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Nachlass von Baron Hüpsch : Geheimnisse unter schwarzen Siegeln

  • -Aktualisiert am

Wertpapier: Mit den kostbaren Schriftstücken gehen Jana Moczarski (links) und Kristin Schellhaas höchst behutsam um. Bild: Marcus Kaufhold

Die Darmstädter Universitätsbibliothek hat den Nachlass des Barons von Hüpsch restauriert. Seine wissenschaftliche Sammlung birgt noch manches Rätsel.

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          Vorsichtig hebt Jana Moczarski die zarten Briefbögen aus dem Karton. Allein der geschwungene Schriftzug, mit Federkiel und Tinte aufgetragen, ist ein Kunstwerk für sich. Der quadratisch gefaltete Umschlag sollte an einen Jesuitenpater in Passau gehen. Baron von Hüpsch hat den Brief 1791 verfasst, doch das schwarze Lacksiegel mit der Lilie und den Straußenfedern darauf ist unzerbrochen. „Wir wissen nicht, warum er ihn nie abgeschickt hat“, sagt Moczarski, Leiterin der Abteilung Bestandserhaltung der Darmstädter Universitäts- und Landesbibliothek. In der Sammlung des Barons finden sich etliche von diesen ungeöffneten Briefchen. Sie wurden über Monate – ebenso wie der gesamte Nachlass – sorgsam restauriert. Doch ihr Inhalt ist noch ein Geheimnis. Geöffnet werden sollten sie erst im Beisein von Wissenschaftlern, die über Hüpsch, seine Zeit und Korrespondenzen forschten, verrät Kirstin Schellhaas, Leiterin der Restaurierwerkstatt.

          Jean Guillaume Adolphe Fiacre Honvlez hieß der Mann, der sich – nach dem Namen seiner Großmutter – in Baron von Hüpsch umbenannte. 1755 ließ er sich mit 25 Jahren in Köln nieder, wo seine Laufbahn als Naturwissenschaftler, Aufklärer, Reformer, Universalgelehrter und geradezu besessener Sammler begann. Von Barockgemälden über Waffen, Mineralien, Handschriften und Büchern bis hin zu urzeitlichen Versteinerungen sammelte der Baron alles, was ihm interessant und kostbar schien. Er war Mitglied in 16 wissenschaftlichen Akademien, unterhielt Korrespondenzen und Beziehungen zu vielen Gelehrten, Geistlichen und Fürsten in Europa, um Kunstobjekte zu kaufen und zu tauschen.

          Große Persönlichkeiten im Besucherbuch vertreten

          In seinem Kabinett, seiner Privatsammlung in Köln, gingen Persönlichkeiten des 18. Jahrhunderts ein und aus, wie Schellhaas weiß. Zum Nachlass des Barons gehört nämlich auch das Besucherbuch, das er führte. „Dort finden sich Unterschriften von Clemens von Brentano, Karoline von Günderrode und anderen wichtigen Zeitgenossen“, sagt die Werkstattleiterin.

          Mehr als 10.000 Einzelblätter aus dem Erbe des Barons sind im Bestand der Universitätsbibliothek. Sie verfügt damit über einen einzigartigen, vollständig erhaltenen Wissenschaftsnachlass aus dem ausgehenden 18. Jahrhundert. 1805 kam der Schatz in den Besitz ihrer Vorgänger-Institution, der Hofbibliothek von Ludwig X. Weil die Stadt Köln dem leidenschaftlichen Sammler kein größeres Domizil zur Verfügung stellen wollte, vererbte Hüpsch seinen Nachlass kurzerhand dem kunstsinnigen Darmstädter Landgrafen, dessen Sammlung damit auf einen Schlag überregional bedeutsam wurde. Die Objekte, die verpackt in 341 Kisten die damalige Residenzstadt erreichten, bildeten sowohl den Grundstock für das heutige Darmstädter Landesmuseum als auch für die Bibliothek. „Die Kölner dürften sich darüber noch heute ärgern“, vermutet Schellhaas.

