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Unterstützung von Flüchtlingen : Abwarten, Tee trinken, Deutsch lernen

  • -Aktualisiert am

Starkes Trio: Masoom Gharibyar, Tochter Mariam und Helferin Marie Schwesinger (von links) Bild: Wolfgang Eilmes

Seit anderthalb Jahren lebt der frühere Übersetzer Masoom Gharibyar in Frankfurt. Langsam geht es aufwärts, auch dank einer neuen Bekannten. Marie Schwesinger hilft ihm mit Rat und Tat - ab und an auch mit einem kleinen theatralischen Auftritt.

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          Mit Theatralik kennt sich Marie Schwesinger aus. Auch deshalb fiel es ihr nicht schwer, den Mitarbeitern der Ausländerbehörde einmal ordentlich die Meinung zu sagen. Also ließ die Regie-Studentin in dem Büro ihrem Unmut freien Lauf. Es ist wohl niemandem zu wünschen, in diesem Moment auf der anderen Seite des Schreibtischs gesessen zu haben. „Wir haben schon ordentlich Stunk gemacht“, sagt Schwesinger, die an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst studiert.

          Zu dem Auftritt in der Amtsstube ist es eher zufällig gekommen. Eine Bekannte berichtete der Studentin von einer Gruppe Bundeswehr-Soldaten, die sich um ihre früheren Helfer in Afghanistan kümmert. Masoom Gharibyar ist einer von ihnen, er arbeitete als Übersetzer für die Isaf-Truppen im Norden des Kriegslandes. Weil die Taliban Leute wie ihn als Verräter und Spione ansehen, ist er dort nun nicht mehr sicher. Für mindestens drei Jahre darf er deshalb mit seiner Frau in Frankfurt leben. Auf manche Fragen, etwa nach Sprachkursen und Arbeitschancen, finden die Behörden aber langsam Antworten - und manchmal erst nach deutlicher Ansprache.

          Ein kurzer Aufreger und es geht einen Schritt nach vorne

          Schwesinger hatte sich schon länger überlegt, etwas für Flüchtlinge zu tun, aber musste es gleich etwas mit der Bundeswehr zu tun haben? Die Sorgen zerstreuten sich schnell, als sie Gharibyar kennenlernte. Schon zwei Tage nach ihrem ersten Treffen begleitete sie ihn zum ersten Mal auf einem Behördengang. Gharibyar hatte in Afghanistan nicht Deutsch lernen müssen, die Sprache unter den Militärs war Englisch, und niemand dachte daran, dass er einmal in Frankfurt landen und sich auf den hiesigen Arbeitsmarkt werde einstellen müssen. Daher kann Schwesinger dem Mann aus Afghanistan schon mit wenig Aufwand helfen.

          Ein kurzer Aufreger im Ausländeramt hat gereicht, um wieder einen kleinen Schritt nach vorne zu machen. „Das Schlimmste ist, dass die Ämter untereinander nicht kommunizieren“, findet Schwesinger. Genau das hatte der junge Familienvater Gharibyar schon Anfang des Jahres zu spüren bekommen. Für seine gerade geborene Tochter Mariam wollte er eine Geburtsurkunde beantragen. Doch leider akzeptierte das Standesamt seine nur auf Englisch vorliegende Heiratsurkunde nicht. Dass die Ausländerbehörde das Dokument anerkannt hatte, interessierte die Frankfurter Beamten wenig. Also musste Gharibyar eine weitere Übersetzung organisieren, bis seine Tochter auch offiziell mit ihren großen, dunklen Augen das Licht der Welt erblickt hatte.

          Mittlerweile hat Mariam sogar einen richtigen Ausweis. Doch auch der Weg dorthin war nicht leicht. Zusammen mit Mariam und seiner Helferin Schwesinger setzte sich der stolze Vater in einen Bus, um nach Bonn ins afghanische Konsulat zu fahren. Während er dort den Papierkrieg in Angriff nahm, kümmerte sich die Studentin um seine Tochter.

          Das Schicksal liegt nicht nur in den Händen von Beamten

          So ist das in Gharibyars neuem Leben: Es geht Schritt für Schritt voran, aber meistens sind die Fortschritte klein. Aber es geht bergauf. Und mittlerweile hat er hin und wieder das Gefühl, dass sein Schicksal nicht nur in den Händen von Beamten liegt, sondern auch in seinen eigenen. Morgen zum Beispiel: Dann steht für ihn eine wichtige Sprachprüfung an. Besteht er sie, bescheinigt ihm Deutschland, dass er die Sprache selbständig anwenden kann, wie es in der Beschreibung des Sprachniveaus B1 heißt: Träume, Hoffnungen und Ziele könne er beschreiben und zu Plänen und Ansichten kurze Begründungen oder Erklärungen geben.

          Auch ohne amtlichen Prüfer lässt sich sagen, dass Gharibyar das mittlerweile kann. Er kann etwa sagen, dass er glaubt, noch nicht gut genug Deutsch zu sprechen, um endlich auf Arbeitssuche zu gehen. Dafür brauchte er mindestens einen weiteren Kurs, um das Niveau B2 zu erreichen. Ob die Behörden ihn dabei unterstützen, ist noch unklar. „Aber wie soll ich sonst einen Job finden?“, fragt er und bietet Schwesinger noch eine Tasse Tee an.

          Ein Leben in zwei Ländern

          Während Gharibyar langsam in Frankfurt ankommt, treiben ihn neue Sorgen um seine Heimat um. Er stammt aus der Gegend um Kundus, jener Stadt, die vor kurzem von den Taliban überrannt wurde. Seine Eltern und Geschwister leben im relativ sicheren Kabul, aber andere Verwandte, Bekannte und Freunde mussten sich schnell in Sicherheit bringen. Gharibyar verfolgt alle Nachrichten aus Afghanistan, die er bekommen kann, allein auf Facebook hat er 5000 Bekannte, die ihn auf dem Laufenden halten. Mit anderen früheren afghanischen Helfern der Bundeswehr hat er vor kurzem auf der Zeil auf die Lage ihrer Familien aufmerksam gemacht. „Die Taliban töten unsere Familien“, stand auf einem der Plakate, die sie hoch hielten.

          So lebt Gharibyar praktisch in zwei Ländern. Wenigstens in Deutschland läuft es immer besser, seine kleine Familie hat eine neue Wohnung in Rödelheim gefunden, und seine Frau erwartet ein zweites Kind. Mal sehen, wie lange die Behörden diesmal brauchen, um dem Baby seine nötigen Papiere auszustellen. Doch so viel ist klar: Wer sich mit dem früheren Übersetzer anlegt, bekommt es nun womöglich auch mit einer aufregewilligen Regie-Studentin zu tun.

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