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Fastenmonat : Schlechtes Abitur im Ramadan

Fasten in jungen Jahren: Schon im Grundschulalter wird gefastet. (Symbolbild) Bild: dpa

Der Lehrerverband VBE beobachtet das Fasten von Schülern mit kritischem Blick. Lehrer und Schulleiter wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen.

          Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) zeigt sich besorgt über hessische Grundschüler, die während des Ramadans tagsüber nicht essen und trinken. An den weiterführenden Schulen seien das muslimische Fasten und dessen Auswirkungen auf Leistungen, Unterricht und schulisches Miteinander schon länger Thema, sagt der Landesverbandsvorsitzende Stefan Wesselmann. Jetzt sei zu beobachten, dass auch immer mehr jüngere Kinder am Ramadan teilnähmen. „Das Phänomen verschiebt sich in Richtung Grundschule.“

          Matthias Trautsch

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Im Fastenmonat, der noch bis morgen dauert, ist strenggläubigen Muslimen die Nahrungsaufnahme vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Untergang verboten. Die tägliche Spanne ist in diesem Jahr besonders lang, weil der Ramadan in die hellsten Wochen fällt. Mehr als 16 Stunden dauert das Fasten – und zum Hunger während des Tages kommt der Schlafmangel, weil spätabends und frühmorgens gegessen wird.

          „Wenn es nicht anders geht, müssen die Eltern ihr Kind abholen kommen.“

          Darunter litten die schulischen Leistungen, sagt Wesselmann. Das sei zuletzt etwa beim mündlichen Abitur signifikant gewesen. Lehrer hätten berichtet, dass durstige und müde Prüflinge nicht die Ergebnisse erzielt hätten, die ihnen aufgrund der Vorleistungen zuzutrauen gewesen seien.

          Die Auswirkungen auf jüngere Kinder hätten sich in den vergangenen Wochen etwa bei den Bundesjugendspielen gezeigt. „Manchen Kindern wurde schwindelig, der Rettungsdienst musste ausrücken“, sagt der VBE-Vorsitzende. Für Lehrer sei es schwierig, einen Schüler, dem schlecht wird, davon zu überzeugen, dass er trinken oder essen müsse, wenn er das nicht wolle. „Wenn es nicht anders geht, müssen die Eltern ihr Kind abholen kommen.“

          Manche Kinder würden von ihren Familie zum Fasten angehalten, sagt Wesselmann. Allerdings gebe es auch jüngere Schüler, die von selbst damit anfingen. Eine Ursache sieht er in der Gruppendynamik: Die Kinder wollten in einer Gruppe von Gleichaltrigen mithalten und es den Großen gleichtun. An den weiterführenden Schulen entstehe teils ein regelrechter Wettstreit, wer strenger faste und damit der angeblich „bessere“ Muslim sei.

          Viele Lehrer und Schulleiter wüssten nicht, wie sie sich verhalten sollen, sagt Wesselmann. Zum Beispiel, wenn eine muslimische Familie beantrage, ihr Kind während des Ramadans vom Sportunterricht zu befreien. „Es geht um eine Güterabwägung zwischen Religionsfreiheit und Schulpflicht – beides hat Verfassungsrang.“ Wichtig sei, mit den Eltern ins Gespräch zu kommen und vernünftige Lösungen zu finden. Zum Beispiel könne es möglich sein, einen Langstreckenlauf bei den Bundesjugendspielen außerhalb des Fastenmonats zu absolvieren.

          Keine pädagogische Handreichung für Lehrer

          Vom Kultusministerium fordert der VBE mehr Unterstützung. Es gebe keine Vorgaben, wie mit dem Ramadan umzugehen sei. „Wir fühlen uns alleingelassen“, sagt Wesselmann. Ein Ministeriumssprecher bestätigte, dass es keine pädagogische Handreichung für Lehrer gibt, dafür hätten die Schulleiter eine Zusammenstellung der einschlägigen Rechtsprechung. Allgemeine Vorgaben seien nicht sinnvoll, weil jeder Fall anders gelagert sei, individuell abgewogen und entschieden werden müsse. Dabei könnten die Staatlichen Schulämter beratend zur Seite stehen. Allerdings halte sich die Häufigkeit diesbezüglicher Anfragen in Grenzen.

          Eine Möglichkeit zur Lösung von Konflikten sieht Wesselmann in der Kooperation mit islamischen Religionsgemeinschaften. „Unter Umständen respektieren die Eltern die religiöse Autorität mehr als die staatliche.“ Wie Selcuk Dogruer, Theologe und Landeskoordinator der islamischen Religionsgemeinschaft Ditib, sagt, setzt das Fastengebot erst mit der Religionsmündigkeit ein, also meist im Teenageralter. Es komme jedoch auf die persönliche Entwicklung an. „Wenn ein Kind mit zehn Jahren schon fasten will, sollte man das anerkennen.“ Niemand solle zum Ramadan gezwungen, aber auch niemand davon abgehalten werden.

          Gläubigen Eltern rät Dogruer, ihr Kind langsam an das Fasten heranzuführen, zum Beispiel halbtags oder am Wochenende. Anders als oft dargestellt, gebe es in der Schule nur selten Probleme mit dem Ramadan. Er wisse jedoch von Eltern, deren Kinder von Lehrern gezwungen worden seien, etwas zu trinken. Polarisierende Berichte über das Fasten führten zu einer Stigmatisierung und Ausgrenzung von Muslimen. Die Ditib stehe für ein harmonisches Verhältnis von Staat und Kirche. „Ich plädiere dafür, dass man Empathie und gegenseitiges Verständnis zeigt.“ Zum Beispiel sollte ein Lehrer, der viele muslimische Kinder unterrichte, die Klassenfahrt nach Möglichkeit so planen, dass sie außerhalb des Ramadans liege. In einer pluralistischen Gesellschaft seien die interkulturelle Kompetenz und die Toleranz besonders wichtig.

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