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Veränderungen im Einzelhandel : Bonbons neben Büchern, iPads neben Schuhen

Hat Bücher und noch einiges andere: Hugendubel in Frankfurt. Bild: Krause, Astis

Stück für Stück verändern Amazon & Co. den Einzelhandel der Region. Das Programm in den Läden wird bunter und breiter.

          Hugendubel verkleinert sich. Im Herbst wird das Buchgeschäft in Bad Homburg auf die andere Straßenseite ziehen, in eine ehemalige Schlecker-Filiale. Zwei Drittel kleiner wird die Verkaufsfläche dort sein. Das muss reichen. Denn der Buchhandel leidet wie sonst kaum eine Branche unter der Konkurrenz im Internet. In Deutschland wird jedes fünfte Buch längst von Amazon & Co. verkauft, wie man beim Institut für Handelsforschung in Köln schätzt.

          Manfred Köhler

          Stellvertretender Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und verantwortlicher Redakteur des Wirtschaftsmagazins Metropol.

          Thalia versucht es anders. In der Filiale im Main-Taunus-Zentrum findet man schon auch noch Bücher. Aber außerdem: großformatige Fotos fürs Wohnzimmer, T-Shirts von Eintracht Frankfurt, Geschenktüten und Marzipanschweine und Bonbons von Hussel. So sieht es eben aus, wenn einer Branche die Kunden davonlaufen. Zwar hat der Börsenverein des Deutschen Buchhandels am Freitag zufrieden vermeldet, dass im Mai die Ladengeschäfte unverhofft ihren Umsatz um sieben Prozent steigern konnten, verglichen mit dem Mai 2012. Doch wäre es verfrüht, von einer Trendwende zu sprechen. Der Anteil des Internethandels steigt seit Jahren, auch nach den Zahlen des Börsenvereins. Und das Buchhandelssterben geht weiter, wenn auch vorerst in Regionen mit weniger Kaufkraft wie dem Ruhrgebiet und noch nicht im Ballungsraum Frankfurt.

          Textilhändler sind noch immer dominant

          Doch Stück für Stück verändert das Internet den Einzelhandel in den Städten auch im Rhein-Main-Gebiet. Ob bei Karstadt, bei Peek & Cloppenburg oder bei Goertz: An nahezu jedem Geschäft entlang der Zeil in Frankfurt findet sich gleich neben dem Eingang die Internet-Adresse des Unternehmens. Im Schuhgeschäft Leiser, vormals Hako, hat man sogar in jeder Etage zwischen den Schuhen I-Pads aufgestellt, die die Homepage der Handelskette zeigen. Die Botschaft an die Kunden: Falls du demnächst schon nicht mehr ins Ladengeschäft kommen solltest, so bestelle im Internet wenigstens nicht bei anderen, sondern bei uns. Doch mit Zalando hat sich im Schuhmarkt längst wiederholt, was dem Buchhandel mit Amazon passiert ist: Ein Branchenneuling macht das Rennen. Schon werden 13 Prozent des Umsatzes der Branche in Deutschland online gemacht, vor fünf Jahren waren es gerade fünf Prozent.

          Innenstädte und Einkaufszentren ohne Buchhandlungen kann man sich schwer, ohne Schuhgeschäfte kaum vorstellen. Ohne Bekleidungsgeschäfte ginge es gar nicht. Doch auch wenn der Online-Anteil am Gesamtumsatz bei Oberbekleidung inzwischen nahezu so groß ist wie bei Büchern, dominieren Textilhändler weiterhin die Einkaufsmeilen. Zu groß sind die Umsätze, zu gewaltig ist der Wandlungsprozess, den diese Branche sowieso durchläuft, als dass der Aufschwung des Internets zu einem Ladensterben in dieser Branche hätte führen können: das Aufkommen von Ketten wie H & M, die ihre Ware anders als Peek & Cloppenburg selbst herstellen, auf dem deutschen Markt neue Anbieter wie Hollister oder Urban Outfitters und die zunehmende Verbreitung von Markengeschäften wie die von Boss oder Olymp, in denen die Hersteller ihre Kollektion besser präsentieren können als in den Kaufhäusern.

          Erlebniseinkauf soll den Umsatz ankurbeln

          Überhaupt darf man die Beharrungskräfte des über Jahrzehnte Etablierten nicht unterschätzen. Trotz Online-Bankings ist das Land weiter voller Bankfilialen und trotz des Internet-Versands von Medikamenten voller Apotheken. Andererseits: Die Spielzeuggeschäfte sind schon vor dem Aufkommen des Internet-Handels verschwunden, und auch dies haben die Fußgängerzonen überlebt. Fachleute meinen denn auch, die Zukunft werde mitnichten ein großes Ladensterben bringen, sondern eher immer neue Formen der Kooperation von Internet und stationären Vertrieb, wobei die Ladengeschäfte immer aufwendiger gestaltet werden müssen, um ein Einkaufserlebnis zu bieten, das der Kunde vor dem Rechner nicht hat. Im neuen Einkaufszentrum Skyline Plaza in Frankfurt wird sogar ein Versandhändler sein erstes Ladengeschäft eröffnen, das auf Taschen spezialisierte Unternehmen Mankamna aus Marburg. Auch so herum ist es also möglich.

          Erlebniseinkauf ist zwangsläufig an attraktiven Standorte leichter. Man kann das daran sehen, welcher architektonische Aufwand für eine Immobilie wie das Skyline Plaza getrieben wird; wer will, kann dort künftig auf dem Dach Boule spielen oder Weinstöcken beim Wachsen zusehen. An diesem Einkaufszentrum könnte sich allerdings auch zeigen, wie die Herausforderung des Internets auf eigene Weise einen ganz anderen Prozess beschleunigt: Wenn der Erlebniseinkauf immer stärker dominiert, leiden periphere Standorte. So sieht es auch Joachim Stoll, der Vorsitzende des Frankfurter Einzelhandelsverbands. Man werde sich daran gewöhnen müssen, dass in schlechten Lagen aus Ladenlokalen Büros werden.

          Stoll zählt zu den Einzelhändlern, die seit langem offline wie online präsent sind. Neben seinem Koffer-Fachgeschäft in Frankfurt betreibt er den Internetversender koffer24.de. Doch das reicht ihm nicht: Jetzt will auch er Tablet-PCs aufstellen. Aber nicht im eigenen Geschäft, sondern in anderen, die sonst gar keine Koffer verkaufen. Dort soll es spezielle Schnäppchen geben, der Kunde zahlt gleich an der dortigen Ladenkasse, die Ware wird nach Hause geliefert. Ist mal so eine Idee, niemand weiß, ob das funktioniert. Aber die Herausforderung Internet kann man nur auf eine einzige Weise erfolgreich begegnen: immer wieder Neues austüfteln.

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