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Unheilig : Auf immer und ewig

  • -Aktualisiert am

Wird überall beklatscht: Unheilig, hier bei einem Konzert im Hanauer Amphietheater. Bild: Kaufhold, Marcus

Eine Kirchturmuhr aus Pappmaché - die neue Deutsche Härte: Unheilig in der Frankfurter Festhalle.

          2 Min.

          Auf fünf vor zwölf stehen die Zeiger der Kirchturmuhr aus Pappmaché. Teil opulenter Stadtkulissen samt schmiedeeiserner Kerzenleuchter-Kette, die imposant die Bühne in der nahezu ausverkauften Frankfurter Festhalle zieren. Sicherlich kein Zufall die Katastrophenuhrzeit, die ja immer gern in Reden, Diskussionen oder Nachrichten als Synonym genutzt wird, um den Ernst der Lage zu unterstreichen. Wenige Minuten zuvor schwärmte noch Hans Albers aus der Tonkonserve glückselig trunken von der „Reeperbahn nachts um halb eins“. Dann beginnt der gnadenlose Countdown. Lautstark zählt das Publikum mit. Und der erste von zahllosen Film-Einspielern mit der immer gleichen Person im Mittelpunkt spult sich unvermittelt ab auf den beiden rechts und links der Bühne angebrachten Projektionsflächen.

          Mit gewaltigem Sprung auf den Laufsteg schafft sich jene Gestalt in den Mittelpunkt, die alle Welt nur „Der Graf“ nennt. Im Brustton der Überzeugung singt der Hünenhafte sich mit hartmetallenem „Herzwerk“ leidenschaftlich in Rage: „Alles dreht sich, alles bewegt sich“. Ein lebhafter Animateur von geradezu magischer Anziehungskraft. Längst sind obligatorische Utensilien wie schwarzer Anzug mit Gehrock, weißes Oberhemd samt Krawatte, spiegelblank rasierte Glatze sowie rechts und links der Mundwinkel plazierte Bart-Dreiecke dem „Grafen“ zum Markenzeichen, aber auch zur Arbeitsuniform geraten. Sparsam einseitig die Ansprachen an das Fan-Heer, das seit großem Durchbruch mit siebtem Album „Große Freiheit“ 2010 sich aus nahezu sämtlichen Altersgruppen und Sozialschichten speist: „Der nächste Song ist euch gewidmet“. Wie schön!

          Pompös inszeniert

          Wenn Bernd Heinrich Graf, wie angeblich der bürgerliche Name des „Grafen“ lautet, dann noch zu hymnisch Balladeskem wie „Winter“ und „Unsterblich“ seine eigenwillige Körpersprache zelebriert, um mit in die Höhe gestreckten Händen imaginäre Bilder in die Luft zu zeichnen, kennt kollektive Hysterie keine Grenzen mehr. Im Scheinwerferlicht wirft der „Graf“ Schattenbilder, die an die groteske Gestik von Schauspieler Max Schrecks Parade-Titelrolle in Friedrich Wilhelm Murnaus Stummfilmklassiker „Nosferatu“ erinnern - letztes Relikt aus jener langen Ära der kleinen Erfolge mit sechs wie Blei in den CD-Regalen lagernden Alben, als subtile Horrorelemente noch die Performance der 2000 aus der Taufe gehobenen Aachener Formation bestimmten.

          Rund zwei Stunden lang trumpfen Unheilig auf. Mit sorgsam auf Konsens getrimmter Mixtur aus Pop, Elektro und Metal - pompös inszeniert wie massenkompatibel aufbereitet und mitunter im Klangbild wie eine Parodie von Rammstein. Manch einer nennt das Neue Deutsche Härte. Es gibt treffendere Bezeichnungen für ein Genre, das eigentlich keines ist. In Texten mit plakativen Titeln wie „Auf ewig“, „Tage wie Gold“ und „Für immer“ tummelt sich nebulös gesellschaftliche Tiefenanalyse. Als unheilvoller Hofnarr dient der „Graf“. Mit augenzwinkernder Arglist hält er der Welt ihr „Spiegelbild“ vor. Erprobt sich kurz vor Schluss triefnass vor Schweiß in körperlicher Automation noch als „Maschine“. Eine perfekte Illusion. Gekrönt in den Zugaben vom Millionenhit „Geboren um zu leben“, der Seemannsromantik von „Große Freiheit“ und mit „Stark“ gar gefährlich nah den Niederungen des Schlagers.

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