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Unterstützung der Arbeitgeber : Von zu Hause arbeiten, um die Mutter zu pflegen

Zu Hause pflegen - was der Wunsch vieler ist, lässt sich oft nur mit großer Mühe bewerkstelligen. Bild: dpa

Für die Kinderbetreuung haben sich Arbeitgeber schon einiges einfallen lassen, um ihren Mitarbeitern zu helfen. Doch wer Angehörige pflegt, muss das oft noch neben dem normalen Arbeitsalltag leisten. Manches Unternehmen gewährt nun Unterstützung.

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          Bei Yvonne Velten hat sich das Leben von einem Tag auf den anderen geändert. Beide Schwiegereltern wurden 2009 „praktisch über Nacht“ zum Pflegefall, wie sie sagt. Der Schwiegervater baute etwas schneller ab, so dass er bald in ein Heim musste. Die Schwiegermutter wird noch heute zu Hause gepflegt. Vieles macht Velten selbst. Und obwohl sie schon damals in der Personalabteilung der Taunus-Sparkasse für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zuständig war, hat sie überrascht, wie schwierig es ist, die Pflege eines Angehörigen mit dem Arbeitsalltag zu verbinden.

          Tim  Kanning

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Doch die Sparkasse habe ihr sehr geholfen, sagt Velten. Innerhalb einer Woche habe sie die Möglichkeit erhalten, im Notfall zu Hause zu arbeiten, mit Zugang zum internen Computersystem und einer Telefonumleitung, die dem Anrufer nicht anzeigt, ob sie gerade im Büro oder zu Hause ist. Ihre Arbeitszeit hat sie auf 80 Prozent verringert.

          Drei Viertel werden zu Hause betreut

          „Wenn dir das Leben eine Zitrone gibt, mach’ Limonade daraus“, sagt Velten. Und so hat sie viele ihrer eigenen Erfahrungen einfließen lassen, als die Taunus-Sparkasse nun beschlossen hat, sich stärker um Mitarbeiter zu kümmern, die Angehörige pflegen.

          So wie Velten geht es vielen Berufstätigen. Und angesichts der alternden Gesellschaft dürften es in Zukunft immer mehr werden. Drei Viertel aller Pflegebedürftigen würden zu Hause betreut, sagt der hessische Sozialminister Stefan Grüttner (CDU), und das oft von berufstätigen Angehörigen. „Wir brauchen die Arbeitnehmer“, sagt der Minister.

          Offen über das Thema sprechen

          Auf wie unterschiedliche Weise Unternehmen pflegende Angestellte entlasten können, hat sein Ministerium nun in einer Broschüre zusammengestellt. Beispiele aus großen Konzernen wie Fraport, von Mittelständlern wie Merz Pharma, aber auch von einem elf Mann starken Haustechnik-Betrieb aus Gemünden sind darin aufgeführt. Selbst in einem so kleinen Unternehmen, so ist dort nachzulesen, könnten die Arbeitsprozesse so umgestellt werden, dass ein pflegender Mitarbeiter entlastet werde.

          Eine wichtige Voraussetzung ist aber, dass offen über das Thema gesprochen wird. „Über Betreuungsprobleme mit Kindern spricht man lockerer mit Kollegen als über Themen wie die Inkontinenz der Mutter“, weiß auch Manfred Bührmann von der Commerzbank. Viele Angestellte würden im Gespräch mit Vorgesetzten gar nicht erwähnen, dass sie zu Hause noch so eine große Aufgabe zu erfüllen hätten, aus Angst daraufhin dann verschärft beobachtet zu werden, ob sie bei der Arbeit auch noch volle Leistung brächten.

          Pflegekasse erstatte viele Kosten

          Die Commerzbank will daher nun einen offenen Umgang mit dem Thema fördern und bietet ihren Mitarbeitern in der Frankfurter Zentrale gemeinsam mit der PME Familienservice GmbH seit April probeweise ein breites Spektrum an Pflegeunterstützung an. Der gleiche Dienstleister, der schon die Kinderbetreuung der Bank organisiert, hält für die Mitarbeiter nun zum Beispiel Pflegekräfte bereit, die im Notfall innerhalb weniger Stunden einspringen können. Ins Oberin-Martha-Keller-Haus in Sachsenhausen können die Angehörigen zur Tagespflege gebracht werden. Außerdem stellt PME ein Hausnotrufsystem zur Verfügung, das bis hin zu einer Kameraverbindung ins Haus des Angehörigen reichen kann. Damit sich die Mitarbeiter rechtzeitig auf einen drohenden Pflegefall einstellen können, zahlt die Bank zudem einmal im Jahr ein geriatrisches Assessment: Verändert sich der Gesundheitszustand eines nahen Angehörigen, kann der Angestellte mit ihm auf Kosten der Bank ausführliche Tests von einem Arzt machen lassen.

