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Preise klettern : Verband: Hessen muss mehr für Wohnungsbau tun

  • Aktualisiert am

Mangelware: Neubau für Wohnungen Bild: ddp

Steigende Mieten, kletternde Preise für Eigentum und Wohnungsmangel: Die Landesregierung will mit einem Masterplan gegensteuern. In Frankfurt steigen die Kosten für Eigentumswohnungen weiter kräftig - gefordert wird eine „aktive Bodenpolitik“.

          Mehr Geld und neue Programme sollen die steigende Wohnungsnot in Hessens Ballungsräumen lindern. „Um neuen Wohnraum zu schaffen, ist ein nachhaltiges Engagement notwendig“, sagte Axel Tausendpfund, Direktor des Verbands der Südwestdeutschen Wohnungswirtschaft (VdW), am Dienstag in Wiesbaden. Der VdW vertritt die Interessen von etwa 200 privaten und öffentlichen Unternehmen der Wohnungswirtschaft, denen 400.000 Wohnungen in Hessen und dem südlichen Rheinland-Pfalz gehören.

          Tausendpfund forderte von der Landesregierung eine intensivere und nachhaltigere Wohnungsbauförderung. „Der Boom ist vorbei, bevor er richtig angefangen hat“, sagte Tausendpfund. Nach Angaben des Verbands gingen die Baugenehmigungen Ende des vergangenen Jahres um 5,1 Prozent im Vergleich zum Vorjahresquartal zurück.

          Preise klettern weiter

          Derweil geht es mit den Preisen für Wohnraum weiter nach oben, in Frankfurt klettern die Preise für neue Eigentumswohnungen gar unvermindert zweistellig. So kostete hier im vergangenen Jahr der Stadt zufolge eine gewöhnliche Wohnung (ohne Penthouse oder Maisonette) im Schnitt pro Quadratmeter 5380 Euro. Das waren 13 Prozent mehr als 2016. Für neue Wohnungen in Hochhäusern wurden im Schnitt 7200 Euro bezahlt - das waren „nur“ sechs Prozent mehr.

          Frankfurts Planungsdezernent Mike Josef (SPD) betonte, für die breite Bevölkerung seien freifinanzierte Wohnungen in Frankfurt praktisch nicht mehr finanzierbar. Als „besonders besorgniserregend“ bezeichnete es Josef, dass in Frankfurt erstmals im vergangenen Jahr im Hochpreissegment zwischen 5000 und 7000 Euro anteilsmäßig die meisten Wohnungen entstanden seien.

          „Wir hecheln nur hinterher“

          Josef forderte auf Bundesebene eine „aktive Bodenpolitik“, damit Kommunen beim Verkauf von Grundstücken Planungsgewinne abschöpfen könnten. Angesichts der hohen Grundstückspreise könnten Kommunen beim Bau von geförderten Wohnungen gar nicht nachkommen. „Wir hecheln nur hinterher.“ Er schlug auch vor, dass die derzeit allein an das Land fließenden Gelder aus der Grunderwerbssteuer in Höhe von 2,7 Milliarden Euro künftig den Kommunen zu Gute kommen sollten. Damit könnte ein „Bodenfonds“ geschaffen werden, mit dem städtische Gesellschaften oder Stiftungen benötigtes Bauland erwerben könnten.

          Tausendfund vom VdW unterstrich in Wiesbaden, derzeit sei das Thema Bauen und Wohnen auf unterschiedliche Ministerien verteilt. Er plädierte für ein eigenständiges Bau- und Infrastrukturministerium. „Das wäre ein deutliches Statement der Landesregierung“, sagte der Verbandsdirektor. Infrastrukturthemen könnten dadurch mit dem Wohnungsbau verknüpft werden. Allerdings dürfe der Fokus nicht nur auf den Städten liegen, auch ländliche Regionen müssten gestärkt werden.

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          Die Stadt-Land-Problematik müsse nicht zwingend in einem eigenen Bau- und Infrastrukturministerium bearbeitet werden, erklärte indes eine Sprecherin des Umweltministeriums. Wichtiger sei der Austausch unter den Ministerien und deren Zusammenarbeit.

          Ende Oktober des vergangenen Jahres hatte die Landesregierung angekündigt, bis 2020 1,6 Milliarden Euro für die Wohnungsbauförderung zur Verfügung zu stellen. Durch ein neues Kommunalinvestitionsgesetz (KIP III) will sie in diesem Zeitraum 257 Millionen Euro bereitstellen. Diesen Masterplan nannte Tausendpfund einen „Schritt in die richtige Richtung.“ Außerdem will die Landesregierung die Bauordnung überarbeiten.

          Der VdW schlägt vor, eine Typengenehmigung für serielles und modulares Bauen, also mit vorgefertigten Teilen, einzuführen. „Das würde das Bauen deutlich vereinfachen, beschleunigen und billiger machen“, erklärte Tausendpfund. Bisher sei dies in der Novelle der Bauordnung des Landes jedoch nicht vorgesehen. „Uns erschließt sich nicht, warum“, sagte der Verbandsdirektor. Bauherren könnten so einen einmal durch eine oberste Landesbaubehörde zentral genehmigten Haustyp in ganz Hessen realisieren.

          Der Deutsche Mieterbund in Hessen sieht das ähnlich. „So würde eine Hürde genommen, die die Preise momentan noch mehr nach oben treibt“, sagte Verbandsdirektorin Eva-Maria Winckelmann. Sie forderte zudem von den landeseigenen Wohnungsgesellschaften, mit gutem Beispiel voranzugehen und die Mietpreise etwa in Frankfurt nicht bis zum Mitspiegel zu erhöhen. „Wenn es die Landesregierung nicht tut, warum sollte es dann ein privater Vermieter tun?“, fragte Winckelmann.

          Nach Angaben des VdW bekommt Frankfurt jeden Monat 1000 neue Einwohner zusätzlich und braucht bis 2040 insgesamt 100 000 Wohnungen mehr als jetzt. „Das entspricht der Wohnungsanzahl von Kassel“, erklärte Tausendpfund. Das werde nicht gelingen. Deswegen sei es zwingend notwendig, die Regionen wieder stärker in den Wohnungsbau einzubeziehen. Durch sogenannte Nachverdichtung könnten in Frankfurt 15 000 bis 20 000 Wohnungen hinzugewonnen werden. Dabei würden innerhalb jetziger Stadtgrenzen beispielsweise Häuser aufgestockt.

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