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Ungeklärte Mordfälle : Bezahlte Geliebte im Wirtschaftswunderland

  • -Aktualisiert am

Auch unter dem „Rebecca“ aktiv

Einiges spricht dafür, daß die junge Frau, die über ihre Einnahmen und Ausgaben Buch führte und eine geheimnisumwitterte Kundenkartei geführt haben soll, sich selbst unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten betrachtete und Stolz daraus bezog. Vielleicht war ihr Aufschreibfimmel aber auch nur der kleinbürgerliche Reflex auf eine freudlose Kindheit und Jugend, der mit dem schriftlichen Nachweis glänzender pekuniärer Umstände und dem Blick ins Sparbuch begegnet werden sollte.

Rosemarie Nitribitt, auch unter einer Art Künstlernamen als „Rebecca“ bekannt, sah Geld ausschließlich als Kapital an und gab es nur widerwillig aus. Gepflegte Kleidung, eine halbwegs luxuriöse Wohnung und ein verhältnismäßig teures Auto betrachtete sie wohl als unvermeidliche Investition in ihr Geschäft, das zahlungskräftige und gewissen Standard gewohnte Kundschaft anlocken sollte. Sich selbst hat Rosemarie wenig gegönnt, sie unternahm keine Reisen, sie machte sich nichts aus gutem Essen. Ihre letzte Mahlzeit war laut gerichtsmedizinischem Befund ein Teller Milchreis. Für Champagner sei sie zu geizig gewesen, sagte einer, der sie kannte.

Um die Aufzeichnungen über Freier wird es wohl erst im Jahr 2027 Ruhe geben. Nach siebzig Jahren sind Dokumente wie diese zugänglich. Bis heute werden skandalöse Enthüllungen vermutet und erhofft. Der seinerzeit im Mordfall ermittelnde Frankfurter Kriminaldirektor Albert Kalk, der das Material kennt, hat freilich stets, wenn jemand fragte, behauptet, es stehe niemand von sonderlicher Prominenz drin. Von einer Verwicklung der Nitribitt in internationale Politik, Treffen mit Nato-Geheimnisträgern und Ermordung durch irgendeinen Geheimdienst könne schon gar keine Rede sein. So spricht ein professioneller Kriminalist und, sagen wir es ruhig, Spielverderber.

Nur ein ernsthafter Tatverdächtiger

Der einzige ernsthafte Tatverdächtige, den die Polizei ermitteln konnte, war der Handelsvertreter Heinz P., der 1960 vom Frankfurter Landgericht freigesprochen wurde. Der Münchner war ein Bekannter der Nitribitt, immer in Geldnöten und dadurch verdächtig, daß er nach der Tat an der Stiftstraße plötzlich Schulden bezahlen konnte. Die Kriminalpolizei nahm an, er habe 20.000 Mark aus der Wohnung gestohlen. Der Angeklagte P. hat die Tat bestritten, freigesprochen wurde er unter anderem, weil der Todeszeitpunkt Rosemarie Nitribitts nicht einwandfrei ermittelt worden war. Die kriminalistische und juristische Geschichte des Skandals endet in einem wenig aufregenden „Nichts Genaues weiß man nicht“. So, wie sich der Fall schließlich darstellte - ohne Täter, ohne Abschluß und dazwischen viele unausgefüllte Stellen -, gab er nichts mehr her. Doch die Theorie, gerade dieser Mord sei symptomatisch für ein ganzes Land, wurde munter weiterverfolgt.

Die Legende lebt fort von der Grande Cocotte, die verschwinden mußte, weil sie zuviel wußte. 1996 fiel die Schauspielerin Nina Hoss, die der Figur Nitribitt ein das Original an Sexappeal weit übertreffendes Äußeres und eine vermutlich nie vorhandene innere Wärme verlieh, in ihrer Rolle geheimnisvollen Dunkelmännern zum Opfer. Nun, denen ist, wie wir wissen, sowieso alles zuzutrauen.

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