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Abitur in Hessen : Othello im Crashkurs

Digitale Unterstützung: Das Programm richtet sich an Schüler, die kurz vor dem Corona-Abi stehen (Symbolbild). Bild: dpa

Hessische Abiturienten wiederholen an drei Tagen in einem Online-Crashkurs den Lernstoff der Corona-Zeit. Die „CoronAbi“-Kurse sind unentgeltlich und alle, die daran mitarbeiten, machen dies ehrenamtlich.

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          Auf der Folie zum British Empire ist eine Frau mit Krone und Fächer zu sehen. Kursleiterin Luisa Weitzel fragt, wer das sei. Alicia hat eine Idee, ist sich aber nicht sicher: Queen Victoria? Das ist richtig. Dann geht es um die Mitglieder des Commonwealth. Eleina zählt einige auf: Australien, Jamaika, Kanada, Neuseeland. Weitzel tippt für alle sichtbar mit und ergänzt, was noch fehlt, so dass in der Liste auf dem Bildschirm auch die Karibischen Inseln und afrikanische Länder erscheinen. Und wer ist bis heute das Staatsoberhaupt dieser Länder? „Die Queen.“

          Florentine Fritzen
          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Oben auf den Folien steht auf der einen Seite „Aelius Förderwerk“ und auf der anderen „Initiative Diverse Young Leaders“. Die beiden Organisationen setzen sich für faire Bildungschancen und benachteiligte junge Menschen ein. Jetzt bieten sie gemeinsam in fünf Bundesländern Online-Crashkurse für Schülerinnen und Schüler an, die kurz vor dem Corona-Abitur stehen. Die Kurse sind unentgeltlich, und alle, die daran mitarbeiten, machen das ehrenamtlich.

          Die Teilnehmer in Weitzels Videokonferenz haben Englisch als Leistungskurs, sie besuchen hessische Schulen, und ihr Abitur beginnt am 21. April. Mathe ist das begehrteste Crashkurs-Fach, aber auch in Deutsch und Englisch wollen viele noch für zwei oder drei Tage den Stoff vertiefen, der drankommen könnte.

          Für besonders von der Krise betroffene Schüler

          Mehr als 800 Teilnehmer verteilen sich auf die meist ausgebuchten 17 Kurse, wie die Projektleiterinnen für Hessen, Manisha Kumar und Julia Marie Warm, berichten. Am Donnerstag haben sich im Englisch-Crashkurs 44 Abiturienten eingeloggt. Da ging es um die Vereinigten Staaten. Als am Freitag das Empire, der Brexit und das Elisabethanische Zeitalter drankommen, sind die allermeisten wieder dabei. Am Samstag steht unter anderem noch Südafrika auf dem Plan, wie auch an den anderen beiden Kurstagen geht es morgens um neun los bis nachmittags um halb drei.

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          ANMELDEN

          „CoronAbi“ nennt das Aelius-Förderwerk mit Sitz in Nürnberg die Kurse. Sie richten sich an Schüler, denen die Corona-Krise noch mehr schadet als anderen. Das muss niemand nachweisen, aber im Anmeldeformular steht die Frage, warum ein Bewerber besonders von der Pandemie betroffen sei. Darauf haben die Organisatoren bei der Auswahl geschaut, denn es gab mehr Interessenten als Plätze.

          Die 23 und 24 Jahre alten Projektleiterinnen stammen aus Hessen, genauer aus Langen und Bad Hersfeld. Jetzt studiert Kumar Jura in Heidelberg, Warm ist damit gerade fertig geworden. Auch die Kursleiter studieren, und zwar auf Lehramt in Hessen, viele wie Luisa Weitzel an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Sie haben nicht nur selbst vor wenigen Jahren Abi geschrieben, sondern sich auch den Abiturerlass ihres Bundeslands gründlich angeschaut.

          Weitzel, die im zehnten Semester ist, ahnt schon, dass viele Lehrer den Brexit wegen des Lockdown nicht intensiv durchnehmen konnten. „Bei uns ist es komplett weggefallen“, sagt eine Teilnehmerin. Die Studentin erzählt, dass das Thema in ihrem eigenen Abi noch nicht drankam: Erst am Tag des Abiballs 2016 hätten die Briten dafür gestimmt, die Europäische Union zu verlassen. Sie fasst zusammen, wie es danach zur großen Krise kam.

          Viel Stoff passt in einen Vormittag

          Auf Nachfrage erfährt die Kursleiterin, dass einige Abiturienten als Schullektüre „My Son the Fanatic“ und andere „A Pair of Jeans“ gelesen haben. Sie kann jetzt nicht ausführlich über Fundamentalismus und den Zusammenprall von Kulturen referieren, arbeitet aber heraus, was in einer Abituraufgabe alles wichtig sein könnte. So ähnlich wie schon beim politischen System und der landeskundlichen Übersicht: Was gehört zu Großbritannien, dem Vereinigten Königreich, den Britischen Inseln? An drei Tagen können nicht zwei Oberstufenjahre wiederholt werden. Aber es passt doch erstaunlich viel Stoff in einen Vormittag – von Margaret Thatcher bis zu Chicken Tikka Masala.

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          Nach einer Pause zeigt Luisa Weitzel noch ein Königinnen-Bild. Es geht um das Goldene Zeitalter und Elisabeth I. Die Lehramtsstudentin erklärt, dass die Königin für Frieden und Wohlstand sorgte, dass die Wirtschaft blühte und der amerikanische Bundesstaat Virginia den Namen von der jungfräulichen Elisabeth erhielt. Sie erläutert, wie die anglikanische Kirche entstand, und wiederholt Wichtiges zum damaligen Theater.

          Die Grundlagen für das Abitur beisammen

          Zu Shakespeares „Othello“ nutzt Weitzel wieder das Mentimeter, wie schon am Morgen zum Thema „Britisch-Sein“. Die Teilnehmer brainstormen auf der Online-Plattform, was sie über die Tragödie wissen. Auf der daraus entstandenen „Mind Map“ steht in der Mitte „jealousy“, Eifersucht. Die Studentin fasst ausführlich die Tragödie zusammen, die Thema eines Corona-Halbjahrs war. Dann geht es ans Interpretieren: Welche Rolle spielen im Drama Rassismus, Ehre, Gerüchte?

          Wer aufpasst, hat am Ende die Grundlagen beisammen, sich vielleicht an manches Vergessene aus dem Schulunterricht erinnert. Nach der Pause stehen noch verschiedene Textsorten auf dem Programm – und praktische Fragen zum Aufbau einer Prüfung.

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