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Unternehmer Andreas Ritzenhoff : EU-Parlament statt Parteizentrale

Keine Unterstützung aus der Partei: Andreas Ritzenhoff Bild: dpa

Der Unternehmer Andreas Ritzenhoff wollte CDU-Chef werden und scheiterte. Nach seiner Niederlage hat er ein neues Ziel – und will nun nach Straßburg.

          Die Internetseite gibt es noch. „Mir geht es um einen Richtungswechsel“, steht auf der Homepage von Andreas Ritzenhoff, die der Unternehmer extra für seine Kandidatur um den CDU-Vorsitz erstellt hatte. Und: „Herzlichen Dank für Ihre Unterstützung.“

          Falk Heunemann

          Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Genutzt hat es wenig. Der Marburger Unternehmer, der vor nicht einmal einem Jahr der Partei beigetreten war, dessen Firma in Marburg jährlich 80 Millionen Euro Umsatz erwirtschaftet und 800 Menschen beschäftigt, hatte als erster die ewige CDU-Vorsitzende Angela Merkel herausgefordert. Die Chancen des Außenseiters auf Stimmen vieler Unzufriedenen standen da gar nicht so schlecht. „Wir brauchen mehr Menschen in der Politik, die Erfahrungen aus anderen Lebensbereichen mitbringen“, ist er sich auch heute, wenige Tage nach dem entscheidenden Bundesparteitag, im Gespräch mit dieser Zeitung sicher.

          Nicht auf dem Wahlzettel

          Dann jedoch verlor die Partei auch noch die Landtagswahl in Hessen, die Bundesvorsitzende verkündete ihren Rückzug, und drei deutlich prominentere Kandidaten meldeten ihr Interesse an dem Amt an, mit dem man gute Aussichten hat, in ein paar Jahren Bundeskanzler zu werden. Der Parteitag wählte schließlich im zweiten Wahlgang die Generalsekretärin zur neuen Vorsitzenden. Ritzenhoff stand nicht auf dem Wahlzettel, nicht einmal im ersten Wahlgang.

          Dabei hatte er noch Tage zuvor Zuversicht verbreitet: Er habe Parteitagsdelegierte gefunden, die ihn nominieren würden, teilte er eine Woche vor dem Parteitag mit. Denkbar schien das, schließlich war der Unternehmer extra zu den acht Regionalkonferenzen gereist, hatte dort seine Bewerbungsunterlagen verteilt und versucht, mit den Delegierten ins Gespräch zu kommen. 5000 Flugblätter habe er verteilt, erzählt er. Diesen Aufwand hatten sonst nur drei der zeitweise 14 Bewerber betrieben: Annegret Kramp-Karrenbauer, Jens Spahn und Friedrich Merz. „Die Parteibasis zeigte sich sehr offen und zustimmend“, findet er.

          Keine Auftritt bei den Basistreffen

          Er werbe für Inhalte und nicht für sich als Person, sagte Unternehmer Ritzenhoff jedem, der hören sollte. Mehr Europa, weniger Flüchtlingseinwanderung, mehr Umweltschutz, weniger Funklöcher, Mittelstandsförderung, moderne Schulen. Und, ganz wichtig: die Abwehr chinesischer Investoren: „Wir müssen verhindern, dass unsere Unternehmen, unser Wohnraum und unsere Bodenflächen weiterhin so hemmungslos durch chinesisches Staatskapital übernommen werden“, sagte er etwa in einem Gespräch mit dieser Zeitung.

          Doch anders als die Parteiprominenz durfte er bei keiner der Regionalkonferenzen auf die Bühne und sich den Fragen der Mitglieder stellen. Die Parteiführung hatte bestimmt, dass auf den Basistreffen nur auftreten dürfe, wer die Unterstützung eines Kreisverbands habe. Selbst Ritzenhoffs Heimatverband Marburg-Biedenkopf war dazu nicht bereit. Ihm steht Landesfinanzminister Thomas Schäfer vor, der lieber Merz oder Spahn an der Parteispitze gesehen hätte, wie er auf seiner Facebookseite schreibt. „Ich kann nicht nachvollziehen, warum die Parteiführung die breitere Diskussion nicht zugelassen hat“, sagt Ritzenhoff heute. Viele Mitglieder der Parteibasis hätte die Regularien als undemokratisch empfunden.

          „Meine Bewerbung kam nicht aus heiterem Himmel“

          Als der Parteitag in Hamburg schließlich begann, meldete sich kein einziger der 1001 Delegierten, um Ritzenhoff vorzuschlagen. „Sie waren besorgt, persönliche Nachteile zu haben, wenn sie mich vorschlagen“, ist sich der Unternehmer mittlerweile sicher.

          Die Partei lade zum Mitgestalten auf allen Ebenen ein. „Doch das wirklich umzusetzen, gelingt ihr zur Zeit nicht.“ Er habe sich von der Parteiführung Offenheit und das direkte Gespräch gewünscht. „Meine Bewerbung kam nicht aus heiterem Himmel.“ Ihr seien mehr als drei Jahre mit Gesprächen mit ranghohen Politikern voraus gegangen. Aber er freue sich darüber, dass die neue Parteivorsitzende die Diskussionskultur in der CDU beleben wolle. „Das finde ich richtig und wichtig.“ Daher nehme er die Niederlage, nicht nominiert und nicht gewählt worden zu sein, sportlich.

          Ein neues Ziel

          Ritzenhoff will keinesfalls verbittert wirken, sondern engagiert. Zumal er ein neues Ziel in der Partei hat: Europa.

          „In der Europa-Politik brauchen wir den Mut von Helmut Kohl und müssen größere Schritte wagen.“ Die ausgestreckte Hand des französischen Präsidenten Emanuel Macron müsse Deutschland ergreifen, um zusammen mit Frankreich „Europa zu einer europäischen Nation zu vereinigen“. Denn Deutschland sei für die großen Herausforderungen zu klein.

          „ Ich bewerbe mich für das Europaparlament“, verkündete er darum gestern. Auch dafür wird er zwar Delegierte benötigen, die ihn für einen aussichtsreichen Platz auf der hessischen Landesliste für die EU-Wahl am 26. Mai vorschlagen und dann wählen. Aber diesmal hat er einen Vorteil: Es gibt nicht nur Platz für einen. Aktuell stellt die deutsche CDU im europäischen Parlament 29 Abgeordnete.

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