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Prüfungsfragen unklar : Unverständliches Deutsch-Abitur

Nervennahrung: Wenn die Abituraufgaben unverständlich sind, helfen Schokoherzen und Kekse allerdings auch nicht weiter. Bild: dpa

Gerade im Fach Deutsch sollten Prüfungsfragen sauber formuliert sein. Weil das nicht der Fall war, ist die Bewertung der Klausuren in Hessen nun schwierig.

          Manche Sätze verursachen schon durch reines Lesen einen Knoten in den Gehirnwindungen. Dieser gehört dazu: „Beurteilen Sie, inwiefern die Kenntnis der Visionen Grenouilles aus Süskinds ,Das Parfum‘ und des Prinzen aus Kleists ,Prinz Friedrich von Homburg‘ die Einschätzung dieser literarischen Figuren und ihrer Handlungen durch die Leser beeinflusst.“ Der Satz gehört zu den Aufgaben im Grundkurs Deutsch des hessischen Landesabiturs, das vor Ostern geschrieben wurde und derzeit korrigiert wird.

          Matthias Trautsch

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Ein Deutschlehrer aus dem Rhein-Main-Gebiet, der seine Prüflinge mit der Aufgabe konfrontieren musste, gibt zu, dass er sie selbst nicht verstanden habe. „Wie kann ich dann von meinen Schülern erwarten, dass sie sie richtig beantworten?“ Schon inhaltlich sei die Aufgabe fehlerhaft, weil der Prinz von Homburg keine Visionen, sondern Träume gehabt habe. Auch grammatikalisch sei die Formulierung unsauber, weil sie auch so zu verstehen sei, dass Grenouille und der Prinz von Homburg dieselben „Visionen“ gehabt hätten.

          Nicht die einzige schleierhafte Aufgabe

          Vor allem aber stört den erfahrenen Deutschlehrer, dass hinter der verquasten Formulierung beim besten Willen kein Sinn zu entdecken sei. Er habe lange nachgedacht und die Aufgabe dann für sich selbst so formuliert: „Beurteilen Sie, welchen Einfluss es auf den Leser hat, dass in dem Text etwas geschildert wird.“ Übertragen auf ein anderes dramatisches Werk: „Beurteilen Sie, welchen Einfluss es auf den Leser hat, dass Faust dem Teufel begegnet.“

          Zwar stehen im Deutsch-Abitur drei Themen-Blöcke zur Auswahl, die Prüflinge konnten sich also auch für andere Aufgaben entscheiden, doch enthalten auch diese Mängel. Etwa, wenn es um E.T.A. Hoffmanns Erzählung „Der Sandmann“ geht. Den Schülern wurde dazu eine Text-Passage vorgelegt, die sich der Mutter des Protagonisten Nathanael widmet, deren „heiteres unbefangenes Wesen umgewandelt in traurigen, düstern Ernst“ war. Daran schließt die Aufgabe an: „Beurteilen Sie ausgehend von dem vorliegenden Zitat, inwiefern in E.T.A Hoffmanns Erzählung ,Der Sandmann‘ das Verhältnis von Wahnsinn und Wirklichkeit als eine Form der Umwandlung bzw. Verwandlung interpretiert werden kann.“ Wie ein „Verhältnis von Wahnsinn und Wirklichkeit“ eine „Form der Verwandlung“ sein kann, bleibt schleierhaft.

          Nach den Schülern tun sich nun die Lehrer schwer

          Erschwerend kommt hinzu, dass sich die Aufgabe aus dem Kontext heraus nicht, wie es vermutlich gemeint ist, auf Nathanael, sondern auf dessen Mutter bezieht. Diese ist in E.T.A. Hoffmanns Erzählung allerdings nur eine randständige Figur und denkbar ungeeignet, Interpretationen über „Wahnsinn“ und „Verwandlung“ anzustellen. Manche Prüfer haben ihre Schüler darauf aufmerksam gemacht, dass sie sich von dem Zitat nicht auf die falsche Fährte locken lassen sollten, dass es also nicht um die Mutter, sondern um Nathanael gehe. So angebracht ein solcher Hinweis scheint, widerspricht er doch dem Gedanken des Zentralabiturs. Das wurde vor mittlerweile neun Jahren eingeführt, um einen hessenweit einheitlichen Standard zu schaffen, der aber kaum zu halten ist, wenn es von der Hilfsbereitschaft des jeweiligen Prüfers abhängt, ob und wie eine Aufgabe zu verstehen ist.

          Ähnlich wie zuvor die Schüler tun sich nun die Lehrer schwer, die die Klausuren korrigieren müssen: Soll die kryptische Formulierung einer Aufgabe „mildernd“ in die Notengebung einfließen? Wie soll berücksichtigt werden, dass manche Abiturienten Hilfestellung bekommen haben, andere aber nicht?

          Kultusministerium hält Kritik für unbegründet

          Ein Lehrer nennt ein weiteres Beispiel für den Konflikt: Einer Passage aus Marlen Haushofers Roman „Die Wand“, den die Schüler im Unterricht nicht behandelt hatten, sei eine kurze Zusammenfassung der Romanhandlung vorangestellt worden. Die Aufgabe habe dann gelautet „den Inhalt“ wiederzugeben. Das hätten die Prüflinge so verstanden, dass sie sich auf den Ausschnitt beschränken müssten, ohne die Informationen aus der Zusammenfassung zu verwenden. Das sei aber ein Ding der Unmöglichkeit. Dementsprechend schwierig sei nun eine gerechte Bewertung.

          Das Kultusministerium in Wiesbaden hält die Kritik für unbegründet. Wie ein Sprecher sagte, sind die Aufgaben vorab von Lehrern geprüft worden, die selbst nicht an der Erstellung beteiligt gewesen seien. Sie hätten die Aufgaben in einer realistischen Prüfungssituation ohne Hilfestellung lösen müssen. Zwar könne nicht mit absoluter Sicherheit ausgeschlossen werden, dass im Einzelfall Verständnisschwierigkeiten aufträten. In Bezug auf die Aufgaben für den Deutsch-Grundkurs bestehe aber auch nach abermaliger Prüfung kein Anhaltspunkt dafür, dass sie nicht sinnvoll zu beantworten seien.

          Im Übrigen habe es auch keine offiziellen Beschwerden aus der Schüler- oder Lehrerschaft über das Deutsch-Abitur gegeben. Lehrkräfte, die Nachfragen zur Interpretation der Prüfungsaufgaben hätten, könnten sich aber an die verantwortlichen Stellen in der Lehrkräfteakademie und ans Kultusministerium wenden.

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