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Unterricht im Container : Zwischen Blechkiste und Passivhaus

Alt, eng, ungedämmt: Die Eltern der Wöhlerschule klagen über „unhaltbare Zustände“ in den Containern. Bild: von Siebenthal, Jakob

An jeder dritten Schule wird in Containern unterrichtet. Ohne sie wären die Schüler gar nicht mehr unterzubringen. Die Erfahrungen damit sind unterschiedlich.

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          Völlig schmucklos ist der Klassenraum der 9a nicht: An eine Wand hat jemand das Poster einer Südseeinsel geklebt. Sonst aber beschränkt sich die Einrichtung auf das Notwendigste - Tische, Stühle, kleine Tafel, Overheadprojektor und zwei Metallschränke. Eine richtige Heizung gibt es genauso wenig wie eine Wärmedämmung oder einen Wasserhahn. Stattdessen hängen Elektroradiatoren an den Wänden und in einem Eimer steht trübe Brühe zum Tafelwischen.

          Matthias Trautsch
          Koordination Reportage Rhein-Main.

          Ihr neuntes Schuljahr verbringen die Gymnasiasten der Wöhlerschule in den fünf Containern am Rande des Schulgeländes. Genau genommen sogar außerhalb davon, denn die Anlage steht auf einem abgegrenzten Teil des benachbarten Sinaiparks. Der Weg dorthin ist unbefestigt, was auch den verschmierten Boden in den Räumen erklärt. Die Anlage wirkt wie ein Provisorium und als solches war sie auch gedacht. 2009 wurde sie aufgestellt, weil die Schule Platz brauchte, um nach der G8-Reform den doppelten Abiturjahrgang aufzunehmen.

          Nicht alle Container sind spartanisch eingerichtet

          Inzwischen haben die vorerst letzten G9-Schüler das Gymnasium verlassen, doch die Blechkisten stehen immer noch. Und daran wird sich so schnell auch nichts ändern, denn sie werden weiterhin benötigt. Eigentlich ist das Gymnasium am Dornbusch für fünf Klassen je Jahrgang ausgelegt, doch wegen der hohen Nachfrage nach Gymnasialplätzen wurde in den Stufen fünf, sieben und neun auf sechs Züge erweitert.

          An 58 Standorten, also in etwa einem Drittel der Frankfurter Schulen, wird nach Angaben des Bildungsdezernats derzeit in Containern unterrichtet. Nicht alle sind so spartanisch wie die der Wöhlerschule: Am Riedberg-Gymnasium hat sich die Anlage so bewährt, dass sie, wenn die Gymnasiasten in ihren Neubau umziehen, für das neue Oberstufengymnasium genutzt werden soll. Auch Bildungsdezernentin Sarah Sorge (Die Grünen) verweist darauf, dass die Container immer moderner und komfortabler würden: „Heutzutage sind manche davon besser als feste Gebäude.“ An der Fried-Lübbecke-Schule wird nach Angaben des Dezernats derzeit ein Modell getestet, dessen Energiebilanz nahe an den Passivstandard heranreichen soll.

          Planung und Bau dauere oft zu lange

          Grund für den Einsatz von Containern kann eine umfangreiche Sanierung sein, wie derzeit am Lessing-Gymnasium. Die Bergiusschule, eine Berufsschule in Sachsenhausen, wurde wegen umfangreicher Bauarbeiten sogar komplett in eine Containeranlage am Länderweg ausgelagert. Meist jedoch geht es darum, zusätzliche Räume zu schaffen. Denn anders als in fast allen hessischen Kommunen steigt in Frankfurt die Schülerzahl. Verstärkt wird die Raumnot durch den Trend zu Ganztagsschulen und zu Unterrichtsformen, die viel Platz benötigen. So werden die Container als Gruppenräume, zur Nachmittagsbetreuung oder als Schulkantinen genutzt.

          Für die Stadt, die als Schulträger für die Unterbringung der Schüler verantwortlich ist, haben die Container den Vorteil, schneller und flexibler reagieren zu können als es mit Neubauten möglich wäre. Deren Planung und Errichtung dauere angesichts des sich schnell verändernden Bedarfs oft zu lange, sagt Dezernentin Sorge. „Wir müssen die Schüler unterbringen, wenn sie da sind und nicht, wenn die Gebäude fertig sind.“

          Fehlende Dämmung beklagt

          Kurzfristig sind die Behelfsunterkünfte zudem billiger als feste Bauten, doch auch sie müssen bezahlt werden. Rund ein Drittel des Bestands hat die Stadt gekauft, für den Rest fallen beträchtliche Mieten an. Die Anlage, in der die IGS West bis zur Fertigstellung ihres Schulgebäudes untergebracht ist, kostet für zwei Jahre Nutzung inklusive Bodenplatte rund sechs Millionen Euro. Allerdings bieten die Container dort auch einen Standard, von denen die Neuntklässler der Wöhlerschule nur träumen können.

          Dort beklagt Schulelternbeirat Clemens Fischer etwa die fehlende Dämmung. Sogar eine Klassenarbeit sei schon einmal abgebrochen worden, nachdem sich in einem ausgekühlten Raum Kondenswasser auf den Tischen gebildet habe. Elternbeirätin Andrea Baulig fordert, die alten Metallkisten umgehend durch moderne Container mit Wasseranschluss, Schalldämpfung und Wärmedämmung zu ersetzen. Laut Bildungdezernat wird dies zum nächsten Schuljahr voraussichtlich noch nicht geschehen. Allerdings würden veraltete Anlagen Schritt für Schritt ersetzt und die Wöhlerschule dabei vorrangig berücksichtigt.

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