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Universitätsklinikum Frankfurt : Neue Freude an alltäglichen Geräuschen

  • -Aktualisiert am

Röntgen mit weniger Belastung: Timo Stöver (links) mit Patientin Sylwia Swiston und Radiologe Thomas Vogl Bild: Wolfgang Eilmes

Technik macht möglich, dass Taube wieder hören können. Das Cochlea-Implantat gibt es schon länger. Jetzt können Ärzte der Universitätsklinik es exakter einsetzen mit Hilfe eines leistungsstarken Röntgengeräts.

          Wenn Regentropfen an das Fenster klopfen, der Wind durch die Zweige rauscht und die Uhr an der Wand laut tickt, freut sich Sylwia Swiston. Dass sie derartige Geräusche wieder hören könne, sei für sie „wie ein Wunder“, sagt die 28 Jahre alte Frau. Denn seit drei Jahren ist die gebürtige Polin, die seit 17 Jahren in Langen lebt, taub. Außer einem Rauschen habe sie nichts mehr gehört, sagt Swiston. Geändert hat sich das mit Hilfe technischer Geräte, die ihr Ohrenärzte der Frankfurter Universitätsklinik in den Kopf eingesetzt haben. Im Oktober erhielt sie ein sogenanntes Cochlea-Implantat am rechten Ohr, im Februar ein weiteres auf der linken Seite.

          Ingrid Karb

          Blattmacherin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Dass die Untersuchungen beim zweiten Mal für Swiston angenehmer und kürzer waren, lag nicht an der Wiederholung, sondern an einem neuen Röntgengerät, das die Uniklinik Anfang des Jahres angeschafft hat. Bei dem 150.000 Euro teuren Apparat handelt es sich um einen „digitalen Volumentomographen“, der auch für Röntgenbilder in Zahnarztpraxen eingesetzt wird. Nur ist das Gerät des finnischen Herstellers weiterentwickelt worden: Die Auflösung der Bilder sei dreimal besser und die Strahlung um bis zu 95 Prozent niedriger, berichtet Thomas Vogl, Direktor der Radiologie der Uniklinik. Deswegen könnten selbst Babys damit untersucht werden. Es handele sich um das leistungsstärkste Gerät auf der Welt. Frankfurt sei das einzige Universitätsklinikum in Deutschland, das es nutze.

          „Die Technik hätte eigentlich den Nobelpreis verdient.“

          Für die Untersuchung musste sich Swiston nicht mehr wie zuvor in eine Röhre legen, sondern konnte auf einem Stuhl Platz nehmen. Ihre Stirn und ihr Kinn musste sie an ein Gestell pressen, ähnlich wie beim Augenarzt. Mit Hilfe eines Lichtstrahls wurde ihr Gesicht positioniert, bevor die Röntgenröhre um ihren Kopf rotierte. Das dauerte nur 16 Sekunden. Der Rechner setzte anschließend die Schnittbilder innerhalb weniger Minuten dreidimensional zusammen. Zuvor habe allein dieser Vorgang 20 Minuten gedauert, berichtet Vogl.

          Auf den detaillierten Aufnahmen untersuchen die Ärzte, ob die Hörmuschel (Cochlea) normal ausgebildet und der Hörnerv intakt ist. Nur dann komme die Technik, die es seit fast 30 Jahren gebe, in Frage, berichtet Timo Stöver, Direktor der Hals-Nasen-Ohren-Klinik. In den vergangenen Jahren habe sich aber einiges verändert: So erhielten auch Patienten Implantate, die noch etwas hörten, ergänzend zum Hörgerät. Und die Kassen übernähmen Kosten für beide Seiten.

          Anhand der Bilder erkennen die Ärzte die anatomischen Gegebenheiten, bestimmen die richtige Größe und die beste Position für das Implantat. Zugleich wird geschaut, wie die notwendigen Elektroden am besten ins Innenohr geführt werden können, ohne dabei Blutgefäße zu verletzen. Für den Eingriff, der unter Vollnarkose geschieht, reicht ein wenige Zentimeter langer Schnitt hinter dem Ohr. Früher seien dafür mehrere große quer über den Kopf nötig gewesen, erinnert sich Stöver.

          „Ohne etwas zu hören, hätte ich doch keine Chance gehabt“

          Bei Swiston sitzt jetzt auf beiden Seiten des Kopfes jeweils ein etwa münzgroßer Impulsgeber unter Haut und Haaren. Von dort führen Elektroden ins Innenohr, um Impulse über den Hörnerv ins Gehirn zu leiten. Zum Hören benötigt Swiston aber noch äußerlich zu tragende Geräte, die mit Batterie oder Akku betrieben werden. Dabei handelt es sich um zwei miteinander verbundene Teile: eine Art Hörgerät, das an die Ohrmuschel gehängt wird, und einen Sensor, der mittels Magnet am Implantat hängt. Mit dem Gerät werden Geräusche in elektrische Impulse verwandelt, die je nach Lage der Elektrode in der Gehörmuschel von Swiston als hohe oder tiefe Töne wahrgenommen werden. Damit das Gerät optimal funktionieren kann, müssen die Elektroden exakt positioniert sein - auch das erleichtern die dreidimensionalen Bilder. Da jedoch jeder Mensch anders hört, muss die Technik in den ersten Wochen individuell abgestimmt werden. Danach müssen die Patienten mindestens einmal im Jahr zur Kontrolle in die Klinik kommen.

          Anfangs sei ihr alles viel zu laut gewesen, berichtet Swiston: Der laufende Wasserhahn und das Rascheln von Papier hätten sie erschreckt. Auch seien ihr Stimmen zunächst blechern und roboterhaft vorgekommen. Nach einiger Zeit klinge es jedoch fast normal. Inzwischen könne sie sogar wieder Musik hören, erkenne alle Töne und den Gesang. Telefoniert habe sie zuletzt vor 13 Jahren, berichtet die junge Frau. Das habe sie sich auch jetzt noch nicht zugetraut.

          Bis zum Alter von elf Jahren konnte Swiston ohne Einschränkungen hören, weshalb sie auch flüssig spricht. Erst danach nahm ihr Hörvermögen stückweise ab. Die Schule meisterte sie noch ohne Schwierigkeiten, doch im Studium besuchte sie kaum eine Vorlesung, da sie die Dozenten trotz Hörgeräten nicht verstand. Sie büffelte zu Hause und konnte vor kurzem das Studium der Wirtschaftswissenschaften mit einer Zwei abschließen. Auf Jobsuche hat sie sich noch nicht gemacht. „Ohne etwas zu hören, hätte ich doch keine Chance gehabt“, meint sie. Sie habe sich bisher nie Gedanken darüber gemacht, was sie wolle, sondern nur darüber, was überhaupt möglich sei.

          Viele seiner Patienten lebten in sozialer Isolation, berichtet Stöver. Die Cochlea-Implantate eröffneten ihnen neue private und berufliche Perspektiven. „Die Technik hätte eigentlich den Nobelpreis verdient.“ Denn nur der Hörsinn könne wiederhergestellt werden, kein anderes Sinnesorgan lasse sich ersetzen.

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