          Viele der übrigen Kosten könnten sich die Angestellten von der Pflegekasse erstatten lassen, wie Bührmann sagt, so dass die Commerzbank für die Angebote gar nicht so viel Geld in die Hand nehmen muss. „Ein Mitarbeiter, der ausfällt, weil er die Pflege nicht ordentlich mit der Arbeit verbinden kann, kostet uns mehr“, sagt Bührmann. Für die Kinderbetreuung hätten schon mehrere Studien gezeigt, dass die Fehlzeiten der Mitarbeiter sänken.

          Die Zahlen sind noch überschaubar

          Im Umgang mit pflegenden Mitarbeitern gibt es noch wenig Erfahrung, was auch daran liegt, dass ein Pflegefall in der Familie dem Arbeitgeber nicht mitgeteilt werden muss. So müssen die Personaler mit Schätzungen arbeiten. Bührmann berichtet von Krankenkassen-Studien, wonach sich zehn Prozent aller Deutschen zwischen 25 und 49 um pflegebedürftige Angehörige kümmern. Auf die Belegschaft der Commerzbank umgerechnet wären das laut Bührmann 2500 Beschäftigte.

          Dass sich Mitarbeiter mit solchen Schwierigkeiten an ihren Arbeitgeber wenden, muss sich aber erst einspielen. Die Beratung zur Pflege, die die Commerzbank schon bisher angeboten hat, haben 2012 nur 188 Mitarbeiter in ganz Deutschland nachgefragt. Allerdings ist das im Vergleich zu 2011 eine Verdoppelung, wie Bührmann sagt. Und seit die Bank im April ihr Pilotprojekt in der Zentrale gestartet hat, habe sich die Zahl der Anfragen bis Ende Juni im Vergleich zum Vorjahreszeitraum abermals verdoppelt. Bührmann geht davon aus, dass die Nachfrage weiter steigen wird, je bekannter die Angebote sind. Denn der Personaler sieht die Belastung für Mitarbeiter, die Angehörige pflegen, noch größer als für jene, die Kinder haben. Auf ein Kind kann man sich neun Monate lang vorbereiten, wenn es da ist, freuen sich alle, und je älter es wird, desto weniger Hilfe braucht es. Bei Pflegefällen ist das anders.

          Es wird schon im Vorstellungsgespräch danach gefragt

          Wie im Fall von Yvonne Velten von der Taunus-Sparkasse werden Mitarbeiter oft von einem Tag auf den anderen mit Problemen konfrontiert, über die sie sich vorher gar keine Gedanken gemacht haben. Auch hierzu zitiert Bührmann eine Krankenkassenstudie: jeder Zweite, der einen Angehörigen pflegt und parallel arbeitet, fühlt sich demnach dem Burn-out nahe.

          Auch die Politik hat darauf reagiert, seit Anfang des Jahres gilt das Familienpflegezeitgesetz. Es sieht vor, dass ein Angestellter für die Pflege eines nahen Angehörigen bis zu 24 Monate seine Arbeitszeit auf die Hälfte reduzieren kann und weiterhin 75 Prozent seines Gehalts bekommt. Wenn der Mitarbeiter im Anschluss an die Pflegezeit wieder voll einsteigt, bekommt er dafür eine weitere Zeit lang nur 75 Prozent seines Gehalts. Verpflichtet sind Unternehmen zu so einer Regelung allerdings nicht.

          Doch es gibt auch einige verpflichtende Gesetze. Die Taunus-Sparkasse wolle die staatlichen Möglichkeiten künftig stärker nutzen und Mitarbeiter entsprechend beraten, sagt der Vorstandsvorsitzende Oliver Klink. Nicht nur aus Altruismus, vielmehr fragen immer mehr Bewerber in Vorstellungsgesprächen gezielt nach Möglichkeiten, Familie und Beruf in Einklang zu bringen, wie Klink berichtet. Das Kreditinstitut kooperiert mit dem Rind’schen Bürgerstift in Bad Homburg. Hier können Mitarbeiter ihre Angehörigen auch zur Kurzzeitpflege geben, wenn sie zum Beispiel einmal Urlaub machen wollen. „Für Menschen, die zu Hause Angehörige pflegen, heißt Urlaub oft nur, dass sie sich nun 24 Stunden am Tag um sie kümmern“, sagt Klink. Dabei sei der Urlaub wichtig, um neue Energie zu tanken.

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