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Prozess nach 20 Jahren : Missbrauch in Arztpraxis

  • -Aktualisiert am

Nach 20 Jahren verurteilt: Vor Gericht stritt der Psychiater den Missbrauch ab (Symbolbild). Bild: dpa

Ein Frankfurter Kinderpsychiater soll vor 20 Jahren einen Jungen missbraucht haben. Er wurde zu einer Haftstrafe von zehn Monaten auf Bewährung verurteilt. Das Opfer profitierte von einer Gesetzesänderung, die erst 2011 eingeführt worden war.

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          Die schwierigsten Momente vor Gericht sind die, in denen Aussage gegen Aussage steht. In Fällen von sexuellem Missbrauch ist das oft so. Noch schwerer wird es, wenn das, was geschehen sein soll, schon lange zurückliegt. Vor 20 Jahren soll ein Frankfurter Kinder- und Jugendpsychiater einen damals acht Jahre alten Jungen in seiner Praxis mehrfach missbraucht haben. Der Junge von damals erinnert sich heute als 30 Jahre alter Mann noch genau an das, was ihm seiner Erinnerung nach zugestoßen ist.

          Zweimal soll ihn Psychiater Klaus E. ohne medizinische Notwendigkeit an den Hoden untersucht haben, zweimal soll er ihm in die Hose gefasst und minutenlang an seinem Penis herumgespielt haben. Das sei auch noch einem anderen Jungen aus seiner Therapiegruppe passiert. Der Arzt, heute 77 Jahre alt und im Ruhestand, bestritt vor dem Amtsgericht alle Vorwürfe. Der Richter jedoch glaubte nicht ihm, sondern seinem mutmaßlichen Opfer. Er verurteilte den Arzt zu einer Haftstrafe von zehn Monaten auf Bewährung.

          Der Psychiater stand schon einmal vor Gericht

          2011 waren Serien von Missbrauchsfällen in Kirchen, Heimen und Schulen bekannt geworden. Danach wurde die Verjährungsfrist für solche Taten verlängert, damit die Opfer mehr Zeit haben, sie doch noch anzuzeigen. Seither beginnt die Verjährung erst mit Ablauf des 21. Lebensjahrs der Opfer und kann in schweren Fällen wie einer Vergewaltigung 20 Jahre lang sein. Markus S. hat von dieser Gesetzesänderung profitiert. Erst in den vergangenen Jahren arbeitete er in einer Psychotherapie das Geschehen in seiner Kindheit auf und zeigte seinen ehemaligen Arzt an. S. konnte sich glasklar an das eine Jahr erinnern, in dem er bei Klaus E. in Behandlung war. Seine Aussagen zur Praxis des Mediziners, zum Ablauf der Behandlung, deckten sich erschreckend gut mit dem, was der Arzt selbst erzählte. „Es war eben ein einschneidendes Erlebnis damals“, sagte S.

          „Die Aussage von S. ist unbedingt glaubhaft“, formulierte der Richter in seiner Urteilsbegründung. Er sprach den Arzt zwar von dem Vorwurf frei, den Jungen missbraucht zu haben, als er dessen Hoden abtastete – wenngleich diese Untersuchung für Psychiater nicht üblich sei. Er verurteilte ihn aber wegen dem, was in dem Spielzimmer der Praxis geschehen war. Dort setzte sich der Arzt hinter seinen jungen Patienten, umarmte ihm und schob im seine Hand in die Hose – das sah der Richter als erwiesen an. Zusätzlich zur Bewährungsstrafe wurde der Arzt dazu verurteilt, an sein Opfer 2400 Euro zur Schadenswiedergutmachung zahlen.

          Der Mediziner hatte schon einmal wegen sexuellen Missbrauchs vor Gericht gestanden, war damals aber freigesprochen worden. Ein anderer angezeigter Fall war verjährt, das Verfahren wurde eingestellt. Er selbst sagte vor Gericht, es habe während seiner 40Jahre als Kinderpsychiater keine Beschwerden gegeben, und: „Ich sehe die Dinge entschieden anders.“ So habe er den Kindern vielleicht einmal eine Hand auf die Schulter gelegt, sie aber nie unsittlich berührt. Ob er das Urteil anfechten wird, war noch nicht klar.

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