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Dank nach Organspende : Der angemessene Trost für die Angehörigen

Eine Organspende kann Leben retten. Für Angehörige des toten Spenders bleibt es eine schwere Entscheidung. Bild: dpa

Die Organe von Verstorbenen können anderen Menschen eine Chance aufs Überleben sichern. Doch wie dankt man den Angehörigen der Spender? Und ist dies rechtlich überhaupt erlaubt?

          Sie will nichts mehr verheimlichen, will nicht mehr eine erfundene Version ihrer Lebensgeschichte erzählen. Das hat sie schon zu lange getan. Drei Jahre lang haben Karin Wenglorz und ihr Mann niemandem erzählt, dass sie nach dem Tod ihres vier Jahre alten Sohnes einer Organspende zugestimmt haben. Sie hatten Angst, mit ihrer Entscheidung auf Unverständnis zu stoßen. Ihnen fehlte außerdem die Kraft, sich zu rechtfertigen, sollte es Kritik geben. Ihr Sohn Sven lag nach einem Badeunfall 16 Tage im Koma. Er sei ein Kämpfer, sagten die Ärzte anfangs noch. „Aber ich habe als Mutter gespürt, dass er sich entfernt hat“, sagt Wenglorz.

          Marie Lisa Kehler

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Sie ist am Montag der Einladung der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) gefolgt und hat gemeinsam mit etwa 70 weiteren Angehörigen von Organspendern ein Gedenktreffen im Haus am Dom besucht. Ein Treffen, das von ihr Kraft verlangte, sie aber auch ihrem Sohn „ein bisschen näher“ bringt, wie sie sagt. Weil sie hier noch einmal von ihm erzählen darf und weil sie hier auf Menschen trifft, die ähnliche Erfahrungen wie sie gemacht haben. Man versteht sich, ohne sich erklären zu müssen. Ebenfalls gekommen sind Transplantierte, Mediziner und Vertreter aus der Politik, um den Organspendern und ihren Familien Respekt zu zollen.

          Wenglorz will an diesem Tag den Namen ihres Sohnes laut aussprechen, sie will Jahre nach seinem Tod noch einmal offen um ihn trauern dürfen. Mit stockender Stimme erzählt sie, wie leicht ihr und ihrem Mann die Entscheidung gefallen sei, sich für die Organspende zu entscheiden. Und sie erzählt davon, wie schwer es hingegen gewesen sei, diese Entscheidung nach außen zu vertreten.

          Dankesbriefe gelten rechtlich als fragwürdig

          „Die Familie hat damals Zeit gebraucht, um das alles zu verstehen. Sie wollten, dass sein Körper unversehrt bleibt“, sagt sie. Das Ehepaar entschied sich trotzdem für eine Organspende. Aus der Trauer habe dadurch so etwas wie Trost wachsen können, sagt Wenglorz. Ihr Sohn konnte zwei Mädchen die Chance auf ein gesundes Leben schenken. Der Dankesbrief, versehen mit einer roten Rose, den die Eltern eines der Mädchen Monate nach der Transplantation geschrieben haben, sei „das schönste Geschenk auf Erden“ gewesen, erzählt sie.

          Die Dankesbriefe – ein Thema, das nahezu alle Anwesenden an diesem Tag beschäftigt. Denn nicht alle haben in den vergangenen Jahren eine Nachricht von einem der Organempfänger bekommen. Diejenigen, die noch vergeblich warten, suchen nach Erklärungen – und werden in der Vergangenheit fündig. Denn die DSO hat einige Jahre keine Briefe mehr zwischen Angehörigen und Empfängern vermittelt. Es habe eine „unklare Rechtslage“ bei der Frage gegeben, ob Briefe überhaupt an die Angehörigen weitergeleitet werden durften, erklärt Markus Algermissen vom Bundesministerium für Gesundheit.

          „Wir müssen dafür Sorge tragen, dass die Anonymität in jedem Fall gewahrt wird.“ In der alten Fassung des Transplantationsgesetzes habe der Briefkontakt, der über die DSO abgewickelt worden sei, in „einem Graubereich“ gelegen. „Das mögen manche kleinlich finden, aber hier geht es um die Sensibilität von Daten“, sagt Algermissen. Eine klare Regelung soll in Zukunft beiden Parteien sicher ermöglichen, in Kontakt zu treten, ohne dass die jeweilige Identität bekannt wird.

          Neuer Lebenshunger

          Der Dialog mit den Angehörigen habe ihm verdeutlicht, welch emotionale Bedeutung hinter den Briefwechseln stecke, so Algermissen. Den Trost, den Angehörige in den Worten eines Organempfängers finden können, sei von unschätzbarem Wert. Bleibt aber ein Brief aus, werde das von vielen als fehlender Dank interpretiert. Und gerade deshalb müsse die Identität von Organempfängern und Spender-Angehörigen geheim bleiben. „Es ist keine Verpflichtung, solche Briefe zu schreiben. Das muss man sich klarmachen. Die Organempfänger dürfen nicht in die Situation kommen, sich bedrängt zu fühlen“, sagt Axel Rahmel, Medizinischer Vorstand der DSO. Rund 100 Briefe hat die DSO nach seinen Angaben im Schnitt im Jahr bekommen. Dem gegenüber stehen etwa 1000 Spender.

          Mangelnder Dank ist Günter Hamann fremd. Er lebt mit einem Spenderherz. Und wie er lebt. Hamann macht wieder Sport, nimmt an Radrennen teil. Daran war vor der Transplantation nicht zu denken. „Ich habe sechs Jahre auf ein Spenderherz gewartet und konnte fast nichts machen.“ Als er aus der Narkose aufgewacht sei, habe er etwas empfunden, was er schon längst vergessen zu haben glaubte: Lebenshunger. „Ich dachte damals, dass, wenn ich mich jetzt bewege, die Decke wegfliegt – so viel Kraft hatte ich plötzlich.“ Der Euphorie folgte tiefe Wertschätzung gegenüber den Angehörigen seiner Spenderin. „Danke, dass Sie sich im schlimmsten Moment des Lebens für ein anderes Leben entschieden haben.“

          Der Nachmittag ist tränenreich. Mitten im Raum stehen die Fotos der Menschen, derer an diesem Tag gedacht wird. Auf einem der Bilder zu sehen ist Sven, der jüngste. Ein anderes zeigt einen 89 Jahre alten Mann. Viele Angehörige, die an diesem Tag nach Frankfurt gekommen sind, sind nicht zum ersten Mal bei einem Treffen dabei. So auch Andrea Schmitz. Sie ist aus Nordrhein-Westfalen angereist. Ihr Sohn, erzählt sie, wäre an diesem Tag 29 Jahre alt geworden. Ein Aneurysma hat ihn aus dem Leben gerissen. 2011 war das. Sie, als Mutter, sei es gewesen, die damals die Ärzte habe fragen müssen, ob ihr Raffael als Spender in Frage komme. In der Klinik sei diese Option nicht an sie herangetragen worden – aus Angst vor ihrer Reaktion, wie sie vermutet. Sie setzt sich seit dem Tod ihres Sohnes dafür ein, dass das Thema offener thematisiert und die Frage nach einer möglichen Spende angstfrei ausgesprochen werden kann. Die Organe ihres Sohnes konnten vermittelt werden. Raffael hat drei Menschen Lebenszeit geschenkt.

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