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Uni übernimmt verendetes Tier : Pottwal von der Nordsee an die Lahn

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Puzzlestücke: Ein am Kran hängendes Wirbelsäulenstück eines kürzlich vor Helgoland gestrandeten Pottwals in Gießen Bild: dpa

Ein Pottwal-Skelett soll künftig in einem Hörsaal der Universität Gießen stehen. Vorher haben Präparatoren noch viel Arbeit. Dabei müssen sie auch strenge Gerüchte des gestrandeten Säugers aushalten - und puzzeln.

          Ein beißend-süßer Geruch wabert über den Hof der Gießener Veterinärmedizin. Er geht von der riesigen Wirbelsäule aus, die ein Kran in die Höhe hebt und in einen Container lädt. Nach und nach folgen weitere Knochenteile, der Schädel und schließlich eine wabbelige Schwanzflosse. Es sind die Überreste eines Pottwals, der am Dienstag vor einer Woche vor der Insel Helgoland gestrandet und nun im Besitz der Universität Gießen ist. Viele Schaulustige beobachten am Montag mit zugehaltener Nase die Ankunft des etwa zehn Tonnen schweren Skeletts - für alle Beteiligten eine ungewöhnliche Erfahrung.

          „Das ist Neuland für uns“, sagt Stefan Arnhold vom Institut für Veterinär-Anatomie, wo der Wal in den kommenden Monaten bearbeitet wird. Die Mitarbeiter hätten schon allerlei Skelette präpariert, sogar einen Elefanten, erzählt der Professor. Aber noch nie ein solch großes Tier wie einen Wal.

          Handarbeit: Präparatoren bereiteten in Gießen Universität eine Flosse eines kürzlich vor Helgoland gestrandeten Pottwals für die Verladung mit einem Kran vor

          Der etwa 15 Meter lange Jungbulle gehört zu den Tieren, die vor kurzem in der Nordsee verendet sind. Der Gießener Wal strandete mit einem weiteren Artgenossen vor der Insel Helgoland (Schleswig-Holstein).

          Kurze Zeit später wurde Volker Wissemann aktiv, der Leiter der Gießener Hermann-Hoffmann-Akademie für junge Forscher, die sich unter anderem an Schüler richtet. Er habe bei der zuständigen Behörde in Schleswig-Holstein angerufen und Interesse an dem Skelett angemeldet, berichtet er. Es freue ihn sehr, dass Gießen den Zuschlag bekommen habe. Wale seien „ein tolles Thema“. Es eigne sich gut für die Bildung in Umweltthemen. Das Skelett soll künftig in einem Hörsaal Platz finden und etwa bei Veranstaltungen der Akademie bestaunt werden können.

          Bis dahin dauert es noch einige Monate. Zunächst wird das Skelett in dem Container wochenlang gewässert, wie Martin Bergmann vom Institut für Veterinär-Anatomie erklärt. Dabei lösen sich nach und nach alle Fleischreste von den Knochen. Der Prozess nennt sich Mazeration. „Das ist ein elegantes Wort für Abfaulen.“ Solange das Wasser nicht bewegt werde, stinke es auch nicht. Danach werden die Knochen entfettet. Wie genau, sei aber noch nicht ganz klar. Da müsse man sich noch etwas überlegen. „Ein Wal ist bisher für uns das Größte - in jeder Hinsicht.“

          Verendet: Pottwal in Wilhelmshaven - den Unterkiefer hatte man dem Tier schon abgesägt, um keine Trophäenjäger anzulocken

          Insgesamt verendeten in der Nordsee binnen einer Woche mindestens zwölf Pottwale vor den Küsten Niedersachsens, Schleswig-Holsteins und der Niederlande. Bislang ist nicht endgültig geklärt, wieso die Meeressäuger starben. Ein in Nordstrand in Schleswig-Holstein angeschwemmtes Tier war am Wochenende zerlegt worden. In seinem Magen hatten Experten Reste eines mehreren Quadratmeter großen Fischernetzes gefunden. Es sei jedoch nicht Todesursache gewesen.

          Derweil greifen drei Uni-Mitarbeiter in roten Schutzanzügen und grünen Handschuhen beherzt zu, um das nächste meterlange Knochenstück vom Transport- in den Aufbewahrungscontainer zu hieven. Sie stehen neben rostroten Haufen aus Walfett, Fleischresten und Knochen. Unter den süßlichen Verwesungsgeruch mischen sich Brackwasser-Aromen. Es rieche „wie ’ne abgelaufene Dose Thunfisch“, sagt Präparator Ralph Blacky, der gerade aus dem Container klettert. Aber das sei nicht so schlimm, man sei ja daran gewöhnt. Er kenne zudem noch strengere Gerüche.

          Mit ähnlichen Gerüchen hatten am vergangenen Wochenende auch Tierpräparatoren in Norddeutschland zu tun. Drei Meeressäuger wurden in Nordstrand und Wilhelmshaven zerlegt. Eines der Skelette soll künftig im Meeresmuseum in Stralsund zu sehen sein.

          Fünf an der niederländischen Küste verendete Pottwale wurden am Samstag mit Lastwagen zum Hafen der Wattenmeer-Insel Texel transportiert. Sie sollten später in einem Entsorgungsbetrieb auf dem Festland verbrannt werden.

          Ehe das Skelett in Gießen ausgestellt werden kann, steht eine letzte knifflige Aufgabe an: die Knochenteile zu einem Wal zu formen. Das sei schon eine Herausforderung, sagt Stefan Arnhold. „Aber letztlich sind es gar nicht so viele Teile, etwa 140. Wir haben schon andere Skelette zusammengepuzzelt. Das kriegen wir dann auch hin.“

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