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Beschäftigung von Behinderten : Neue Chancen in der Arbeitswelt?

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Sprachassistent: Sebastian Klein (Mitte) versucht dem System die Gebärde für „Terminkalender“ beizubringen. Bild: Frank Röth

Der Sozialverband VdK diskutiert in Wiesbaden über weitreichende Änderungen des Arbeitsmarktes und dessen Anforderungen an behinderte Menschen. Dabei geht es auch um die Digitalisierung – und welche Folgen sie für Behinderte haben kann.

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          Die Digitalisierung kann für schwerbehinderte Menschen auch neue Möglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt eröffnen. Dies ist eine der bedeutendsten Schlussfolgerungen der Landeskonferenz des Sozialverbandes VdK Hessen-Thüringen, der gestern in Wiesbaden tagte. Aber: Es bestehen auch erhebliche Risiken, insbesondere für Menschen mit einer geistigen Behinderung, die derzeit manuelle Tätigkeiten ausführen.

          „Welche Chancen bietet Arbeit 4.0?“, fragten sich die rund 200 Personen, die im Plenarsaal des Landtags an der Diskussionsveranstaltung teilnahmen. Sie wollten ausloten, wie sich die weitreichenden Änderungen des Arbeitsmarktes und seiner Anforderungen auf behinderte Menschen auswirken. Das Thema ist von erheblicher Relevanz, dann allein in Hessen haben sich zum Jahresende 2017 etwa 102.000 Schwerbehinderte in einem sozialversicherungspflichtigen Arbeitsverhältnis befunden. Im Bund sind es etwas mehr als eine Million. Die Arbeitslosenquote Schwerbehinderter ist in etwa doppelt so hoch wie bei Arbeitnehmern ohne Handicap, allein in Hessen sind rund 12.000 Schwerbehinderte arbeitslos gemeldet. Zirka 42.000 Unternehmen in Deutschland beschäftigen keine Behinderten, in Hessen sind es 2712. Sie müssen unter bestimmten Voraussetzungen eine Ausgleichsabgabe zahlen.

          Ausgleichsabgabe erhöhen

          Jürgen Dusel, Beauftragter der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderung, erinnerte daran, dass es in Deutschland eine Beschäftigungspflicht von Schwerbehinderten für Arbeitgeber mit mehr als 20 Angestellten gebe. Da etwa ein Viertel aller beschäftigungspflichtigen Arbeitgeber nicht einmal „einen einzigen Menschen mit Behinderung“ eingestellt habe, forderte er in der Diskussion, die Ausgleichsabgabe deutlich zu erhöhen.

          Dusel machte deutlich, dass Menschen mit Behinderung oft auf „einfachere Zugänge“ in die Arbeitswelt angewiesen seien. Vor diesem Hintergrund sprach er sich für mehr Inklusion auf allen Ebenen aus – auch im Bereich der Digitalisierung. Andere Länder und Unternehmen hätten diese Chancen bereits für sich entdeckt. Als Beispiel nannte er die Bedienung von Smartphones allein über die Sprache. „Wenn wir diesen Zug in Deutschland verpassen, dann wird es wirklich düster werden“, prognostizierte Dusel.

          Auch soziale Sicherung davon abhängig

          „Wir stellen uns der Situation“, hatte zuvor der VdK-Landesvorsitzende Paul Weimann gesagt und daran erinnert, dass auch die Zukunft der sozialen Sicherungssysteme davon abhänge, wie viele Menschen in die Sozialversicherung einzahlten. Ob die vierte industrielle Revolution menschliche Arbeit überflüssig mache und eine neue Massenarbeitslosigkeit auslöse, stehe heute noch nicht fest. Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales rechnet laut VdK damit, dass bis 2035 rund 3,3 Millionen neue Arbeitsplätze entstehen – und vier Millionen gleichzeitig verschwinden.

          Warum diese Prognosen realistisch sind, erläuterte der Arbeitsrechtler Franz Wallner. Die Digitalisierung sei unter anderem durch das sogenannte Internet der Dinge und „Smart Factoring“ gekennzeichnet. Produkte und Werkstoffe kommunizierten untereinander ohne den Menschen; starre Produktions- und Öffnungszeiten gehörten der Vergangenheit an, Menschen arbeiteten von zu Hause aus.

          Für Wallner stand fest, dass es weniger Jobs in der Produktion und mehr Arbeitsplätze in der Organisation und Planung geben werde. „Sie brauchen den Dreher an der Werkbank nicht mehr“, stellte er klar. Das war keine ganz neue Erkenntnis. Für schwerbehinderte Arbeitnehmer sind die Auswirkungen jedoch unterschiedlich. So kann es für Menschen, deren Mobilität eingeschränkt ist, durchaus vorteilhaft sein, wenn sie ihre Arbeit zu Hause machen können. Wallners Fazit: Für rein körperlich behinderte Menschen mit hoher Intelligenz werde die Digitalisierung eher positive Folgen haben. Für geistig Behinderte, die zum Beispiel in Werkstätten einfache Arbeit günstiger erledigen, als Maschinen dies bisher können, befürchtete er allerdings Nachteile. „Wenn sich Maschinen selbst umrüsten, dann lohnt sich auch die materielle Fertigung von kleinsten Teilen.“

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