https://www.faz.net/-gzg-7kimu

Unmut über Internetseite : Hessische Öko-Bauern in Aufruhr

Streitbar: Bauernverbandschef Schneider soll sich im Netz abfällig über Öko-Landwirtschaft geäußert haben - er sei es nicht gewesen, sagt der Verband Bild: Wresch, Jonas

Die Internetseite „Bio?!“ des Bauernverbandspräsidenten Friedhelm Schneider sorgt für Aufregung unter den hessischen Landwirten. Öko-Bauer Felix Prinz zu Löwenstein hat seine Mitgliedschaft gekündigt.

          Ein Verband für alle mit einem Leitbild für alle - nicht nur für die großen Bauen mit 200 Kühen im Stall, sondern für die kleinen mit 25 Tieren am Futtertrog, das will der Hessische Bauernverband nach eigenem Bekunden sein. Die Bio-Landwirte, die, gemessen an der Fläche, zehn Prozent der Verbandsmitglieder ausmachen - von der Anzahl der Betriebe her sind es neun Prozent - , haben daran jedoch schon seit längerem ihre Zweifel.

          Petra Kirchhoff

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Einem von ihnen, Felix Prinz zu Löwenstein, als Bio-Landwirt seit knapp 30 Jahren Mitglied im Bauernverband, ist jetzt der Kragen geplatzt. Am Wochenende hat Löwenstein, der auch als Präsident des Dachverbandes der Ökologischen Lebensmittelwirtschaft die Interessen von Bio-Landwirten, -Händlern und -Verarbeitern vertritt, seine Mitgliedschaft gekündigt und alle Bio-Bauern, die Mitglied im Hessischen Bauernverband sind - das sind rund 1500 - aufgerufen, es ihm gleichzutun.

          Seite mittlerweile gesperrt

          Anstoß ist eine private Internetseite des Bauernverbandspräsidenten Friedhelm Schneider aus Niedergründau, die inzwischen nicht mehr angeklickt werden kann. Es geht darauf um Aussagen zur Bio-Landwirtschaft, die, wie Löwenstein in einem offenen Brief an Schneider, schreibt, „nicht nur in den Formulierungen polemisch“ seien, sondern auch „sachlich hanebüchen“. Über sechs Seiten nimmt der Landwirt, der mit seinem Hofgut Habitzheim bei Dieburg 160 Hektar nach den Kriterien des Öko-Verbandes Naturland bewirtschaftet, zu den Aussagen Stellung. So etwa auch zu der Behauptung auf Schneiders Homepage, Bio-Getreide sei mit einer Vielzahl von giftigen Pilzsporen und Pilzgiften befallen, wie Löwenstein zitiert. Sein Kommentar: „Pilzsporen und Pilzgifte können auf Getreide zu finden sein. Der Befall von Bio-Getreide ist jedoch deutlich geringer als der von konventionellem Getreide.“ So geht es dicht beschrieben über sechs Seiten mit Nennung von Quellen und Literaturangaben.

          „Jetzt habe ich es schriftlich“, sagte Löwenstein auf Anfrage. „Bisher habe ich immer nur erzählt bekommen, was er alles erzählt“ - den jungen Landwirten an Fachschulen etwa oder den Vertretern auf Bauernversammlungen. „Es geht Ihnen darum, den ökologischen Landbau zu diffamieren“, schreibt Löwenstein in seinem offenen Brief an Schneider.

          Verband spricht von „Ausrutscher“

          Doch der soll es gar nicht gewesen sein. „Das hat sein Sohn gemacht“, sagte der Geschäftsführer des Verbandes, Peter Voss-Fels, auf Anfrage. Er sprach von einem „Ausrutscher“. Präsident Schneider sei drei Tage unterwegs gewesen. Der Verband arbeite noch an einer Stellungnahme.

