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Usingen : Mehr Kaufkraft, mehr Leerstände

Abschied: Seit Ende März ist auch dieses Geschäft in Usingen zu Bild: Rüchel, Dieter

Usingen bindet deutlich mehr Kaufkraft als jede andere Stadt im Hochtaunus. Doch in der Innenstadt schließt ein Laden nach dem anderen.

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          Das ist die Geschichte des schleichenden Niedergangs einer Innenstadt bei gleichzeitigem Aufschwung am selben Ort. Die Geschichte von schönen Wirtschaftsdaten, die zwar nicht lügen, aber nur einen Teil der Wahrheit widerspiegeln. Sie spielt in Usingen, der „Buchfinkenstadt“. Im Herzen des Usinger Landes, was hübscher klingt als Hintertaunus, sitzt der Bürgermeister unter dem Dach eines schmucken Fachwerkhauses. Seine Stadt brummt. Das gilt zum einen im übertragenen Sinne. Keine andere Kommune im reichen Hochtaunus bindet, gemessen am eigenen Potential, so viel Kaufkraft wie Usingen.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Brummen ist jedoch auch wörtlich zu nehmen: Wenn Bürgermeister Steffen Wernard (CDU) einen Besucher zum Gespräch empfängt, macht er aus Rücksicht ein zum Lüften geöffnetes Fenster zu: „Es ist sonst zu laut“ - vom Brummen vieler Motoren. Wer aus dem Fenster schaut, sieht unten ein Auto nach dem anderen vorüberfahren. Und nicht zuletzt viele Laster: Wer in dieser Gegend über Land in Richtung Weilburg oder Wiesbaden will, muss durch das Herz der gut 13 460 Einwohner zählenden früheren Kreisstadt hindurch. Und was er auf diesem Weg sieht, weist Usingen nicht als Kaufkraftmagneten aus, im Gegenteil.

          Die Gaststätte gegenüber der Eisdiele in Sichtweite des Rathauses - geschlossen. Das Schaufenster des Ladens nebenan - mit Tüchern zugehängt. Das Modegeschäft gleich daneben - „Nachfolger gesucht“. Ein hübsch gemachtes Geschäft für Spielzeug und andere Dinge rund ums Kind - von der Kreuzgasse ins Internet abgewandert. Zwar sitzt an dieser Straße ein origineller Raumausstatter, auch preist der Bürgermeister einen Anbieter von Schmuck und Accessoires dort als „Leuchtturm“. Zudem strahlt ein Optikergeschäft nicht nur bei trübem Wetter die Passanten an - doch gähnt gegenüber ein Leerstand. Und weitere werden folgen. Darüber hinaus sind zwei ehemalige Gaststätten ohne Pächter. Gab es 2002 laut Statistischem Landesamt noch 71 steuerpflichtige Händler in Usingen, waren es 2012 nurmehr 57.

          „Vielen Ladenlokale zu klein“

          Renate Wagner spürt diesen Strukturwandel - doch sagt die Modehändlerin auch: „Das ist mir alles egal.“ Denn sie hört in ein paar Wochen auf. Einerseits wird sie aus Altersgründen schließen. Zum anderen läuft das Geschäft seit fünf Jahren schrittweise immer schlechter, wie sie hinzufügt. Diese Abwärtstendenz liegt aus Wagners Sicht an der Nähe zu Frankfurt und zum Main-Taunus-Zentrum mit den zahlreichen Einkaufsgelegenheiten an beiden Orten. Schon vor 20 Jahren habe man sehen können, wie viele Autos an der Usinger Stadtgrenze in Richtung Vordertaunus und Frankfurt abgebogen seien. Und an diesem Vormittag hat sich bis kurz nach elf noch kein einziger Kunde bei Wagner blicken lassen, wie sie berichtet. „Die Innenstadt ist tot“, so ihr Urteil kurz und bündig.

          Der Bürgermeister bemängelt die unterschiedlichen Öffnungszeiten in der Innenstadt. Der eine habe mittwochs geöffnet, der andere nicht. In einem weiteren Laden würden sogar nur zweimal in der Woche Kunden bedient. „Das ist schon seit Jahren so.“ Zudem seien vielen Ladenlokale zu klein. Zu Beginn seiner Amtszeit vor fast vier Jahren habe er Besitzer benachbarter Immobilien gefragt, ob sie aus drei kleinen Läden nicht eine große Fläche machen wollten, Interessenten habe er gehabt. Er sei aber abgewiesen worden, sagt der Rathauschef. Derzeit sind auf der Internetseite der Stadt drei leerstehende Ladenlokale aufgeführt, die demnach 60 Quadratmeter oder weniger haben. Zu wenig für namhafte Ketten, aber vielleicht genau richtig für mutige Boutiquebetreiber.

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