eigentümer vorgezeigt werden.

          Petra Kirchhoff

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Fragt man Makler und Vertreter von Eigentümerverbänden nach der Bedeutung, winken sie ab. „Danach fragt kein Mieter“, sagt Nicolaus Jung, Geschäftsführer von Haus & Grund Frankfurt. „Die Vorzeigepflicht wurde bisher nur rudimentär erfüllt“, meint Frank Alexander, Geschäftsführer der Maklerfirma Hermann Immobilien. Der Makler weiß: „Wenn der Kaufpreis stimmt, nimmt der Kunde auch einen schlechteren Energiewert in Kauf.“

          Mit den neuen Regeln der Energieeinsparverordnung (EnEV), die zum 1. Mai in Kraft treten, könnte der Energiepass nach Einschätzung der Fachleute jedoch an Bedeutung gewinnen. Künftig müssen Immobilienanzeigen in Zeitungen und Internetportalen auch über den energetischen Zustand eines Gebäudes informieren. Außerdem müsse der Ausweis Kauf- und Mietinteressenten unaufgefordert vorgelegt werden.

          Zum 1. Mai wird es spannend

          Was der Verbraucher aus den Informationen versteht, steht auf einem anderen Blatt. Die meisten richteten sich nach der Farbskala, die den Endenergieverbrauch pro Quadratmeter und Jahr dokumentiere, sagt eine Sprecherin vom Verband Privater Bauherren. Der Energiebedarf werde aber nicht individuell gerechnet und erklärt. Künftig soll die Einteilung in Effizienzklassen ähnlich wie bei Waschmaschinen und Kühlschränken das Bewusstsein für den Energieverbrauch schärfen.

          Von Anfang an hatten Eigentümerverbände zudem kritisiert, dass zwei Ausweisvarianten zugelassen sind. Der Verbrauchsausweis, zu dem viele Eigentümer wegen der geringeren Kosten greifen, ermittelt lediglich den durchschnittlichen Energieverbrauch eines Gebäudes über die letzten drei Jahre und kann zu verfälschten Ergebnissen führen, wenn etwa Wohnungen schon längere Zeit leer stehen oder einige Bewohner sparsam heizen. Aussagekräftiger und teurer ist der Bedarfsausweis, bei dem ein Experte auch die Bausubstanz und Heiztechnik mit bewertet. Die durchschnittlichen Kosten hiefür beziffert die Deutsche Energie-Agentur (Dena), die als halbstaatliche Institution Schnittstelle zwischen Politik und Wirtschaft ist, bei einem Einfamilienhaus mit 200 bis 1000 Euro. Die Verbrauchsvariante gebe es für 25 bis 100 Euro.

          Mit Spannung darf erwartet werden, wie die neuen Vorschriften für Inserate vom 1. Mai an umgesetzt werden. „Wir weisen unsere Kunden auf die neue Pflicht hin, richten aber kein Extra-Pflichtfeld dafür ein“, sagt ein Sprecher des Internetportals Immoscout24.

          Prüfung im „Rahmen des Ermessens“

          Gleichwohl: Wer sich nicht an die Veröffentlichungspflicht hält, begeht eine Ordnungswidrigkeit, für die ein Bußgeld bis zu 15.000 Euro angesetzt ist. Prüfen sollen das laut Dena die Unteren Bauaufsichtsbehörden. Dort hält sich die Begeisterung in Grenzen. „Wir machen das im Rahmen des Ermessens“, heißt es etwa bei der Bauaufsicht der Stadt Frankfurt.

          Und es gibt noch mehr neue Vorschriften. So müssen die Eigentümer älterer Immobilien handeln, wenn Geschossdecken ungedämmt und Heizungskessel veraltet sind. Allerdings gilt dies nur für Besitzer von Ein- und Zweifamilienhäusern, die ihre Immobilie zum Stichtag 1. Februar 2002 nicht selbst nutzten, also später eingezogen sind. Für Geschossdecken gibt es die Dämmpflicht schon seit 2011. Allerdings waren die Vorgaben so unpräzise, wie Eigentümerverbände kritisieren, dass nachjustiert werden musste. Doch auch jetzt ist ein Fachmann nötig, um einschätzen zu können, ob und was gemacht werden muss. „Der Gesetzgeber macht es sich ziemlich leicht“, kritisiert Eigentümer-Vertreter Jung.

          „Geld von den Kindern leihen“

          Der Verband Privater Bauherren sieht grundsätzlich das Problem, dass sich Hausbesitzer einen Handwerker zur Begutachtung ins Haus holen, der unter Umständen nur seinen eigenen Auftragszettel im Blick hat. Auch werde das Thema Dämmung viel zu hoch gehängt. „Ein unabhängiger Berater hat immer die ganze Immobilie im Blick und weiß, was auch mit wenig Geldeinsatz gemacht werden kann“, sagt die Sprecherin des Verbandes. Zudem treffe die Modernisierungspflicht unter Umständen ältere Menschen, die solche Arbeiten von der Rente allein nicht stemmen könnten, aber auch keinen Kredit mehr bei der Bank bekommen. „Die müssen sich dann Geld bei den Kindern leihen.“

          Dieses Problem sieht auch Jounes Ehrhardt, Geschäftsführer von Haus & Grund Hessen, im Prinzip seien die neuen EnEV-Vorschriften jedoch sinnvoll. Ehrhardt erinnert daran: „Die Energiewende ist politisch und gesellschaftlich gewollt, und bei den Immobilien im Bestand gibt es noch viel Potential.“ Immerhin sei die ursprüngliche Idee, Eigentümer grundsätzlich zur Modernisierung zu zwingen, vom Tisch. „So gesehen, sind die Eigentümer noch mit einem blauen Auge davongekommen“, sagt Ehrhart.

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