https://www.faz.net/-gzg-7n021

Ungewöhnlichen Krankengeschichten : Akte X - Ein Fall für die Studentenklinik

  • -Aktualisiert am

Nur als Diagnostiker genial: Der Umgang von Dr. House mit seinen Patienten ist gar nicht vorbildlich. Bild: Getty

Am Frankfurter Uniklinikum untersuchen Medizinstudenten rätselhafte Krankheitsfälle, an denen erfahrene Ärzte gescheitert sind. Und in Marburg wird „Dr. House“ konsultiert.

          4 Min.

          Ein Notfall wie dieser kann auch routinierten Ärzten den Schweiß auf die Stirn treiben. An Heiligabend kommt eine 28 Jahre alte Türkin zur Entbindung ins Krankenhaus. Weil das Kind im Mutterleib ungünstig liegt, wird ein Kaiserschnitt erwogen. Für den Eingriff müssen Blutkonserven herbeigeschafft werden. Doch es gibt ein Problem: Die Immunzellen der jungen Frau bilden einen Antikörper, der mit dem Blut der allermeisten Spender unverträglich ist. Eine Transfusion könnte deshalb schlimme Folgen haben. Was tun?

          Sascha Zoske

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Während Markus Müller die Geschichte erzählt, machen sich Juliane Pfeffel und drei Kommilitonen eifrig Notizen. Müller, Abteilungsleiter beim DRK-Blutspendedienst, ist auf Pfeffels Einladung zu Gast bei den Medizinstudenten. Eigentlich hätte er vor einem etwas größeren Publikum sprechen sollen: Meistens kommen ungefähr zehn Teilnehmer zu den Sitzungen der Studentenklinik des Frankfurter Referenzzentrums für Seltene Erkrankungen. Aber es stehen gerade Klausuren an, daher die dünne Besetzung, sagt Pfeffel entschuldigend.

          „Schauen unbefangen auf Befunde“

          Die Dreiundzwanzigjährige leitet zusammen mit ihrem Kommilitonen Marcel Greco eine Art Detektivbüro für die Aufklärung medizinischer Rätsel. Seit 2012 gibt es die Studentenklinik; ausgedacht hat sich das Projekt Thomas Wagner, Pneumologe am Frankfurter Uniklinikum und Leiter des Referenzzentrums. Es wurde gegründet, um Menschen zu helfen, an denen Ärzte verzweifeln, weil sie für ihr Leiden keine Ursache finden. Extreme Schmerzen am ganzen Körper, mysteriöses Fieber oder unerklärliche Lähmungen - wer von solchen und anderen Beschwerden gepeinigt wird, kann sich mit einer ärztlichen Überweisung an das Frankfurter Zentrum wenden und dort seine Unterlagen einreichen. Dann landet die meist dicke Patientenakte X auf dem Schreibtisch von Juliane Pfeffel oder einem ihrer Mitstreiter.

          Dass sich in Frankfurt erst einmal keine Spezialisten mit solchen Fällen befassen, sondern fortgeschrittene Studenten, gehört zum Konzept, wie Wagner erläutert. Die jungen Leute seien noch nicht in den Denkschemata einer bestimmten medizinischen Fachrichtung gefangen, sondern schauten unbefangen auf die Befunde. So fielen ihnen Dinge auf, die ein altgedienter Arzt womöglich übersehe. Immer donnerstags treffen sich die studentischen Ermittler in der Lungenheilkunde-Abteilung von Wagner, der die Oberaufsicht über das Projekt hat. Manchmal laden sie Gäste wie den Transfusionsmediziner Müller ein, die dann von ungewöhnlichen Krankengeschichten aus ihrem Fach berichten.

          Hohe Aufklärungsquote

          Helfen können die Frankfurter Detektive nicht von heute auf morgen. „Wir haben eine sehr lange Warteliste“, sagt Wagner; fast ein halbes Jahr dauere es derzeit, bis eine Akte begutachtet werden könne. Aber geduldig zu sein, das haben viele der Ratsuchenden inzwischen gelernt. „Manche Patienten sind schon bei 20 Ärzten gewesen“, berichtet der Professor. Irgendwann kapitulieren auch Koryphäen vor Krankheiten wie der eines Mannes, der immer wieder von merkwürdigen Fieberschüben heimgesucht wurde. Erst in Frankfurt fand man des Rätsels Lösung, wie Wagner erzählt: Das Fieber wurde durch Metalldämpfe verursacht, die beim Schweißen von verzinkten Balkongittern entstanden.

          Weitere Themen

          Voll auf die Sahne hauen

          Theaterhaus Ensemble Frankfurt : Voll auf die Sahne hauen

          Das Theaterhaus Ensemble in Frankfurt will sich jünger, diverser und zukünftiger aufstellen. In der Jubiläumssaison hat es nun Silvia Andringa zur neuen künstlerischen Leiterin berufen.

          Topmeldungen

          Trump beim Spatenstich mit Foxconn-Vertretern

          Foxconn-Fabrik in Wisconsin : Trump und sein „achtes Weltwunder“

          Amerikas Präsident inszeniert sich gerne als Retter der Industrie. Ein einstiges Vorzeigeprojekt mit Foxconn im Rostgürtel droht nun aber zu scheitern. Auf Trumps Wirtschaftspolitik wirft das ein wenig schmeichelhaftes Licht.
          Passanten mit Mund- und Nasenschutz in Berlins Tauentzienstraße

          Auf Cluster schauen : Zeit für einen Strategiewechsel gegen Corona?

          Viele Gesundheitsämter sind immer noch darauf konzentriert, Einzelkontakte nachzuverfolgen. Die Verbandschefin der Ärzte im Öffentlichen Dienst will einen anderen Weg gehen und Infektionscluster in den Blick nehmen.
          Wieder kein Sieg: Kölns Dimitris Limnios kann es nicht fassen.

          1:1 in Stuttgart : Kölner Sieglos-Serie hält

          Der 1. FC Köln gewinnt schon wieder nicht. Beim starken Aufsteiger VfB Stuttgart zeigt das Team von Trainer Markus Gisdol aber immerhin Moral. Nach einem Blitztor der Gastgeber hilft ein Elfmeterpfiff.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.