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Schauspiel Frankfurt : Der Elektrik-Schreck

Der Weg zu den Bottroper Powertagen? Man kann es ja mal versuchen, in Zellers Stück ist ohnehin alles egal. Bild: Birgit Hupfeld

„Zweite allgemeine Verunsicherung“: Das Schauspiel Frankfurt zeigt die Uraufführung des neuen Stücks von Felicia Zeller. In den Wirren des technoiden Ambientes wird sich an der Avantgarde abgearbeitet.

          Eine schwarze Hand greift aus der Versenkung nach dem einen oder anderen Ding, aus dem Off ertönen mysteriöse Saitenklänge. Der Bühnenraum ähnelt einem Schiffsrumpf oder einem unterirdischen Funktionsraum, wie es ihn vielleicht in einem Elektrizitäts-, eher noch in einem etwas älteren Wasserwerk gibt, ein stählernes Gerippe bestimmt die Szenerie, es dampft hier und dort, glucksende und tropfende Geräusche sind zu vernehmen, die gelegentlich gefährlich flackernde Neonleiste passt bestens ins Bild, der Kronleuchter hingegen irritiert in dieser industriell-kalten Umgebung. Nach und nach kommen fünf Personen in Kostümen zum Vorschein, die sowohl zum technoiden Ambiente als auch untereinander in starken Kontrasten stehen.

          Stilmittel der Wahl sind die Wiederholung und die Tautologie

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Eine Frau im gelben Kleid mit Plättchen in gleicher Farbe, eine andere in ausladendem Tüllkleid mit gewaltiger Schleppe, die dazu dient, sämtliche Darsteller einzuwickeln. Ein Mann in einer Art Varieté-Robe, der andere, mit seltsamen Hasenzähnen versehen, in einem giftgrünen Glitzerjackett, der dritte im Pelzmantel. Ein groteskes Personal.

          Die fünf Figuren, die keine Handlung suchen und sich mal in der Hölle, mal bei einer Preisverleihung und dann wieder bei den – was immer das ist – Bottroper Powertagen wähnen, trifft stets aufs Neue der Schreck, ausgelöst von Misstönen elektrischer Leitungen und anderen Unheilssignalen. Der Titel des Bühnenwerks, angelehnt an eine österreichische Pop-Band, die sich wiederum nach einem konkreten Finanzdienstleister benannte, weist sowohl auf die Grundbefindlichkeit hin, der sich das Stück widmet, als auch auf die mehrfach abgeleitete und somit gar nicht mehr authentische Wirklichkeit, in der sich die Anti-Helden tummeln.

          Willkommen, wieder einmal, im modernen ästhetischen Bewusstsein!

          „Zweite allgemeine Verunsicherung“ heißt das neue Stück von Felicia Zeller, das jetzt unter Johanna Wehners Regie in den Kammerspielen des Schauspiels Frankfurt seine Uraufführung erlebte. Es ist durchaus eine Freude, den Schauspielern dabei zuzusehen, wie sie sich um das innere Nichts der von ihnen vorgeführten anonymen Figuren drehen, wie sie mit hochprofessioneller Artikulation Sätze ins Leere laufen lassen und verwundert bis verzweifelt über den instabilen Zustand räsonieren, in den sie zu ihrer eigenen Überraschung geraten sind.

          Bühne, Kostüme, Gesten und Mienen haben nichts zu tun mit den Settings im Text, auch nichts mit den darin angedeuteten Ereignissen und Geschehnissen. Er schwebt wie eine zweite Lage über den Bildern und Bewegungen auf der Bühne. Die Schauspieler taumeln und stolpern, bilden eine Reihe und andere gleichsam choreographierte Formationen. Nach Auskunft der Autorin sind sie allesamt narzisstisch gestört und leiden unter Depressionen. Ihre Verunsicherung lässt sich nicht beheben. Schon gar nicht mittels Konversation mit den anderen.

          Constanze Becker, Verena Bukal, Vincent Glander, Martin Rentzsch und Till Weinheimer spielen die Orientierungslosen und Verängstigten, die sich an sprachliche Floskeln klammern und jederzeit bereit sind, assoziativ an schon Gesagtes anzuknüpfen. Stilmittel der Wahl sind die Wiederholung und die Tautologie: „Eine sehr bekannte Bekannte, die dafür bekannt ist, bekannt zu sein.“ Es gibt keinen Ausweg aus der Spirale der misslingenden Kommunikation, aus dem Abgrund der absurden Existenz, aus den Nebeln der Sprache. Willkommen, wieder einmal, im modernen ästhetischen Bewusstsein!

          „Verzweiflung über die Verzweiflung“

          Nun ist es im Prinzip ganz wunderbar, wenn zeitgenössische Theaterleute sich an der Avantgarde abarbeiten, also nicht so tun, als habe es das alles nicht gegeben, wenn sie vielmehr Beckett und Bernhard durchblicken lassen, aber auch die Distanz zu ihnen suchen und sich auf eine Metaebene begeben, wo es um „Verzweiflung über die Verzweiflung“ geht, wie es im Programmheft heißt. Und wenn sie wissen, dass es, scharf geurteilt, eine Lüge ist, eine Geschichte zu erzählen, weil alles geradlinige oder auch mäandernde Erzählen die reine Illusion bedeutet. Und dass in ein paar Stunden am Abend die ganze Wahrheit nicht hineinpasst, weil es ohnehin keine gibt, sondern nur Irrsal und Wirrsal. Und, ja klar, Entwicklung wird maßlos überschätzt, wo gibt es das schon, Entwicklung, der Mensch ist doch gefangen in den Bedeutungen, die ihm die Wörter aufzwingen, und in seinen Gefühlen, die ihm die Welt diktiert, vornehmlich der Angst, die sie in ihm auslöst, weil er nicht versteht, was sie immer und überall von ihm will.

          Aber warum dann anderthalb Stunden Zustandsschilderung und nicht drei Minuten oder drei Stunden oder sieben Tage? Warum keine Installation, keine Performance? Warum die Form des Theaterabends, von der selbst der abgebrühteste Besucher erwartet, es müsse doch noch etwas kommen, dass die Lage auf der Bühne erhellt? Womöglich gerade deshalb. Aber das alte Spiel mit der Erwartung lässt einen dann doch nur noch die Schultern zucken.

          Nächste Vorstellungen am 4. und 5. März von jeweils 20 Uhr an

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