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Kunsthalle Mainz : Lasst Pflanzen sprechen

Fortpflanzung: Ein Pflanzensamen liegt unter einer Lupe, die auf einem Betonsockel steht. Bild: dpa

Auf eine Tasse Tee mit den Gespenstern der Gegenwart: Der Schweizer Künstler Uriel Orlow stellt in der Kunsthalle Mainz aus. In „Conversing with Leaves“ sprechen Pflanzen als Zeugen der Geschichte.

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          Keine Angst, man muss hier nicht mit Blumen sprechen. Man muss auch nicht mit Bäumen fühlen oder mit Pflanzen, Mutter Erde und den Elementen sich ins empathische Benehmen setzen und was der esoterisch angehauchten Rituale in unseren das Anthropozän in kritischer Absicht befragenden Zeiten mehr sind. Dabei spielen Gärten, Parks und „Wishing Trees“ durchaus eine Hauptrolle in Uriel Orlows ziemlich großartiger, „Conversing with Leaves“ überschriebener Ausstellung, die ihm Stefanie Böttcher in der Mainzer Kunsthalle eingerichtet hat.

          Christoph Schütte

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Kommunikation aber verläuft im stets konzeptbasierten Werk des Schweizer Künstlers eher umgekehrt; sind es doch Bäume, Heil- und Zierpflanzen oder das Ensemble Botanischer Gärten, die Orlow gleichsam als Zeugen der Geschichte zum Sprechen bringt, indem er sie befragt. Er hinterfragt, was es etwa mit einem gewaltigen, als Erinnerungsort kenntlichen Ficus auf sich hat, den der 1973 in Zürich geborene Künstler bei seinen Vorbereitungen auf die Manifesta 12 in Palermo entdeckte. Er hinterfragt, was jene 1963 im Botanischen Garten Kapstadts gedrehten 16-Millimeter-Filme uns heute zu erzählen haben, die Orlow bei seinen umfangreichen Recherchen im Archiv gefunden hat; oder der Ruth-Fischer-Tree in Johannesburg oder der kaum handtuchbreite Nutzgarten, den Nelson Mandela mit seinen Mithäftlingen in der Haft auf Robben Island kultivierte.

          Vom Nachwirken der Echos der Geschichte

          „Die Themen finden oft mich“, antwortet Orlow auf die Frage nach seinem Vorgehen, und in der Tat liegen die Geschichten oder besser: liegen die Spuren der Vergangenheit in aller Regel offen. Nur sieht halt meistens keiner hin. Diese Verbindungen freizulegen, eine gültige künstlerische Form zu finden für die Formulierung gesellschaftlicher Fragen – nach Flucht und Migration etwa geradeso wie nach einer den Kolonialismus fortschreibenden Praxis – darauf kommt es Orlow in seinen raumgreifenden Installationen, in seinen Foto-, Video- und Audioarbeiten vor allem an. Dabei, so sagt der in London lebende Künstler, interessiere ihn Geschichte eigentlich gar nicht so sehr.

          Was er versuche, sei vielmehr, „den Echos der Geschichte, ihrem Nachwirken in der Gegenwart nachzugehen. Ein kritischer Umgang mit Geschichte bedeutet also, sich den Gespenstern der Gegenwart anzunehmen“. Und genau das ist es, was Orlow auch in seiner Mainzer Ausstellung macht. Das freilich kostet in der Kunsthalle mal mehr, mal weniger Überwindung, vor allem aber sehr viel Zeit. Die Arbeiten erschließen sich nämlich nicht in jedem Fall von selbst. Die Zeit dafür sollte man sich aber nehmen, nicht nur weil man eine Menge lernen kann. Oder weil die kluge Dramaturgie der Schau, anhand derer Kunsthallenleiterin Stefanie Böttcher durch die Räume führt, gleichsam en passant plausibel macht, dass es auch die eigenen Geister und Phantome sind, die hier dem Kunstbetrachter in Gestalt von Blumen, Blättern, Bäumen in Europa und in Afrika begegnen.

          Vor allem findet Orlow etwa mit den „Echoes“, mit der Postkartenserie „Geraniums are never Red“ oder der 2019 für die Biennale im kongolesischen Lubumbashi entstandenen Videoinstallation „Learning from Plants“ berückend schlichte Bilder für komplexe historische Zusammenhänge; Bilder, denen man zum Abschluss seines Rundgangs hoch über dem ehemaligen Zollhafen bei einer Tasse Artemisia-Tee nachschmecken mag. Das ist ein Beifußgewächs, das als Mittel gegen die Malaria gilt – und doch nicht eben weit verbreitet ist. Doch das ist wieder eine andere Geschichte. Und schmeckt, gerade wie der eben frisch gebrühte Tee, am Ende seltsam bitter.

          Die Ausstellung in der Kunsthalle Mainz, Am Zollhafen 3-5, ist bis 23. Februar dienstags bis freitags von 10 bis 18 Uhr, mittwochs bis 21 Uhr sowie am Wochenende von 11 bis 18 Uhr geöffnet. An Heiligabend, Silvester und Neujahr ist geschlossen.

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