https://www.faz.net/-gzg-9kv15

Drittes Reich : Ruhm und Schatten eines Ehrenbürgers

  • -Aktualisiert am

Auch mit dunklen Seiten: Hugo Eberhardt Bild: Cornelia Sick

Offenbach hat dem früheren Direktor des Deutschen Ledermuseums, Hugo Eberhardt, viel zu verdanken. Aber seine zweifelhafte Rolle im „Dritten Reich“ untersucht nun erstmals ein Historiker.

          4 Min.

          Hugo Eberhardt hat das von ihm 1917 gegründete Deutsche Ledermuseum nie verlassen. Die Urne des Museumdirektors, Hochschulleiters und Architekten ruht in einer Seitenwand des nach ihm benannten Veranstaltungssaals im Museum an der Frankfurter Straße, dem 1938 bezogenen einstigen Lagerhaus. Der Schatten Eberhardts lastet, im Guten wie im Schlimmen, bis heute auf dem Deutschen Ledermuseum, das international aufgrund seiner ungewöhnlichen Sammlungen einzigartig ist.

          Der Frankfurter Historiker Andreas Hansert fasste seine Forschungsergebnisse zum Wirken Eberhardts in einem Vortrag so zusammen: „Offenbach hat Hugo Eberhardt viel zu verdanken, aber es hat ihm auch viel nachgesehen. Geschichtspolitisch steckt Offenbach in der Beziehungsfalle. Ruhm und Schatten seines Ehrenbürgers: Offenbach hat sich bislang einseitig für den Ruhm entschieden. Es muss aber beides annehmen.“

          Zum Ehrenbürger ernannt

          1952 wurde Eberhardt zum Offenbacher Ehrenbürger ernannt. Er erhielt das Bundesverdienstkreuz. Auch eine Straße heißt nach ihm. Und Bundespräsident Theodor Heuss besuchte das Ledermuseum, nicht zuletzt, weil er und Eberhardt durch ihre Mitgliedschaft im Deutschen Werkbund miteinander bekannt waren.

          Hansert untersucht seit 2016 im Auftrag der Stadt und unterstützt von der Hochschule für Gestaltung, deren Vorläuferinstitute Eberhardt zwischen 1907 und 1940 als Direktor vorstand, die Rolle von drei für das Offenbacher Kulturleben wichtigen Persönlichkeiten während des Nationalsozialismus. Außer Hugo Eberhardt (1874–1959) sind das der Schriftkünstler Rudolf Koch (1876–1934) und Karl Klingspor (1868–1950), Inhaber der „Schriftgießerei Gebr. Klingspor“, die den Jugendstil ästhetisch mitprägte und für die Koch viele Schriften gestaltete.

          Trotz Finanznot

          Für Hanserts Forschungsvorhaben stehen mehr als 100.000 Euro zur Verfügung. Das Ergebnis will der Historiker im Herbst als Buch vorlegen. Dass sich Offenbach trotz Finanznot des Themas angenommen und viel Geld bereitgestellt hat, findet der Historiker „bemerkenswert“.

          Im jüngsten Zwischenbericht schreibt Hansert, obschon Eberhardt erst 1941 in die NSDAP eingetreten sei, habe er die damalige Kunstgewerbeschule nach Hitlers Machtübernahme auf NS-Kurs gebracht. Studenten seien zum Wehrsport mit der Waffe verpflichtet worden. In beachtlichem Umfang sei NS-Propagandamaterial erstellt worden – etwa Einbände für Hitlers Schrift „Mein Kampf“.

          Kulturfeindliche und hetzerische Aktion

          An der Bücherverbrennung am 22. Mai 1933 auf dem Hof des Isenburger Schlosses hat er wohl nicht mitgewirkt, wenngleich Professoren und Studenten der Hochschule sich daran beteiligten. Ein wichtiger Grund für Eberhardts Distanz zu der hetzerischen und kulturfeindlichen „Richard-Wagner-Feier“ genannten Aktion dürfte seine Ablehnung des „Radau-Radikalismus“ unterer Chargen der NSDAP gewesen sein. In Offenbach war der Vorsitzende des „Kampfbunds für deutsche Kultur“, der Pfarrer Josef Maria Weeber, bei der Bücherverbrennung die treibende Kraft. Zwischen Eberhardt und Weeber gab es laut Hansert eine „Divergenz“. Er zitiert einen NSDAP-Aktivisten: „Vom Nationalsozialismus ist E weiter entfernt als der Mond von der Erde.“

          Wie sich erweisen sollte, hielt es „E“ hingegen mit den oberen Repräsentanten des NS-Staates. Eberhard war gut bekannt mit Hessens NS-Gauleiter Jakob Sprenger, einem rabiaten Antisemiten, der ihn auf vielfältige Weise protegierte. Inwieweit Eberhardts Konservatismus in Fragen der Ästhetik und der Politik ihm die Zusammenarbeit mit den Nazis nahelegte, um die Existenz der Hochschule ebenso wie des Ledermuseums zu sichern, deren Angebot und Sammlungen gar zu erweitern, bleibt eine offene Frage.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Brexit-Deal : Kein Tag der Entscheidung

          Auch Boris Johnson ist nicht immun gegen das, was seiner Vorgängerin Theresa May widerfahren war. Mehr als drei Jahre nach dem Referendum liegt der Austritt des Vereinigten Königreichs weiter im Nebel. Vielleicht kann das bei einem Thema von dieser Bedeutung nicht anders sein.
          Ohne Worte: Die Bayern um Manuel Neuer sind enttäuscht.

          Wildes Spiel in Augsburg : Später Bayern-Schock nach Lewandowski-Rekord

          In der Anfangsphase gibt es für den FC Bayern gleich zwei schlechte Nachrichten: Ein früher Rückstand und ein wohl langer Ausfall von Niklas Süle. Danach sieht es auch dank Lewandowski lange gut aus, ehe in der Nachspielzeit alles noch schlimmer kommt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.