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Gemeinsam oder einsam? : Wie man am besten die Weltmeisterschaft schaut

Mit Freunden oder privat? Wie lässt sich die WM am besten schauen? Bild: dpa

Weltmeisterschaft, das heißt Public Viewing. Denn nur gemeinsam macht das Gucken so richtig Spaß. Das findet auch unser Autor Alexander Jürgs. „Alles Unsinn! Nur alleine gucken, macht letztlich Sinn“, hält Kollege Trautsch dagegen.

          3 Min.

          Ach, da vorne, ist das nicht die nette Familie aus unserem Hort? Soll ich da nicht einfach mal hingehen? Und wie sieht es mit Getränken aus? Ich könnte an der Bar etwas besorgen. Das Spiel? Ja, spannend. Eben ist ein Tor gefallen? Habe ich gar nicht mitgekriegt.

          Alexander Jürgs

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Matthias Trautsch

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Doch, ich liebe Fußball. Ich kann sogar enthusiastisch mitfiebern, mich aufregen, die Daumen drücken, frenetisch jubeln, ausrasten. Aber immer nur zeitweise. Wenn eine Fußballweltmeisterschaft ansteht, dann bin ich dabei. Dann bin ich begeistert, kann mich auch echauffieren, weil Leroy Sané (den ich zwar erst kenne, seit meine Jungs Fußballsticker sammeln) aus dem Kader gestrichen wurde, oder hoffe inständig, dass Neuer durchhält. Bundesliga, DFB-Pokal, Champions League, das ist dagegen alles nicht so mein Ding, dafür fehlen mir Muße und Zeit. Ich bin auch kein Eintracht-Fan. Mein letztes Mal im Waldstadion ist wohl mehr als ein Jahrzehnt her, Werder Bremen hat damals haushoch gewonnen, für mich ging das in Ordnung. Echte Fußball-Fans verachten solch ein Teilzeit-Fantum, wie ich es praktiziere, natürlich wahnsinnig. Sie finden es albern, wenn man ausschließlich zu Weltsportgroßereignissen in Begeisterung verfällt. Ich aber finde es schön.

          Und ich liebe es, gemeinsam mit anderen Fußball zu schauen. Wenn das Spiel auf einem LED-Bildschirm beim Italiener in unserer Straße läuft, man zwar kaum etwas erkennt, weil die Sonne auf die Projektionsfläche knallt und sich ein Zweimeterhüne direkt vor mir niedergelassen hat, dann fühle ich mich wohl. Mir doch egal, wenn dann Neunmalkluge mit ihrem Sermon nerven oder der Ton ausfällt. Hauptsache, wir halten zusammen. Wenn gemeinsam gejubelt und gemeinsam gejammert wird, wenn das ganze Lokal beim Elfmeterschießen mit der DFB-Elf zittert, dann kann auch ich mich für das Gekicke, das mich sonst ehrlich gesagt (aber das bleibt unter uns) ziemlich kaltlässt, begeistern. Ich habe mir übrigens auch schon Tickets für die großen Public-Viewing-Abende im Waldstadion besorgt. Mit Tausenden werde ich dann für Jogis Jungs jubeln. Fußball-WM, das ist für mich großer Pop. Wie das Konzert eines Superstars. Das kann man doch auch nicht allein daheim vor der Glotze genießen.

          Die Hölle, das sind die anderen

          Mit Grausen erinnere ich mich an die Weltmeisterschaft 2006. Deutsches Sommermärchen? Dass ich nicht lache! Relativ jung und relativ naiv, wie ich damals noch war, dachte ich, es wäre eine schöne Idee, zusammen mit anderen Fußballbegeisterten ein Spiel zu schauen. Am besten draußen, an der frischen Luft, in einem Biergarten oder auf einem öffentlichen Platz inmitten eines stimmungsvollen Fahnenmeers.

          Außerdem hatte ich mir überlegt, dass so ein Gemeinschaftserlebnis doch ideal wäre, um meinen damals vierjährigen Sohn endgültig mit dem Fußball-Virus zu infizieren. Die Vorarbeit war ja schon getan: Über Wochen hatten wir Spielerbildchen gesammelt und eingeklebt, ich schwärmte ihm vom Triumph 1990 vor, der schon viel zu lange zurücklag und unbedingt wiederholt werden musste.

          Die ganze Familie fiebert mit

          So eingestimmt, fieberte die ganze Familie dem deutschen Auftaktspiel gegen Costa Rica entgegen, das wir uns auf einer Riesenleinwand am Badesee anschauen wollten. Eine halbe Stunde vor Abfahrt stellte sich beim Vierjährigen jedoch eine leichte Übelkeit ein, die im Auto stetig zunahm, bis er sich in hohem Bogen quer über die Rückbank und seinen kleinen Bruder erbrach. Unnötig zu erwähnen, dass wir vom Vier-zu-zwei-Sieg inklusive zweier Klose-Tore nicht mehr viel mitbekommen haben.

          Den Rest der Vorrunde und das Achtelfinale schauten wir dann in aller Gemütlichkeit zu Hause im Wohnzimmer, doch nachdem alle Welt damals voller Verzückung vom „Public Viewing“ schwärmte, stach uns der Hafer, und wir meinten, das Viertelfinale unbedingt öffentlich sehen zu müssen.

          Wut gegen plappernde Unwissende

          Immerhin waren wir so schlau, nicht wieder ein Auto zu besteigen oder uns unter die schwarz-rot-gold angemalten Menschenmassen zu begeben, die zum Rudelgucken auf den Paulsplatz strömten. Wir gingen um die Ecke in eine nette Gartenwirtschaft, die einen Fernseher aufgebaut hatte. Dummerweise waren auf diesen Gedanken noch andere gekommen. Als wir eine Dreiviertelstunde vor Anpfiff ankamen, waren alle Tische in Bildschirmnähe belegt.

          Weil zudem die Sonne auf den Fernseher schien, waren die argentinischen kaum von den deutschen Trikots zu unterscheiden. Am schlimmsten aber war der Ton, und ich meine hier nicht den Fernsehkommentar. Ich meine diese gut gelaunten, plappernden, ahnungslosen Fußball-Groupies, die in der zwölften Minute fragen, gegen wen „wir“ eigentlich spielen. Obwohl: Noch schlimmer sind die Möchtegern-Experten, die zur Vorbereitung den Sportteil der „Zeit“ studiert haben und dann während des Spiels etwas vom Verschieben in der Viererkette faseln.

          Nach 120 Minuten Achtelfinale plus Elfmeterschießen wusste ich: Die Hölle, das sind die anderen, zumindest beim Fußballschauen. Seitdem gilt für mich: Splendid isolation. Wichtige Spiele – und bei einer WM gibt es nur wichtige Spiele – schaue ich mir privatissimo an. Also allein vor dem Fernseher oder in einem kleinen, sorgsam ausgewählten Kreis von ernsthaften, disziplinierten Mitguckern, die vor allem eines können: die Klappe halten.

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