https://www.faz.net/-gzg-t091

Ungeklärte Mordfälle : Bezahlte Geliebte im Wirtschaftswunderland

  • -Aktualisiert am

Rosemarie Nitribitt (1957) Bild: picture-alliance / dpa

In einen Grabstein auf dem Düsseldorfer Nordfriedhof ist ein Predigerwort aus dem Alten Testament gemeißelt: „Nichts Besseres darin ist denn fröhlich sein im Leben.“ Hier ruht Rosemarie Nitribitt, die berühmteste Prostituierte Deutschlands.

          4 Min.

          In einen Grabstein auf dem Düsseldorfer Nordfriedhof ist ein Predigerwort aus dem Alten Testament gemeißelt: „Nichts Besseres darin ist denn fröhlich sein im Leben.“ Hier ruht Rosemarie Nitribitt, die berühmteste Prostituierte Deutschlands, eine dunkle Ikone der jungen Bundesrepublik, bezahlte Geliebte der Leistungselite im Wirtschaftswunderland, kostenfreier Liebling der Zeitkritik, Objekt ungezählter Berichte, Leitartikel, Essays und Kabarettcouplets, Hauptfigur in mindestens drei Spielfilmen und einem Musical. Nicht schlecht für eine junge Frau, die 24 Jahre alt war, als sie in ihrem Appartement an der Frankfurter Stiftstraße erwürgt wurde.

          Der 1.November 1957, der auf ihrem Grab vermerkt ist, war der Tag, an dem die Polizei den überheizten Tatort betrat und erst einmal das Fenster aufmachte. Die Tote lag dort schon einige Zeit, wie lange exakt, ließ sich wegen der unbedachten Frischluftzufuhr nicht mehr klären. Das vergleichende Messen der Temperaturen einer Leiche und ihrer Umgebung zur Ermittlung des Todeszeitpunkts war nicht mehr möglich. Rosemarie Nitribitt war vermutlich zwei oder drei Tage vor der Entdeckung der Leiche umgebracht worden. Die Fahrlässigkeit ganz am Beginn der Ermittlungen würde später ernsthafte Folgen haben.

          Die ersten Agenturmeldungen über den Mord in einem modernen Wohnhaus in der Nachbarschaft des Eschenheimer Turms und des dieser Tage abgerissenen, damals vier Jahre alten „Rundschau-Hauses“ kennzeichnen bereits den verdrucksten Zeitgeist der fünfziger Jahre. Der Tagesredakteur mag seinen Lesern keine Meldung über den gewaltsamen Tod einer Prostituierten zumuten, er wählt als Berufsbezeichnung „Mannequin“.

          Eine stadtbekannte Frau

          Lächerlich! Rosemarie Nitribitt in ihrem schwarzen Mercedes 190 SL, mit dem sie auf Kundenfang fuhr, war, was ihre Profession anging, stadtbekannt. In den Tagen und Wochen ununterbrochener Berichterstattung über einen Kriminalfall, den man heute einen „Aufreger“ nennen würde, fallen dann zwar die Mauern und Mäuerchen vorgetäuschten Anstands, doch verrückterweise bürgert sich schließlich ein, von dem „Mädchen Rosemarie“ zu reden und zu schreiben. Im gleichnamigen Film mit der allzu damenhaften Nadja Tiller wird die inzwischen landesweit Bekannte in einem Kabarettsong als Lehrerin persifliert: „Und da liegt nun das Mädchen Rosemarie,/und es lehrt eine seltsame Geometrie:/Wenn du lernen willst, mein Lieber, komm und zahle,/ich zeig dir dafür die Horizontale.“

          Doch es gibt auch ernsthafte Erörterungen über das Leben der Rosemarie Nitribitt, das durch ihren Tod unstillbares Interesse hervorruft. Sie erscheint wortmächtigen Zeitgenossen als kühl und genau planende Managerin der käuflichen Liebe - heute würde man sagen: der Sexindustrie. Parallel zum Wirtschaftsaufschwung habe sie ihre Karriere im Volkswagen begonnen, sei eine Weile im Opel Kapitän gesegelt und habe schließlich mit dem schwarzen Sportwagen samt roten Ledersitzen bewußt und zielorientiert ein Symbol für Aufstieg und Erfolg gewählt. Der Journalist und Schriftsteller Erich Kuby nannte seine oft kopierte und nie erreichte Darstellung denn auch „Rosemarie Nitribitt. Des deutschen Wunders liebstes Kind“. In dieser Zeitung schrieb Friedrich Sieburg, Literat, Historiker, Diplomat, einen Leitartikel über die Gemütslage einer Gesellschaft, die wochenlang kein wichtigeres Thema zu kennen schien als einen Prostituiertenmord. Die Publizistik aller Schattierungen verknüpfte den Mord mit Zustandsbeschreibungen der noch nicht zehn Jahre alten Bundesrepublik. Indem sie die Scheinheiligkeit der Zeit angeblich geißelten, offenbarten manche Autoren kaum mehr als Schadenfreude: Was war das für ein Wirtschaftssystem, in dem eine „Lebedame“ es zu einer ansehnlichen Summe Geldes bringen konnte?

