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Unterkunft für Asylbewerber : Heftiger Widerstand im Landkreis Aschaffenburg

  • -Aktualisiert am

Nicht in meinem Vorgarten: Wie hier im bayrischen Zirndorf sollen bald auch in Krombach Asylbewerber untergebracht werden. Bild: dapd

Die Aufnahme von 62 Asylbewerbern in Krombach ist geplant. In dem rund 2200 Einwohner zählenden Ort regt sich dagegen Widerstand. Gemeinde und Bürgerinitiative distanzieren sich von Aktivitäten der rechten Szene.

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          Die Regierung von Unterfranken plant, in der rund 2200 Einwohner zählenden Gemeinde Krombach eine Gemeinschaftsunterkunft für Asylbewerber/GU einzurichten. In ein ehemaliges Fabrikgebäude im Ortskern sollen nach dem Umbau 62 alleinstehende Männer einziehen. Die Stimmung in dem kleinen Ort ist aufgeheizt, Anwohner der Holzgasse haben eine Bürgerinitiative gegen die GU gegründet, zu einer Informationsveranstaltung der Gemeinde erschien fast jeder vierte Einwohner.

          Bisher sind im Landkreis Aschaffenburg lediglich 51 Flüchtlinge dezentral in Alzenau, Mespelbrunn und Heigenbrücken untergebracht. Das Vorhaben, die erste Unterkunft des Landkreises mitten in einer kleinen Ortschaft einzurichten, stößt auf Unverständnis und erheblichen Widerstand. Die Menschen haben unter anderem Angst um die Sicherheit ihrer Kinder, die auf dem Weg zum Schulbus das Anwesen an der Holzgasse passieren müssen, Angst um ihre Nachtruhe, Angst davor, dass ihre Immobilien, die an die geplante Unterkunft grenzen, an Wert verlieren könnten. Wenn 62 Menschen auf engstem Raum zusammenlebten, in einem Ort, der kaum Einkaufsmöglichkeiten und eine schlechte Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr habe, seien Konflikte programmiert, befürchten viele Krombacher. Arme Menschen, die hier Ablehnung erführen, würden zwischen glückliche Familien geparkt, kritisiert ein Anwohner.

          Die NPD hat schon Flugblätter verteilt

          Die Unterbringung von Asylbewerbern bedeute nicht zwangsläufig ein Sicherheitsproblem, versuchte Johannes Hemm, der Leitende Polizeidirektor des Polizeipräsidiums Unterfranken, die Bedenken zu zerstreuen. Sorge bereite ihm das Auftauchen der rechten Szene, sagte Krombachs Bürgermeister Reiner Rosenberger (CSU) in der mit rund 500 Menschen vollbesetzten Mehrzweckhalle. Die NPD hat schon zweimal im Ort Flugblätter verteilt. „Mit so etwas hatten wir in Krombach bisher nichts zu tun.“

          Die Polizei habe keine Erkenntnisse, dass in der Region die rechte Szene tätig sei, entgegnete Hemm. Diese Aktivitäten gingen vom „Freien Netz Süd“ aus. „Die hängen sich bayernweit dran, wenn irgendwo Unterkünfte für Asylbewerber im Gespräch sind.“ Er sei froh, dass sich die Bürgerinitiative von Rechts distanziert habe. Schließlich bestehe eine große Gefahr, dass sie instrumentalisiert werde.

          40 neue Bewerber pro Woche in Unterfranken

          Die Suche nach Asylbewerberunterkünften sei keine „geheime Kommandosache“, sagte der Vertreter der Regierung, Hans Georg Rüth, der bei der Informationsveranstaltung viele Pfiffe und Buhrufe über sich ergehen lassen musste. Die Regierung suche per Anzeige nach geeigneten Immobilien und prüfe dann die Angebote. Allein in diesem Jahr müssten in Unterfranken noch rund 800 Asylbewerber aufgenommen werden. Die 16 Gemeinschaftsunterkünfte in Unterfranken seien voll belegt. Von den rund 2500 Asylbewerbern lebten 1600 in Gemeinschaftsunterkünften, der Rest sei dezentral in Privatwohnungen, Gaststätten oder Hotels untergebracht.

          Aktuell werden Unterfranken rund 40 Personen pro Woche neu zugewiesen, teilte ein Sprecher der Regierung auf Anfrage mit. Wegen der bis 2007 rückläufigen Zugangszahlen habe die Regierung alle im Landkreis Aschaffenburg bestehenden Gemeinschaftsunterkünfte aufgelöst. Seit Ende 2010 suche sie jedoch in ganz Unterfranken, aber insbesondere auch in den Landkreisen, die über keinen Standort mehr verfügen, nach Möglichkeiten, wieder Gemeinschaftsunterkünfte zu errichten, da der Anstieg der Asylbewerber in den vergangenen Monaten mit dem bestehenden Angebot nicht mehr bewältigt werden könne.

          Fahn: Regierung handelt über die Köpfe der Bürger hinweg

          Die Regierung handele formal korrekt, aber über die Köpfe der Bürger hinweg, so der Landtagsabgeordnete der Freien Wähler, Hans Jürgen Fahn, in Krombach. Er schlug eine dezentrale Unterbringung der Asylbewerber nach dem sogenannten Coburger Modell vor. „62 Asylbewerber in Krombach sind zu viel und nicht sozialverträglich.“ Im Landkreis Coburg habe der dortige Landrat zusammen mit den Gemeinden ein Konzept entwickelt, nach dem die Asylbewerber gestaffelt nach den Einwohnerzahlen im Kreis verteilt würden.

          Die Verwirklichung dieses Modells hätte zur Folge, dass Krombach nicht 62, sondern nur zwei Asylbewerber aufnehmen müsste. Nach Einwohnerzahlen gestaffelt, müssten dann zum Beispiel Alzenau sieben, Hösbach fünf oder Stockstadt drei aufnehmen. Es sei wichtig, dass jetzt der Landkreis Aschaffenburg mit Landrat Ulrich Reuter (CSU) tätig werde und ein Gesamtkonzept mit den 32 Bürgermeistern des Landkreises entwerfe.

          Landratsamt: Asylbewerber können nicht gerecht aufgeteilt werden

          Diesen Vorschlag wies ein Sprecher des Landratsamtes deutlich zurück. Es sei die Aufgabe der Regierung, Gemeinschaftsunterkünfte zu suchen und die Menschen dort unterzubringen. Die dezentrale Unterbringung, um die sich der Landkreis kümmern müsse, sei erst der zweite Schritt. Der Kreis könne sich nicht mit den Gemeinden zusammensetzen und die Asylbewerber gerecht aufteilen, da es dafür auch nicht genügend Räumlichkeiten gebe. Die geplante Gemeinschaftsunterkunft werde die dezentrale Unterbringung im Kreis nicht ersetzen. Der Landkreis sehe keine Möglichkeiten, die Menschen gerecht zu verteilen. Er sei auf Unterkünfte zu akzeptablen Preisen angewiesen, und die würden nicht überall angeboten.

          Entsprechende Pensionen und Gaststätten finde man nur in Regionen mit Fremdenverkehr. In den beiden kleinen Spessartgemeinden Heigenbrücken und Mespelbrunn hat der Landkreis bisher 34 Asylbewerber untergebracht, ein weiteres Dutzend soll noch kommen. Dort habe auch niemand von einer gerechten Verteilung gesprochen. Der Kreis bemühe sich in Zusammenarbeit mit den Kirchengemeinden, die Menschen möglichst gut in die Orte zu integrieren, so der Sprecher des Landratsamtes.

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