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Drittes Reich : Ruhm und Schatten eines Ehrenbürgers

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„Heikler Punkt“

Hansert lässt keinen Zweifel daran, dass es einen „heiklen Punkt“ im Wirken von Eberhardt gibt: dessen Antisemitismus. Klar wird das vor allem am Bestreben, Exponate ins Ledermuseum zu holen, die aus dem Besitz von Juden stammten – etwa aus der Sammlung Rothschild in Wien. Auf diese Objekte wurde Eberhardt 1940 in Österreich aufmerksam. Im Landesmuseum Linz habe er Exponate gesehen, die ihn „elektrisiert“ hätten: Lederschnittarbeiten aus der Gotik und der Renaissance, Taschen, historisches Schuhwerk, alles von erlesenster Qualität. Eberhardt versuchte, diese Exponate in sein Offenbacher Museum zu holen.

„Ohne Hemmungen ließ sich Eberhardt, um sein Ziel zu erreichen, jetzt zu beispiellosen antijüdischen Ausfällen hinreißen“, konstatiert Hansert. An seinen Vertrauten in Hitlers Reichskanzlei, Kabinettsrat Willuhn, schrieb Eberhardt am 9. Dezember 1940: „Seit meiner Museumsarbeit geriet mein Herz noch nie so in Erregung, wie bei diesem Anblick.“ Mit diesen Stücken, 15 bis 20, werde das Offenbacher Haus weltweit zur bedeutendsten Sammlung für Lederschnittarbeiten der Gotik und der Renaissance werden: „Ein Wunschtraum meines Lebens.“

„Jüdisch versippter Künstler“

Eberhardt fährt fort: „Warum soll so etwas nach Linz kommen, das mit Leder keinerlei Verbindung hat? Warum nicht an das Zentralmuseum der deutschen Lederwirtschaft in Offenbach?“ Warum solle Offenbach – „aus dem der Jude so viel an Wirtschaftswerten, an Kenntnissen von Material, Absatzgebieten, Ursprungsländern, Arbeitsweisen“ auch ins Ausland verschleppt habe – nicht aus dem von Juden zusammengebrachten Kunstbesitz eine „gewisse Ausgleichszahlung“ bekommen?, so Eberhardt. Schließlich fragt er Willuhn: „Was habe ich zu tun, um zu erreichen, dass allgemein die Hinterlassenschaften der emigrierten Juden an schönen Lederarbeiten dem Deutschen Ledermuseum zu fallen?“ Die in Linz aufbewahrten Exponate aus der Sammlung Rothschild behält er dabei im Blick.

Dass Eberhardts Bestrebungen erfolglos waren, ändert für Hansert nichts am Umstand, dass er eine „offenbar tiefer sitzende antisemitische Einstellung“ gehabt habe, die er je nach Opportunität aber auch geschickt zurückzuhalten gewusst habe. Laut Hanserts Untersuchung scheute Eberhardt nicht davor zurück, den renommierten Illustrator, den Protestanten Fritz Kredel, ehedem ein enger Mitarbeiter von Rudolf Koch, im Nazi-Jargon als „jüdisch versippten Künstler“ zu bezeichnen, da Kredel „leider eine Jüdin“ geheiratet habe. Zugleich befürwortete Eberhardt, um den Umbau des ehemaligen städtischen Lagerhauses für das Ledermuseum zu finanzieren, eine Umlage für die Betriebe der Lederwarenbranche zu erheben, an der „natürlich auch die Nichtarier zu beteiligen wären“.

Dass Eberhardt im April 1948 beim Entnazifizierungsverfahren in die Gruppe der Mitläufer eingestuft wurde, obwohl der Spruchkammer schwerwiegendes Belastungsmaterial vorgelegen habe, verwundert Hansert. Dieses Material sei „vollkommen ignoriert worden“. Die „Geldsühne“ in Höhe von 1200 Reichsmark habe Eberhardt rasch bezahlt, da er schnell wieder „sein Museum“ habe übernehmen wollen.

Im Juni 1946 war Eberhardt als Direktor des Deutschen Ledermuseums vom hessischen Kultusministerium entlassen worden, galt er doch aufgrund seines Handelns während der Hitler-Diktatur als „politisch stark belastet“. Doch er musste nur anderthalb Jahre warten, bis ihn die Landesregierung wieder als Direktor des Ledermuseums tätig werden ließ.

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