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Fachkräftemangel in Uniklinik : „Ohne Leiharbeiter geht es nicht“

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Der Website www.ukgm.info ist zu entnehmen, dass die Zahl der Stellen in den Universitätskliniken Gießen und Marburg seit der Privatisierung 2006 von rund 7000 kontinuierlich auf 7800 Ende vorigen Jahres zunahm. Im gleichen Zeitraum stieg aber auch die Zahl der Patienten von knapp 370.000 – davon 284.000 ambulant – auf knapp 500.000 (davon 400.000 ambulant). „Das zeigt, dass sich die Belastung für die Beschäftigten sowohl in Gießen als auch in Marburg erhöht hat“, resümieren die Betriebsräte. Hinck-Kneip und Heinis sprechen dagegen von einer personellen Aufstockung bei gleichbleibender Leistung.

„Immense“ Belastung

Hanschur streicht das große Engagement des Stammpersonals trotz der „immensen“ Belastung heraus. Zugleich spricht er von einer Abwanderungswelle, vor allem von Mitarbeitern mit hoher Qualifikation. Konkret äußere sich das als Flucht in Teilzeitbeschäftigung, teils auch in Leiharbeit, oder als kompletten Jobwechsel vor allem junger Leute sowie in Frühverrentung. Die kaufmännische Geschäftsführerin konstatiert dagegen eine „vergleichsweise geringe Fluktuation“.

Einig sind sich der Betriebsratsvorsitzende und Hinck-Kneip dagegen in der Bewertung, dass die Pflegeberufe ein Imageproblem hätten. In der Vergangenheit sei in der öffentlichen Wahrnehmung alles in einen Topf geworfen worden. Vorrangig Altenpflege und die mobile Pflege, gepaart mit schlechter Bezahlung, prägten das Bild. Dabei bekomme ein Auszubildender 1000 Euro im Monat. Bezahlt würden die Beschäftigten nach einem frei ausgehandelten Haustarif, angelehnt an den Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst. Brutto sei der Haustarif etwas schlechter als dieser, netto – Zulagen eingerechnet – aber etwa gleich oder sogar besser, führt die Geschäftsführerin aus. Die Rahmenbedingungen ließen sich allerdings nicht ändern: Die Versorgung der Patienten müsse „24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche und 365 Tage im Jahr“ aufrechterhalten werden. Das passe keineswegs immer ins Lebenskonzept junger Leute.

Größter Ausbildungsbetrieb in der Region.

Man versuche an beiden Standorten die Pflegeberufe attraktiver zu machen, berichtet Sylvia Heinis. „Wir bemühen uns um die Wiedereingliederung ehemaliger Mitarbeiter in ihrer Familienphase, fragen Teilzeitkräfte, ob sie auf 100 Prozent aufstocken wollen. Außerdem haben wir einen Flex-Pool eingerichtet, eine Art schnelle Eingreiftruppe, um auf aktuellen Bedarf bei krankheitsbedingten Ausfällen zu reagieren.“ Wenn jemand beispielsweise partout nicht an Wochenenden arbeiten wolle oder könne, dann solle das auch möglich sein.

Das Uniklinikum sei der größte Ausbildungsbetrieb in der Region. Die Pflegeschulen an beiden Standorten besuchten bis zu 1400 Schüler – allerdings nicht nur in den Pflegeberufen, sondern auch als angehende Physiotherapeuten, Elektriker, Köche und was sonst noch zum Betrieb eines Krankenhauses dazugehöre. Man wolle möglichst viele Schüler in eine feste Anstellung übernehmen, sagt die Marburger Geschäftsführerin. 20 Mal im Jahr besucht die Pflegedienstleitung zusammen mit Auszubildenden Schulen und stellt ihre Berufe vor. Junge Leute werden eingeladen, sich den Krankenhausbetrieb anzuschauen – nicht nur in der Pflege. Die Bewerbung für ein Praktikum sei umgehend möglich, wirbt Heinis.

„Wir tun wirklich alles, um qualifiziertes Personal zu bekommen und zu halten.“ Die Lage auf dem Arbeitsmarkt werde sich aber so schnell nicht entspannen, befürchten die beiden Geschäftsführerinnen. Die temporäre Schließung von Stationen sei auch künftig nicht ausgeschlossen. Der Betriebsratsvorsitzende und seine Stellvertreter bezeichnen solche Schritte als verantwortungsvoll gegenüber der Belegschaft.

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