          Verschlusssache: Nur Forscher sollen diese Briefe öffnen.
          Verschlusssache: Nur Forscher sollen diese Briefe öffnen. : Bild: Marcus Kaufhold

          Das Vermächtnis des Barons „ist ein Glücksfall für die Bibliothek“, sagt die Leiterin der Restaurierwerkstatt. 35 Jahre lang sammelte Hüpsch Werkmanuskripte, Korrespondenzen, autobiographische Texte, Rezepte, Zeichnungen und auch Rechnungen, die den rasanten geistigen und gesellschaftlichen Wandel seiner Zeit in einmaliger Weise dokumentieren. Sein Nachlass wird sehr oft von Forschern eingesehen, wie Schellhaas und Moczarski feststellen. Er ist eine der Hauptattraktionen der Bibliothek. Der Gebrauch und die Jahrhunderte haben jedoch Risse, Knicke, Falten und Abnutzungsspuren hinterlassen – der Verfall musste gestoppt werden.

          Für die Restaurierung warb die Bibliothek bei der Koordinierungsstelle für den Erhalt schriftlicher Kulturgüter in Berlin Fördergeld ein. 46.000 Euro aus Bundes-, Landes- und Eigenmitteln standen schließlich zur Verfügung. Für die aufwendige Arbeit an den mehr als 10.000 Einzelblättern holte sich die Bibliothek externe Unterstützung von der Essener Spezialwerkstatt Herzog-Wodtke. „Sonst hätte die Restaurierung Jahre gedauert“, sagt Schellhaas. Drei studierte Papierrestauratorinnen arbeiteten rund zwei Monate in den modernen Darmstädter Werkstätten an den Dokumenten. „Aus dem Haus hätten wir den Nachlass nie gegeben. Er ist unersetzlich.“

          Verhindern weiterer Schäden ist das Ziel

          Auf genaue Anweisungen der Darmstädter befreiten die Spezialistinnen die Papiere von Verschmutzungen und Schimmel, sicherten Lacksiegel, verhinderten weitere Schäden durch Risse, Knicke, Faltungen oder mechanische Beeinträchtigungen. Gebrauchsspuren, sagt Schellhaas, sollten jedoch sichtbar bleiben. Sie werden heute als authentische Zeugnisse gesehen. Der Erhalt der Dokumente, das Verhindern weiterer Schäden, war das vorrangige Ziel.

          Dabei offenbarte sich den Expertinnen so manche Überraschung. In einigen Kartons stießen sie nicht nur auf Kuriositäten wie Spielkarten, die als Notizzettel genutzt, oder Briefe, die mit perlmutthaltiger Glitzertinte geschrieben wurden. In zahlreichen Umschlägen fand sich auch weißes Pulver. „Der Baron war medizinisch bewandert und behandelte unentgeltlich Kranke“, so Schellhaas. Vermutlich handelt es sich also um selbst hergestellte Arzneien. Auch das wird die Forscher noch beschäftigen. Ebenso wie die große Vielfalt an Papiersorten unterschiedlicher Qualität und Herkunft, die nicht nur von der internationalen Korrespondenz zeugen, die der Sammler unterhielt, sondern auch von damaligen Handelswegen und Herstellungsverfahren.

          Im Forschungslesesaal der Unibibliothek können die restaurierten Schätze nun wieder von Wissenschaftlern eingesehen werden – unter Aufsicht. Und auch sonst sind die Preziosen gesichert wie Kronjuwelen. In einem klimatisierten Tresormagazin mit speziellem Brandschutz, Zugangsbeschränkung und direkter Schaltung zur Polizei. Als nächstes Projekt steht die Digitalisierung des Nachlasses an. Ein Geldgeber ist schon gefunden: die Irene-und-Sigurd-Greven-Stiftung. Künftig können dann Wissenschaftler überall auf der Welt unentgeltlich Einblick in das Vermächtnis des Barons nehmen.

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