          Auch unter dem „Rebecca“ aktiv

          Einiges spricht dafür, daß die junge Frau, die über ihre Einnahmen und Ausgaben Buch führte und eine geheimnisumwitterte Kundenkartei geführt haben soll, sich selbst unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten betrachtete und Stolz daraus bezog. Vielleicht war ihr Aufschreibfimmel aber auch nur der kleinbürgerliche Reflex auf eine freudlose Kindheit und Jugend, der mit dem schriftlichen Nachweis glänzender pekuniärer Umstände und dem Blick ins Sparbuch begegnet werden sollte.

          Rosemarie Nitribitt, auch unter einer Art Künstlernamen als „Rebecca“ bekannt, sah Geld ausschließlich als Kapital an und gab es nur widerwillig aus. Gepflegte Kleidung, eine halbwegs luxuriöse Wohnung und ein verhältnismäßig teures Auto betrachtete sie wohl als unvermeidliche Investition in ihr Geschäft, das zahlungskräftige und gewissen Standard gewohnte Kundschaft anlocken sollte. Sich selbst hat Rosemarie wenig gegönnt, sie unternahm keine Reisen, sie machte sich nichts aus gutem Essen. Ihre letzte Mahlzeit war laut gerichtsmedizinischem Befund ein Teller Milchreis. Für Champagner sei sie zu geizig gewesen, sagte einer, der sie kannte.

          Um die Aufzeichnungen über Freier wird es wohl erst im Jahr 2027 Ruhe geben. Nach siebzig Jahren sind Dokumente wie diese zugänglich. Bis heute werden skandalöse Enthüllungen vermutet und erhofft. Der seinerzeit im Mordfall ermittelnde Frankfurter Kriminaldirektor Albert Kalk, der das Material kennt, hat freilich stets, wenn jemand fragte, behauptet, es stehe niemand von sonderlicher Prominenz drin. Von einer Verwicklung der Nitribitt in internationale Politik, Treffen mit Nato-Geheimnisträgern und Ermordung durch irgendeinen Geheimdienst könne schon gar keine Rede sein. So spricht ein professioneller Kriminalist und, sagen wir es ruhig, Spielverderber.

          Nur ein ernsthafter Tatverdächtiger

          Der einzige ernsthafte Tatverdächtige, den die Polizei ermitteln konnte, war der Handelsvertreter Heinz P., der 1960 vom Frankfurter Landgericht freigesprochen wurde. Der Münchner war ein Bekannter der Nitribitt, immer in Geldnöten und dadurch verdächtig, daß er nach der Tat an der Stiftstraße plötzlich Schulden bezahlen konnte. Die Kriminalpolizei nahm an, er habe 20.000 Mark aus der Wohnung gestohlen. Der Angeklagte P. hat die Tat bestritten, freigesprochen wurde er unter anderem, weil der Todeszeitpunkt Rosemarie Nitribitts nicht einwandfrei ermittelt worden war. Die kriminalistische und juristische Geschichte des Skandals endet in einem wenig aufregenden „Nichts Genaues weiß man nicht“. So, wie sich der Fall schließlich darstellte - ohne Täter, ohne Abschluß und dazwischen viele unausgefüllte Stellen -, gab er nichts mehr her. Doch die Theorie, gerade dieser Mord sei symptomatisch für ein ganzes Land, wurde munter weiterverfolgt.

          Die Legende lebt fort von der Grande Cocotte, die verschwinden mußte, weil sie zuviel wußte. 1996 fiel die Schauspielerin Nina Hoss, die der Figur Nitribitt ein das Original an Sexappeal weit übertreffendes Äußeres und eine vermutlich nie vorhandene innere Wärme verlieh, in ihrer Rolle geheimnisvollen Dunkelmännern zum Opfer. Nun, denen ist, wie wir wissen, sowieso alles zuzutrauen.

          Weitere Themen

          Adnan Shaikh ist neuer Bürgermeister

          Eschborn : Adnan Shaikh ist neuer Bürgermeister

          In Eschborn wurde ein neuer Rathauschef gewählt: Bürgermeister Adnan Shaikh von der CDU will sich unter anderem für Bildung, Familie und Wohnungsbau einsetzen.

          Topmeldungen

          Johnson und der Brexit : Drei Briefe und ein einziges Ziel

          Boris Johnson will weiter versuchen, das Brexit-Abkommen bis Ende des Monats zu ratifizieren. Schon am Montag könnte die Regierung in London eine neue Abstimmung über den Brexit-Vertrag ansetzen – wenn John Bercow das zulässt.
          Kurdisches Fahnenmeer: Demonstranten am Samstag in Köln

          Türken-Kurden-Konflikt : Kurz vor der Explosion

          Der Krieg in Nordsyrien führt auch in Deutschland zu handfesten Auseinandersetzungen zwischen türkischen und kurdischen Migranten. Das könnte erst der Anfang sein.
          Mit Arte in Oslo: Carola Rackete.

          Carola Rackete bei Arte : Ein ganz persönlicher Kulturschock

          In der Arte-Reihe „Durch die Nacht mit ...“ treffen die Aktivistin Carola Rackete und die norwegische Schriftstellerin Maja Lunde aufeinander. Man meint, sie hätten einander viel zu sagen. Es kommt anders.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.