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Veganer : Fleischlos den Planeten retten

  • -Aktualisiert am

Fastfood ohne Fleisch: Burc Ak (links) und Ali Ülger verkaufen in ihrem Imbiss Çigköfte, veganes Köfte. Bild: Wresch, Jonas

Veganern geht es um mehr als gesunde Ernährung. In Frankfurt hat sich ein ansehnliches Angebot entwickelt für diejenigen, die komplett auf tierische Produkte verzichten wollen. Ernährungswissenschaftler raten aber zur Vorsicht.

          Lydia Tänzer*. steht barfuß hinter einem Stand am Mainufer. Ihre naturgelockten Haare hat die 26 Jahre alte Studentin locker nach hinten gebunden, ihr Gesicht ist ungeschminkt. Auf dem Tisch vor ihr liegen Buttons mit der Aufschrift „Go Vegan!“, die Flyer daneben werben dafür, tierische Lebensmittel durch vegane zu ersetzen: pflanzlicher Aufschnitt statt Dauerwurst, Sojaschnitzel statt Steak, Ahornsirup statt Bienenhonig.

          Tänzer und ihre Gruppe wollen die Menschen über den Veganismus informieren. Vegan zu leben heißt, auf alle tierischen Nahrungsmittel zu verzichten, also neben Fisch und Fleisch auch Kuhmilch, Ziegenkäse, Eier und Honig von der Speisekarte zu streichen. „Trotzdem esse ich nicht den ganzen Tag Vollkorn“, sagt Tänzer und zeigt auf den Schokoladenkuchen und die Walnussmuffins. Beides wurde ohne tierische Zutaten gebacken. Zusammen mit Freunden wirbt die gebürtige Dortmunderin auf dem „Flowmarkt“ an der Sommerwerft am Main für „Frankfurt Vegan“, eine Gruppe von jungen Leuten, die sich vegan ernähren und für Tierrechte einsetzen.

          Der Vater war schon Vegetarier

          Derzeit will die Gruppe, die sich über den Verkauf von gebrauchter Kleidung sowie Spenden finanziert, darauf aufmerksam machen, dass die Haltung von Wildtieren im Zirkus aus ihrer Sicht nicht artgerecht ist. Tiere gehören ihrer Meinung nach ohnehin nicht in Käfige. Außerdem veranstalten die sechs immer wieder vegane Grill-Picknicks, um in lockerer Atmosphäre mit Interessierten ins Gespräch zu kommen und Seitan-Wurst, Gemüsespieße und Folienkartoffeln schmackhaft zu machen. Das Ziel, sich für eine komplett vegane Uni-Mensa einzusetzen, hat die Gruppe hingegen aufgegeben: „Das ist utopisch“, sagt einer der Mitglieder. Ein veganes Gericht gebe es aber immer, Tofu-Medaillons zum Beispiel oder Soja-Ragout. „Und zur Not kann man sich ja auch etwas von zu Hause mitbringen“, erklärt der Student.

          Tänzer selbst verzichtet seit fünf Jahren auf tierische Produkte. Ihr Vater ist Vegetarier, weshalb die Mutter oft fleischlos kochte. Der letzte Schritt, auch auf Honig, Milch und Eier zu verzichten, war für die Studentin deshalb ein kleiner. Zudem trägt sie keine Kleidung mehr aus Leder, Wolle und Pelz.

          Verein mit Gleichgesinnten gegründet

          Schwierigkeiten im Alltag bereite die Ernährung nicht. „Pizza schmeckt auch ohne Käse, in den meisten Imbissen gibt es vegane Falafel, selbst Dosenravioli mit Gemüsefüllung sind vegan“, sagt sie. Ohnehin bieten Großstädte wie Frankfurt mittlerweile ein ansehnliches Angebot für Veganer.

          Vor zwei Jahren hat sich Tänzer dann mit kulinarisch gleichgesinnten Freunden zusammengetan, um „Frankfurt Vegan“ zu gründen. Die Kerngruppe besteht aus vier jungen Frauen und zwei Männern, die meisten sind Studenten.

          Schon in der Antike fleischlos

          Der prototypische Veganer - wenn es ihn denn gibt - ist weiblich und gebildet, erklärt Claus Leitzmann. Wieviele Veganer genau in Deutschland leben, sei allerdings schwer zu ermitteln, sagt der Ernährungswissenschaftler, der viele Jahre an der Universität Gießen gelehrt hat. Schätzungen zufolge gibt es in Deutschland etwa sechs Millionen Vegetarier - das entspricht gut sieben Prozent der Bevölkerung. Von diesen sechs Millionen Menschen hätten sich wiederum rund zehn Prozent dafür entschieden, auch tierische Produkte beim Kochen und Backen zu umgehen. Der Veganismus als Einstellung zu der eigenen Gesundheit, Tierrecht und Umweltschutz wurzelt also im Vegetarismus, erklärt Leitzmann.

