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Unternehmer kontra Studie : Sind 1890 Euro im Monat ein Niedriglohn?

Wie viel Geld benötigt der Bürger durchschnittlich? Bild: dpa

Das Geld reicht niemals aus. Wie niedrig aber muss das Einkommen sein, damit man nicht mehr von einem zureichenden Verdienst sprechen kann?

          3 Min.

          Eine Studie der Hessen-Agentur stellte im Sommer 2010 einmal die verschiedenen Ansätze gegenüber, wie sich berechnen lässt, wer in Hessen von Niedriglöhnen lebt. So verdienten damals lediglich zwei Prozent der Vollzeitbeschäftigten weniger als 7,50 Euro in der Stunde - ein Betrag, der oft als gesetzlicher Mindestlohn gefordert wird. Wer mit zwei Prozent nicht zufrieden ist, muss anders rechnen. Er bezieht auch die Teilzeitbeschäftigten ein und rechnet dann zunächst aus, wo der Median sämtlicher Einkommensbezieher liegt. Median ist so ähnlich wie Durchschnitt, es heißt: Die eine Hälfte bekommt mehr, die andere weniger. Als Niedriglohnbezieher gelten dann all jene, die unter zwei Dritteln dieses so definierten Durchschnitts liegen. Bei dieser Methode kam man 2010 zum Ergebnis, dass in Hessen 19 Prozent von Niedriglöhnen leben.

          Manfred Köhler

          Stellvertretender Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und verantwortlicher Redakteur des Wirtschaftsmagazins Metropol.

          Zwei Prozent oder 19 Prozent - das ist die Spannweite. Es war kein Wunder, dass der DGB damals nur die zweite Zahl sah und postwendend die Landesregierung aufforderte, endlich entschlossen gegen die angeblich weitverbreiteten Dumping-Löhne zu Felde zu ziehen.

          „Bedrohliches Bild des Niedriglohnsektors durch Fakten nicht gedeckt“

          Nun hat es wieder eine Studie gegeben, und nun hat sich das andere Lager zu Wort gemeldet. Die Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände (VhU) protestiert in ungewohnter Schärfe gegen eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung Hessen, das zu Monatsbeginn gemeldet hatte, 2010 hätten in Hessen 19,2 Prozent aller sozialversicherungspflichtig Vollzeitbeschäftigten lediglich Niedriglöhne erhalten. „Bedrohliches Bild des Niedriglohnsektors durch Fakten nicht gedeckt“, schreibt die VhU verärgert, die Studie des Instituts sei „in vielen Details voller Fehler und Mängel und damit wertlos für die Bekämpfung der Langzeitarbeitslosigkeit“.

          In der Tat verdient eine Untersuchung, die sogar bei Vollzeitstellen auf eine Niedriglohnquote von einem Fünftel kommt, einen zweiten Blick. Auch ihren Autoren gelten als Niedriglohn-Bezieher all diejenigen, die mit weniger als zwei Drittel des Durchschnitts (des Medians) auskommen müssen. Das ist schon eine problematische Vorgehensweise an sich, weil jede Erhöhung bei Spitzen- und Durchschnittsverdienern den Median hochtreibt und damit rechnerisch zu mehr Niedriglohnbeziehern führt, ohne dass jemandem auch nur ein Euro weggenommen wurde. Vor allem aber wirft die Berechnungsweise pragmatische Fragen auf. Weil man insgesamt gesehen in Deutschland so schlecht doch nicht verdient, gilt den Autoren nach ihrer Methode alles als Niedriglohn, was unter 1890 Euro brutto im Monat liegt. Das sind mehr als elf Euro die Stunde. Eine gewagte Behauptung. Beginnt wirklich schon unterhalb dieses Satzes die Niedriglohnwelt?

          „Wie bei einer derartig hoch angesetzten Niedriglohnschwelle Bedenken für die Existenzsicherung abgeleitet werden können, bleibt unerfindlich.“

          Nein, sagt die VhU und verweist darauf, dass dies bei einem Alleinstehenden nahezu dem doppelten Hartz-IV-Satz entspreche. „Wie bei einer derartig hoch angesetzten Niedriglohnschwelle Bedenken für die Existenzsicherung abgeleitet werden können, bleibt unerfindlich.“ Mehr noch ärgert man sich beim Spitzenverband aber darüber, dass das der Bundesagentur nahestehende Institut das Wachstum des so definierten Niedriglohnsektors herausstreicht, ohne dies in einen Zusammenhang zu stellen. In der Studie heißt es, während 2010 bereits 19,2 Prozent von Niedriglöhnen hätten leben müssen, seien es 1999 nur 14,4 Prozent gewesen. Die VhU verweist darauf, dass sich in der Zwischenzeit auch die Zahl der Arbeitsplätze deutlich erhöht habe. Tatsächlich: In Deutschland hat die Zahl der Erwerbstätigen 2011 ein Allzeithoch erreicht, und im März, wenn alles gezählt ist, wird dies wahrscheinlich auch für Hessen gemeldet werden. An diesem Punkt des Disputs geht es also um die alte Frage, ob „schlechte Arbeit“ besser ist als „keine Arbeit“. Die VhU verweist auf die Chancen, sich über Jobs mit niedrigen Löhnen wieder in den Arbeitsmarkt zu integrieren. „Schwerwiegendstes Versäumnis der Studie ist es, dass keinerlei Versuch unternommen wurde, zu untersuchen, was ohne die beschriebene Ausweitung des Niedriglohnsektors passiert wäre“, empört sich der Verband.

          Vielleicht wäre die Erregung der VhU über eine Studie, die nur mäßige Beachtung fand, geringer, wäre dort nicht auch noch zu lesen, es sei durchaus plausibel, „dass Firmen dauerhaft ihre Marktmacht ausnutzen und mit Niedriglöhnen Überschussprofite erwirtschaften“, und der Einführung von Mindestlöhnen das Wort geredet wird. Wie auch immer: Wer sich einerseits die Studie ansieht, die über viele spannende Fragen hinweggeht (schaffen Mindestlöhne eigentlich Jobs, oder sind sie ein Weg zu ihrer Vernichtung?), andererseits die unnötig scharfe Reaktion der VhU liest, der erinnert sich mit Wohlgefallen an die Untersuchung aus der Hessen-Agentur. Denn dort wusste man jede Skandalisierung zu vermeiden - das ist selten bei diesem Thema, wie die neue Diskussion zeigt.

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