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Unterwegs mit einem Denkmalpfleger : Pflichtverteidiger der Geschichte

  • -Aktualisiert am

Konfliktfall Umbau: Die Vorstadtvilla soll in ihrer Substanz möglichst wenig leiden. Bild: Wohlfahrt, Rainer

Eigentümer freuen sich eher selten, wenn ihre Immobilie als historisch wertvoll eingestuft wird. Aus dem Alltag eines Denkmalpflegers.

          Heinz Wionski steht auf einem Bürgersteig in Gernsheim und schaut auf eine kleine Vorstadtvilla von 1905: „Aber das geht doch nicht. Sie können doch da oben am Giebel kein Loch reinschlagen.“ Der Denkmalpfleger hadert mit dem Vorschlag des Architekten, der für eine vierköpfige Familie den Umbau des Hauses plant. Dessen Begründung: Die Feuerschutzbestimmungen verlangten es. Wionski, der Architekt, eine Innenarchitektin und der Eigentümer des Hauses stehen im Halbkreis zusammen und schweigen für ein paar Sekunden. Dann argumentiert der Architekt: „Gestalterisch ist es zwar schwierig, aber hier geht es doch um die Kinder, die im Dachgeschoss ihre Zimmer haben werden.“ Der Vater pflichtet ihm bei: „Das wäre mir ein großes Anliegen.“

          Für Wionski, Hauptkonservator und stellvertretender Leiter der Abteilung Bau- und Kunstdenkmalpflege im Landesamt, sind solche Argumente nichts Neues. Alle Zeugnisse der Kultur- und Baugeschichte im Kreis Groß-Gerau und in Frankfurt sind ihm anvertraut, er hat sie zu schützen und für ihren Erhalt zu kämpfen. Wer abreißen, aufstocken oder auch nur ein Fenster austauschen will, muss die Denkmalschutzbehörde einschalten. Wionski redet dann mit Eigentümern, Planern und Handwerkern, um möglichst viel von der historischen Bausubstanz zu retten.

          Einiges Kopfzerbrechen

          Die romantisierende Begeisterung für Burgen, die Besucherströme vor den Schlössern, fotografierende Touristen vor Fachwerkhäuschen: Das öffentliche Interesse am Erhalt dieser Gebäude ist offensichtlich. Aber was ist mit dem barocken Bauernhaus, in dem die Wände schief und die Decken zu niedrig sind, wo die Räume zu dunkel sind und das Fachwerk morsch ist? Was soll aus dem luftig und licht daherkommenden Bürogebäude der Nachkriegsmoderne werden, das zu viel Energie verbraucht und angeblich dringend energetisch saniert werden müsste? Es gibt etwa 60000 Baudenkmäler in Hessen. Nur ein Bruchteil dieser Gebäude genießt öffentliche Aufmerksamkeit, die sie vor Zerstörung bewahrt. Der überwiegende Teil fristet ein Schattendasein, und bei weitem nicht alle Eigentümer haben sich in die historische Substanz verguckt.

          An diesem Tag im hessischen Ried geht es zwar nicht ums Ganze, doch die Vorstellungen des Gernsheimer Eigentümers bereiten Wionski dennoch einiges Kopfzerbrechen. Was soll er zu den Plänen sagen, klobige Plastikfenster einzubauen oder die althergebrachte Aufteilung der Räume im Erdgeschoss zu verändern, um nach den Worten der Innenarchitektin einen „luftigen Eindruck zu erzeugen“? Auch mit der Idee, der zurückhaltend flachgedeckten Garage ein verspieltes Satteldach aufzusetzen, muss er sich auseinandersetzen.

          Der Putz bröckelt von der Fassade

          Wionski verzieht keine Miene und hört sich die Wünsche an. Dann nimmt er ein Bild aus der Tasche. Auf dem historischen Foto ist die Villa im ursprünglichen Zustand zu sehen. Selbst in Schwarzweiß sind die Repräsentativität und Eleganz des Anwesens zu erkennen, das einmal für den Lehrer der örtlichen Schule reserviert war.

          Der Denkmalschützer hält das Bild hoch und vergleicht die einstige Noblesse mit dem heutigen Zustand: Der Putz bröckelt von der Fassade, an eine Seitenwand des Gebäudes wurde in den fünfziger Jahren ein Balkon angebaut. Wionski sieht aus, als ob ihm etwas weh tun würde. „Das Gebäude hat ein großes gestalterisches Potential“, sagt er noch. Er weiß, er muss Kompromisse eingehen. So gehört schließlich der Balkon ebenso zur Baugeschichte des Hauses wie die Jugendstilhaustür. Entscheidungen werden an diesem Tag noch keine getroffen. Es wird erst einmal das Feld abgesteckt, auf dem die nächsten Wochen geackert wird.

          Zähe Verhandlungen führten zum Ziel

          Heinz Wionski arbeitet seit zwölf Jahren in der Bau- und Kunstdenkmalpflege. Aber schon als Zivildienstleistender half er Anfang der achtziger Jahre mit, in den Städten und auf den Dörfern Hessens nach erhaltenswerten historischen Bauten zu suchen. Nach dem Architekturstudium an der TU Darmstadt war ihm schnell klar, dass er wieder zurück in dieses Metier wollte. Statt eigene Bauwerke zu entwerfen, interessierte er sich mehr für die Hinterlassenschaften seiner Kollegen - von der romanischen Basilika bis zur Architektur der sechziger Jahre.

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