          Aus religiösen oder ethischen Gründen auf den Verzehr von Fleisch zu verzichten habe schon in der vorchristlichen Antike Anhänger gefunden. Als Urvater des Vegetarismus, sagt der Ernährungswissenschaftler, gelte der griechische Philosoph und Mathematiker Pythagoras, der die „Enthaltung vom Beseelten“ gelehrt habe. Wann genau sich aus der Entscheidung, Fleisch und Fisch zu meiden, die konsequentere Variante des Veganismus entwickelt hat, ist laut Leitzmann nicht nachweisbar.

          Mandelmilch statt normaler Milch

          Belegt sei jedoch, dass der durchschnittliche Fleischesser heute im Jahr rund 60 Kilogramm Fleischwaren in roher, gebratener oder panierter Form isst - davon sind nach Angaben der Statistiker rund 40 Kilogramm Schwein, 11 Kilogramm Geflügel, etwa 8 Kilogramm Rind und Kalb sowie Schaf und Ziege. Bei Menschen, die deutlich mehr Fleisch und Wurst verzehren, könne das in den schlimmsten Fällen zu erhöhten Cholesterin- und Blutdruckwerten führen, außerdem steige die Gefahr, an Osteoporose, Gicht und Rheuma zu erkranken sowie Herz- und Krebsleiden zu entwickeln.

          Doch Veganern geht es nicht nur um die eigene Gesundheit. „Klar versucht man als Veganer, den Planeten zu retten“, sagt Anna Prokein. Sie schäumt Mandelmilch auf, um aus einem gewöhnlichen Kaffee einen veganen Cappuccino zu machen. In ihrem Café „Edelkiosk“ an der Rhönstraße im Ostend verkauft die 28 Jahre alte gelernte Medienkauffrau ausschließlich Produkte ohne tierische Zutaten: vom Latte macchiato mit Soja- oder Mandelmilch über Schokoladentörtchen und Mandarinesahnekuchen bis hin zu Zitrone-Quitte-Eis. Kuhmilch ersetzt sie beim Backen durch Wasser, auf Eier verzichtet sie ganz: „Viele der Kunden merken überhaupt nicht, dass irgendetwas anders ist.“

          Mehr als ein temporärer Besser-Esser-Chic

          Wie Prokein, die seit zwei Jahren selbst Veganerin ist, mit fleischessenden Freunden umgeht? „Ich kann die Essgewohnheiten zwar nicht tolerieren, aber ich versuche, damit zu leben.“ So weit, so theoretisch. Dass das in der Praxis nicht immer einfach ist, kann sie nicht bestreiten, und so diskutiert sie häufig mit nichtveganen Freunden über deren Essverhalten, versucht ihr Bewusstsein für die Nahrung zu schärfen. Wenn ihre Eltern grillen, lehnt Prokein die Einladung ab: „Ich kann Fleisch nicht riechen.“ Was passiert, wenn eine Dame mit Pelz den Laden betritt? „Nun, ansprechen würde ich sie schon.“

          Veganismus ist für sie mehr als ein temporärer Besser-Esser-Chic: Es ist eine Lebenseinstellung. „Natürlich geht es nicht, perfekt zu leben“, sagt Prokein. Der Edelkiosk ist zumindest ein Versuch, ihre Vorstellung von fleischloser Perfektion zu verwirklichen.

          Manko als Marktlücke

          Doch bei aller Liebe für die Tiere und die Umwelt rät Ernährungswissenschaftler Leitzmann zur Vorsicht. „Um sich bedarfsgerecht zu ernähren, ist es wichtig, sich intensiv mit den Nahrungsmitteln und ihren Inhaltsstoffen auseinanderzusetzen.“ Deshalb empfiehlt er den Verzehr von Hülsenfrüchten, Nüssen, Beeren sowie Kohl- und Zwiebelgewächsen, um einem Mangel an Eiweiß, Vitaminen, Mineral- und Ballaststoffen vorzubeugen. Nur dann sei der Veganismus auch während der Schwangerschaft, der Stillzeit, aber auch in Kindheit und Alter eine gesunde Lebensform.

          „Letztlich hat der Veganer nur eine Achillesferse“, erklärt Leitzmann: Vitamin B12, ein Stoff, der in ausreichender Menge nur in tierischen Produkten enthalten sei. Für Veganer, die sich gesund ernähren wollen, bleibt demnach nur der Rückgriff auf angereicherte Lebensmittel oder Nahrungsergänzungsmittel.

          Ali Ülger hat dieses Manko als Marktlücke entdeckt: In seinem Imbiss „Çigköftem“ an der Münchener Straße verkauft er das traditionelle türkische Gericht Çigköfte, das bedeutet „rohe Frikadelle“. Sie wird grundsätzlich ohne tierische Produkte zubereitet. Ülger, der selbst nicht auf Fleisch verzichtet, serviert die vegane Masse bestehend aus gemahlenem Naturweizen, Hartweizen, Walnußkernen, Tomatenmark und 18 Gewürzen mit veganem Brot, Salat und Granatapfelsoße. Auf Wunsch gibt es aber Rindfleisch dazu.

          'Name von der Redaktion geändert

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