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Digitaler Unterricht zuhause : Wie zu Kaisers Zeiten

Daheim allein: Immerhin meldet sich der Lehrer manchmal per Videokonferenz. Bild: AFP

Videokonferenzen können echten Unterricht nicht ersetzen, sind aber besser als nichts. Also werden die Schulen digitaler. Dafür wird es auch Zeit.

          3 Min.

          In wenigstens einer von drei Unterrichtsstunden bekommt Hans-Ulrich Wyneken seine Schüler zu Gesicht. Dabei harren die meisten Gymnasiasten der Carl-Schurz-Schule zu Hause aus. Nur die Großen kommen seit zwei Wochen wieder ins Gebäude in Sachsenhausen. Aber es gibt ja Videokonferenzen. Dafür teilen Schulleiter Wyneken und seine Kollegen die Gruppen. Die Hälfte oder ein Drittel versammelt sich dann im virtuellen Klassenzimmer. Wer gerade nicht dran ist, bearbeitet Aufgaben von der Schul-Homepage. Wyneken sagt: „E-Mails spielen keine Rolle mehr.“

          Florentine Fritzen

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Für andere Schüler und Eltern gehören überquellende Postfächer voller Word- und PDF-Dateien zum anstrengenden Corona-Alltag. Sie sähen Videokonferenzen als Fortschritt. Auch Wyneken hält diese Lösung für besser, als einander gar nicht zu sehen und zu hören. Pädagogisch sei das aber ein Rückschritt. Denn das Konferenz-Format gruppiert die Schüler am Bildschirm in Reih und Glied. „Wir unterrichten ein bisschen wie zu Kaisers Zeiten, nur mit Fernübertragung.“

          Technische Ausrüstung ist nicht nur privat Mangelware

          Was die Technik angeht, klappt der Video-Unterricht immerhin gut, schon bei Sechstklässlern. Denen helfen oft noch die Eltern. „Neunt- oder Zehntklässler tauchen hingegen ab“, sagt Wyneken. Für den Schulleiter ist es gerade weniger wichtig, wie gut die Schulen ausgestattet sind. „Das Problem sitzt am anderen Ende der Leitung“ – also bei den Familien.

          Andere Schulleiter bestätigen das. So wird berichtet, dass etliche Familien nur Smartphones haben, die Kinder also weder einen Laptop noch einen PC nutzen können. Am Handy lassen sich Lehrfilme leidlich schauen. Darauf einen Text zu schreiben ist mühsam. „Wir verlieren die Schüler der Reihe nach, weil sie keine Geräte haben.“ An vielen Schulen ist nicht daran zu denken, solchen Schülern Laptops aus dem eigenen Bestand zu leihen. Weil es so einen Bestand gar nicht gibt. Auch Webcams sind Mangelware. Also nutzen Lehrer ihre privaten Geräte.

          Die Corona-Krise beflügelt die Digitalisierung

          Dabei drängt die Zeit. In zwei Monaten beginnen die Sommerferien. Von übernächster Woche an dürfen schrittweise auch jüngere Schüler wieder zum Unterricht. In diesen Tagen beraten die weiterführenden Schulen darüber, wann die einzelnen Klassenstufen in welcher Stärke und mit wie vielen Stunden beginnen. Grundschüler bis zur dritten Klasse müssen bis Anfang Juni zu Hause bleiben. Es wird noch viele Videokonferenzen geben, auch nach den Ferien. Daher finden es alle Beteiligten wichtig, dass bald ein digitales Gerüst für die Schulen steht.

          Die Politik ist dabei in den vergangenen Wochen vorangekommen. Am nächsten Freitag soll der Magistrat einer Vorlage des Bildungsdezernats zustimmen, die Schulen endlich flächendeckend mit W-Lan auszustatten. Darüber gab es jahrelang Streit. Aus dem Dezernat heißt es, möglicherweise habe die Corona-Krise die Zusammenarbeit des Magistrats zur Digitalisierung der Schulen beflügelt.

          Eine datenschutzkonforme Lösung schaffen

          Auch der hessische Datenschutzbeauftragte traf kürzlich eine Krisen-Entscheidung. Zuvor durften Schulen aus Datenschutzgründen nämlich gar keine Videokonferenzen abhalten. An allen Schulen waren die Kameras und Mikrofone deaktiviert, falls es solche Geräte überhaupt gab. Jetzt hat der Datenschutzbeauftragte eine Duldung für Videokonferenzen ausgesprochen. Die gilt für die Verwaltung und zu pädagogischen Zwecken. Das Bildungsdezernat empfiehlt Schulen nun sogar ausdrücklich, diese Möglichkeit „bedarfsgerecht und sensibel“ zu nutzen. Über das Medienzentrum Frankfurt können Lehrer sogenannte Work@home-Lizenzen erhalten, um damit das Programm Teams aus dem Microsoft-Office-Paket365 zu nutzen. Damit können sie Schüler in virtuelle Klassenzimmer einladen.

          Aus Sicht der Dezernentin Sylvia Weber (SPD) ist das eine Übergangslösung, damit Lehrer kurzfristig Teamarbeit organisieren können. Das hat Weber jetzt auf eine Frage des Stadtverordneten Uwe Paulsen (Die Grünen) geantwortet. Bis Ende des Jahres will das Stadtschulamt weitere Plattformen testen, um „zu einer dauerhaft nutzbaren Infrastruktur zu kommen, die auch datenschutzkonform ist“.

          Eine Initiative des früheren Vorsitzenden des Stadtelternbeirats Eckhard Gathof wirbt dafür, dass Schüler ebenfalls vollen Zugang zu dem Paket bekommen, damit sie auch untereinander kommunizieren können. Die Petition mit inzwischen gut 800 Unterstützern kämpft gegen den „Flickenteppich“ bei der Digitalisierung. Gathof nennt Microsoft den „harmlosesten der drei Datenkraken“ – im Vergleich mit Google und Apple.

          Schulleiter Wyneken sieht das anders. „Ich lasse mich nicht vor den Karren von Microsoft spannen.“ Er nutzt das Programm Jitsi Meet. Und es gibt noch einige weitere Anbieter. Bis Ende des Jahres will das Stadtschulamt jetzt Plattformen testen, „um zu einer dauerhaft nutzbaren Infrastruktur zu kommen“.

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