          Dass die Seite am Wochenende vom Netz genommen wurde, sieht freilich auch der Geschäftsführer als Geständnis, „dass nicht alles ganz richtig war“, vor allem nicht von Seiten eines Verbandspräsidenten. „Wir haben ein Leitbild im Bauernverband, das für alle Betriebe in Hessen spricht, und das bleibt auch so“, hebt Voss-Fels hervor.

          Richtungsstreit unter Bauern

          Damit wird deutlich, dass der Konflikt viel tiefer sitzt und dass es um ganz andere Grabenkämpfe geht in Zeiten, in denen es kleineren Landwirten aufgrund des Biogas-Booms und der Preise, die gezahlt werden, kaum noch gelingt, Land hinzuzupachten. „Es geht hier nicht um die Causa Löwenstein versus Schneider. Sondern es geht um die Frage: In welche Richtung soll sich die Landwirtschaft in Hessen entwickeln?“, sagt Löwenstein. Schneider vertrete eine „exportorientierte“ Landwirtschaft, die nur noch das „Höher, Weiter, Schneller“ kenne. Löwenstein, der selbst mit 160 Hektar nicht zu den Kleinen gehört, spricht von einem „Hauen und Stechen am Pachtmarkt. Da kommen viele nicht mehr mit.“ Nicht nur Öko-Betriebe, sondern auch konventionelle, fügt er hinzu. Es gehe daher auch um die Frage: „Wo gibt es eine Chance für Bauern, die Bauern bleiben wollen?“

          Diese Kritik teilt der Geschäftsführer des hessischen Bioland-Verbandes, Gregor Koschate. Der Bauernverband arbeite nur noch nach dem Prinzip „Wachsen oder Weichen“. Dies sei falsch für ein Bundesland wie Hessen, in dem Mittelgebirge dafür sorgten, dass die Durchschnittsgröße der Betriebe bei gerade einmal 46 Hektar liege. So viel Spaltpilz-Potential allerdings will Voss-Fels dem offenen Brief nicht zubilligen. „Es gibt mehr Gemeinsamkeiten als Teile, die uns trennen“, sagt der Geschäftsführer und versichert, er werde sich um jedes Mitglied bemühen. „Auch um Herrn zu Löwenstein.“

          Weitere Themen

          Löschen, Zündeln, Mähen

          FAZ.NET-Hauptwache : Löschen, Zündeln, Mähen

          Hintergründe zum Brand der Rheingoldhalle in Mainz, die Konflikte in der schwarz-rot-grünen Koalition im Römer und wieso ein hessischer Bauer gegen die EU kämpft, steht in der FAZ.NET-Hauptwache.

          Wachsen oder sterben

          Milchbauern in Deutschland : Wachsen oder sterben

          Trotz unaufhaltsamer Konzentration ist die Milchproduktion in Deutschland ein Geldgrab. Süddeutsche Höfe hängen besonders am Subventionstropf, und die Umstellung auf Biomilch hilft auch nicht unbedingt.

          Topmeldungen

          Wie weiter mit dem Brexit? : Das britische System liegt in Trümmern

          Womöglich kann das britische Parlament einen „No Deal“ nach der Europawahl nicht mehr verhindern. Dann müsste die EU sich auch an die eigene Nase fassen – sie hat zur Polarisierung der Politik im Vereinigten Königreich beigetragen.

          Deutschland beim ESC : S!sters am Ende

          Der deutsche Beitrag beim ESC landet mal wieder auf einem der letzten Plätze. Was haben die S!sters falsch gemacht? Und warum suchen sie die Fehler bei anderen?

          Meister Bayern München : Der stille Abgang des Jérôme Boateng

          Die Bayern feiern – nur einer will nicht mitmachen. Jérôme Boateng ist nur eine Randfigur. Er verlässt das Stadion wortlos als erster Münchner. Bei der abendlichen Feier steht Boateng gar nicht mit der Mannschaft auf dem Balkon.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.