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Das Verbraucherthema : Freies W-Lan nach Gutsherrenart

Hotspot Römerberg: Dank freiem W-Lan-Zugang können auch Touristen in Frankfurt Bilder in Sekundenschnelle verschicken. Bild: dpa

Der Kabelnetzbetreiber Unitymedia wird private Funknetz-Router künftig auch für andere Teilnehmer öffnen. Wer das nicht will, muss widersprechen. Nach Protesten lenkt das Unternehmen ein.

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          Die Kollegin aus Südhessen versteht die Aufregung nicht. Weil ihr Funknetz-Router zu Hause nicht bis in alle Zimmer reicht, nutzt die Telekom-Kundin dort wie selbstverständlich das offene W-Lan-Netz ihres Nachbarn, um mit Handy oder Laptop im Internet zu surfen. Umgekehrt stellt sie ihren Router zur Verfügung. Der Vorteil: Das Funknetz ist deutlich schneller als das Mobilfunknetz, außerdem spart sie beim Verbrauch von Datenvolumen.

          Petra Kirchhoff
          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Bereits vor drei Jahren hat die Deutsche Telekom ihr „W-Lan to go“ auf den Markt gebracht, mit dem Ziel, zwölf Millionen Breitbandkunden dazu zu bewegen, ihren heimischen W-Lan-Router für andere Nutzer zu öffnen. Nun zieht auch Unitymedia nach. Der Kabelnetzbetreiber informiert zurzeit seine Breitbandkunden in Nordrhein-Westfalen, Hessen und Baden-Württemberg per Post darüber, dass auf ihren Routern ein zweites W-Lan-Netz aktiviert wird. Bis zu 1,5 Millionen sogenannter Hotspots sollen auf diese Weise bis zum Sommer entstehen. Anders als die Deutsche Telekom, deren Kunden freigestellt wurde, ob sie mit ihrem Router zur Ausweitung der offenen W-Lan-Zone beitragen möchten oder nicht - sie mussten sich für das Programm extra anmelden -, zwingt Unitymedia seinen Kunden das System auf. Das zweite W-Lan-Netz wird über ein Software-Update automatisch aktiviert. Wer das nicht will, muss aktiv werden und widersprechen.

          Unitymedia räumt Fehler ein

          Diese Zwangsvernetzung hatte eine Abmahnung der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen zur Folge. Man begrüße zwar die Bereitstellung öffentlicher Hotspots, „aber nicht die Art, auf die es Unitymedia macht“. Die automatische Freischaltung des Kundenrouters sei eine unzulässige Erweiterung des bestehenden Vertragsverhältnisses, kritisieren die Verbraucherschützer. Eine Erweiterung sei aber nicht ohne die Zustimmung des Kunden möglich. Kunden sollten selbst entscheiden, ob der Router in ihrem Haus zu einem Hotspot werde oder nicht. Abgemahnt wurde auch eine Klausel in den Geschäftsbedingungen, wonach Kunden die Stromversorgung ihres Routers nicht über einen längeren Zeitraum als etwa für einen Neustart unterbrechen dürfen. Das sei „eine unangemessene Benachteiligung“, so die Verbraucherschützer.

          Inzwischen hat Unitymedia eingelenkt. Das Unternehmen räumt ein, „nicht alles richtig“ gemacht zu haben. Die Geschäftsbedingungen seien nicht so eingeschränkt gemeint, wie sie in der Öffentlichkeit wahrgenommen worden seien. „Wir stellen uns der Kritik und werden bei den von der Verbraucherzentrale abgemahnten Klauseln nachsteuern“, teilt das Unternehmen mit. Per Unterlassungserklärung wurde zugesichert, die Geschäftsbedingungen dahingehend klarzustellen, dass ein vorübergehendes Abstellen des Routers, etwa während des Urlaubs, „völlig unproblematisch“ sei.

          Kunde bleibe auf Stromkosten sitzen

          Festhalten will das Unternehmen jedoch an der automatischen Freischaltung. Dem Kunden entstünden dadurch keine Nachteile, heißt es in einer Stellungnahme. Schon zuvor hatte der Kabelnetzbetreiber versichert, die Freischaltung gehe nicht zu Lasten der gebuchten Bandbreite und beeinträchtige auch nicht die Datensicherheit. Michael Gundall, bei der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz zuständig für Telekommunikation und Medien, ist gleichwohl skeptisch.

          Kabel sei ein Medium, bei dem alle Nutzer gleichzeitig auf die Übertragungskapazität zugreifen könnten. Je nachdem, wie viele Nutzer an einem Breitband-Cluster hingen, könne es durchaus eng werden, auch wenn es offiziell immer heiße, es gebe kein Breitbandproblem. Das Unitymedia-Vorgehen lehnt der Verbraucherschützer aber auch aus einem anderen Grund ab. Der Kunde habe nichts davon, zahle aber den Strom. Umgekehrt baue der Kabelnetzbetreiber auf dem Rücken der Kunden quasi ohne eigene Kosten sein W-Lan-Netz aus. Unitymedia-Kunden rät Gundall daher, der Freischaltung zu widersprechen. Bei einem ähnlichen Vorstoß von Kabel Deutschland vor zwei Jahren habe die Verbraucherzentrale das auch empfohlen.

          Telekom hat ihr Ziel nicht erreicht

          So oder so haben die Verbraucherschützer mit ihrer Abmahnung dafür gesorgt, dass Kunden enspannt bleiben können. Anders als bisher vorgesehen, haben sie fortan das Recht, der Freischaltung jederzeit zu widersprechen - ganz einfach per Anruf auf einer der 0800-Gratis-Servicenummern oder über das Online-Kundencenter. „Hierfür gelten keine Fristen“, teilt das Unternehmen mit.

          Ob auf diese Weise die Marke von 1,5 Millionen Hotspots erreicht wird, muss sich erst noch zeigen. Die Deutsche Telekom hat ihr Ziel jedenfalls nicht geschafft. Nach Angaben des Unternehmens machen zurzeit eine Million Nutzer bei „W-Lan to go“ mit, angepeilt waren 2,5 Millionen Zugänge. Allerdings kämen monatlich mehrere zehntausend hinzu. Eine Kundin, die Kollegin in Südhessen, muss die Telekom nicht mehr überzeugen.

          Hotspot-Schub

          Hotspot-Schub Gerade einmal zwei frei zugängliche Hotspots je 10 000 Einwohner gibt es laut einer Studie des Verbands der Internetwirtschaft (Eco) in Deutschland, deutlich weniger als in anderen Ländern. Die sogenannte Störerhaftung, wonach Cafés wie Privatpersonen haften, wenn jemand über ihren Anschluss Rechtsverletzungen begeht, galt bisher als Hemmschuh. Doch die Haftungsregeln sollen nun abgeschafft werden, und so erhofft man sich auch in Frankfurt einen Schub beim W-Lan-Ausbau. Bisher hat Unitymedia 20 Hotspots in der Stadt eingerichtet. Daneben sorgen Standortinitiativen oder auch Vereine wie die Freifunker Frankfurt für freien Zugang. Nutzer sollten sich im Klaren darüber sein, dass offene W-Lan-Zugänge deutlich unsicherer sind als das verschlüsselte W-Lan-Netzwerk zu Hause. (hoff.)

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