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Überlastung in den Kliniken : Patientenschleuse vor der Notaufnahme

Schnelle Hilfe: Wenn der Rettungsdienst Patienten in die Notaufnahme bringt, ist Eile geboten. Bild: dpa

Mit einem neuen Computerprogramm möchte die Universitätsklinik Mainz Erkrankungen besser beurteilen. Nicht jeder Patient muss in die Notaufnahme. Aber oft ist Eile geboten.

          2 Min.

          Mit dem Zusatzangebot lässt sich kein Geld verdienen. Aber im Idealfall, falls sich das bundesweit einmalige Modellprojekt bewährt, kommt wenigstens ein bisschen mehr Ordnung in die überlasteten Notaufnahmen der Universitätsmedizin Mainz. Um künftig jene besser betreuen zu können, die aus eigenem Antrieb und objektiv betrachtet womöglich ohne Not im Klinikum Rat und Hilfe verlangen, ist im Erdgeschoss des Gebäudes 605 am Montag eine kurz APC genannte Allgemeinmedizinische Praxis am Campus eröffnet worden. In den vier Räumen, die sich in direkter Nachbarschaft zur eigentlichen Notaufnahme befinden und für eine halbe Million Euro umgebaut wurden, will man Patienten künftig vorsortieren – zumindest jene, die nicht von einem Arzt überwiesen oder einem Rettungsdienst gebracht werden.

          Markus Schug

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Mainz und für den Kreis Groß-Gerau.

          Laut Statistik sind bis zu 40 Prozent der jährlich 16.000 Patienten in der konservativen Notaufnahme eher ein Fall für den Hausarzt oder die nachts und an Wochenenden besetzte ärztliche Bereitschaftspraxis, die in Mainz auf dem Gelände des Katholischen Klinikums untergebracht ist. Doch wer krank sei oder sich krank fühle, steuere oft auf direktem Weg eine der insgesamt sieben Notaufnahmen des Klinikums an der Langenbeckstraße an, sagte Norbert Pfeiffer, Medizinischer Leiter der Universitätsmedizin. So werden unter anderen in den Noteinrichtungen von Chirurgie, Augen-, Zahn- und Kinderklinik jährlich bis zu 60.000 mehr oder minder dringende Fälle behandelt.

          Jeder Patient soll behandelt werden

          Im Neubau der Inneren Medizin, dem Gebäude 605, soll die neugeschaffene „Schleuse“ dafür sorgen, dass Patienten mit vergleichsweise harmlosen Erkrankungen schon am Empfang in die Allgemeinmedizinische Praxis abgeleitet werden, um sich in der Notaufnahme den wirklich schwierigen Fällen widmen zu können. Allerdings müsse der Patient davon nichts mitbekommen. Für die Ersteinschätzung greift man dabei auf eine in der Schweiz übliche Software namens „SmED“ zu. Diese ermögliche es geschultem Personal, mit Hilfe eines Computerprogramms rasch zu einer vorläufigen Beurteilung zu gelangen, um den Betreffenden danach an die für ihn richtigen Ärzte weiterleiten zu können. Weggeschickt werde aber niemand, versicherte gestern Birgit Schulz als Leiterin der über drei Ärzte sowie acht weitere Beschäftigte verfügenden APC.

          In dem auf vier Jahre angelegten und wissenschaftlich begleiteten Modellprojekt soll die reguläre Notaufnahme montags bis samstags von 8 bis 20 Uhr entlastet werden. Der Andrang sei dort tagsüber deutlich größer als in den Nachtstunden, hieß es gestern. Da jeder Behandlungsfall mit einer Grundpauschale in Höhe von 26 Euro vergütet wird, die Kosten im Durchschnitt aber bei mehr als 60 Euro liegen dürften, rechnen die Praxisbetreiber mit einem Defizit von jährlich zirka 250.000 Euro.

          Ein bundesweites Modell?

          Das wollen die Krankenkassen und die Kassenärztliche Vereinigung je zur Hälfte übernehmen. Es sei „schon verrückt“, dass sich selbst eine Praxis mit schätzungsweise 6000 Patienten nicht rechne, musste beim Pressegespräch am Montag der Vertreter der Kassenärztlichen Vereinigung zugeben. Im konkreten Fall werde aber in ein Modellprojekt investiert.

          Falls sich das Konzept bewährt, wird es bundesweit wohl bald ähnliche Kombinationen aus Notaufnahmen und Arztpraxen geben. Am städtischen Klinikum in Frankfurt-Höchst gibt es ebenfalls in einem Modellprojekt schon einen gemeinsamen Empfangstresen von Notaufnahme und ärztlichem Bereitschaftsdienst. Tagsüber setzt die Kassenärztliche Vereinigung in Hessen dagegen auf Partnerpraxen in der Nachbarschaft von Kliniken, in denen Patienten aus Notaufnahmen umgehend behandelt werden.

          Sollte auf dem Mainzer Klinikareal eines Tages ein zentral gelegener Neubau verwirklicht werden, ließe sich laut Pfeiffer dort sicher ein noch stärker verwobenes Gesamtangebot machen. Den vor der Tür stehenden Patienten – gleichgültig ob sie nun Brechdurchfall, Bauchschmerzen oder Herzbeschwerden und Atemnot hätten – sei es letztlich einerlei, wer sie behandele. Hauptsache, es gehe ihnen bald schon wieder besser.

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