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Ungeklärte Kriminalfälle : Fernseh-Fahndung als letzte Chance

Ungeklärt: Wer 2007 einen Angler am Mainufer so schwer verletzt, dass dieser später starb, ist weiter offen - hier eine Rekonstruktion des Tatorts Bild: Franz Bischof

Etwa die Frankfurter Polizei setzt immer öfter auf Sendungen wie „Aktenzeichen XY“ - manchmal mit Erfolg. Im bisher letzten Fall, der gerade ausgestrahlt wurde, sind die Hinweise aber übersichtlich.

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          Der Offenbacher Rentner Dieter G. war ein geselliger Mann. Am Wochenende traf er sich regelmäßig in seiner Kickers-Offenbach-Stammkneipe mit seinen Freunden auf ein Bier. Und bei seinen Nachbarn war er vor allem deshalb beliebt, weil er gerne half, selbst wenn es nur darum ging, eine Glühbirne zu wechseln. Beim Angeln aber, da war Dieter G. meistens allein. So auch am 27. April 2007, als er am Frankfurter Mainufer mit einem stumpfen Gegenstand niedergeschlagen und so schwer am Kopf verletzt wurde, dass er nach Monaten im Koma starb. „Wer macht so etwas?“, fragte die Polizei damals, und auch heute liegt das Motiv noch im Dunkeln.

          Katharina Iskandar
          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Am Mittwoch wurde der Fall „Dieter G.“ in der Sendung „Aktenzeichen XY ungelöst“ geschildert. Gerade einmal zehn Hinweise sind seitdem eingegangen - eine heiße Spur ist nicht dabei. Dennoch hofft die Polizei, das Verbrechen über das Fernsehen noch aufklären zu können; so, wie es in vielen anderen Fällen schon gelungen ist. Dass Mordkommissionen Formate wie „Aktenzeichen XY ungelöst“ für ihre Arbeit nutzen, ist inzwischen gang und gäbe - und oft sind solche Sendungen die letzte Hoffnung der Beamten.

          Erfolg bei Suche nach Bankräuber

          So war es auch bei den Banküberfällen, die 2009 im südhessischen Michelstadt-Stockheim und 2011 in Wald-Michelbach begangen worden sind. Die bloße Beschreibung des Täters - 1,75 Meter groß, 40 bis 50 Jahre alt, dunkle Haare mit grauem Ansatz, korpulent - war wenig hilfreich und hatte in einer ersten Fahndung nicht zu den erhofften Hinweisen geführt. Schließlich wandten sich die Ermittler an „Aktenzeichen XY“. Im September wurde der Fall ausgestrahlt. Unzählige Anrufer meldeten sich daraufhin und gaben Hinweise auf einen 52 Jahre alten Mann aus dem Odenwald. Durch einen DNA-Test konnte er überführt werden.

          Nach Angaben der ZDF-Fahnder selbst liegt die Aufklärungsquote der dort gezeigten Verbrechen bei 41 Prozent. 4257 Fälle wurden bisher bei „Aktenzeichen XY“ gezeigt - eine Aufschlüsselung nach Bundesländern oder Regionen gibt es nicht. In der Regel wenden sich die Polizeibehörden mit ihren ungeklärten Fällen an die Macher der Sendung, wie eine Sprecherin sagt. Aus den Original-Akten der Polizei würden dann Drehbücher geschrieben, die so viele Details wie möglich vermitteln sollten. Ziel sei es, Beobachtungen der Zuschauer abzurufen, die dann mit dem Fall in Verbindung gebracht würden.

          Verbrechen aus dem Rhein-Main-Gebiet sind regelmäßig dabei: sowohl bekannte Frankfurter Mordfälle wie der Tod des damals 13 Jahre alten Tristan Brübach oder der Fall der unbekannten Toten aus dem Main als auch weniger aufsehenerregende Taten - etwa der brutale Überfall auf eine 44 Jahre alte Frankfurterin, die vor zwei Jahren in ihrer Wohnung misshandelt wurde, oder die Schüsse auf einen Frankfurter Anwalt, einer der aus Sicht der Ermittler „mysteriösesten Fälle“, die die Beamten beschäftigen. Der Mord an einem Mann aus Darmstadt, dessen skelettierte Leiche im Oktober 2012 in einem Waldgebiet in Seeheim-Jugenheim gefunden worden war, wurde ebenfalls bei „Aktenzeichen XY“ beschrieben; eine vielversprechende Spur gab es jedoch nicht.

          Großes Zuschauerinteresse

          Anders war das im Entführungsfall Thomas Wolf. Der Gewalttäter hatte 2009 die Frau eines leitenden Wiesbadener Bankangestellten entführt und Lösegeld erpresst. Zwei Monate lang fahndete die Frankfurter Polizei nach Wolf und wandte sich unter anderem an „Aktenzeichen XY“. Die Strategie war damals, Wolfs Gesicht in ganz Deutschland bekannt zu machen. Die Rechnung ging auf. Im Mai 2009 wurde der Entführer auf der Reeperbahn festgenommen, weil ihn eine Zeugin wiedererkannt hatte. Auf ähnliche Erfolge hofft seit Anfang des Jahres der Hessische Rundfunk, der in einer ersten Staffel den „Kriminalreport“ ausgestrahlt hat - mit „großem Zuschauerinteresse“, wie es beim Sender heißt. Auch in dieser Sendereihe werden Kriminalfälle nachgestellt. Der Fokus liegt auf Fällen aus der Region wie etwa dem rätselhaften Mord an einem 53 Jahre alten Hanauer. Der Familienvater wurde im September 2013 an seiner Haustür erschossen, das Motiv ist unbekannt.

          Im Fall des getöteten Anglers Dieter G. bleibt den Ermittlern nichts anderes übrig, als abzuwarten. Die bisherigen Ermittlungen, auch in die tiefste Vergangenheit des Opfers hinein, blieben ohne Erfolg. Dabei würde es der Polizei schon helfen, wenn Zeugen Dieter G. an jenem Abend am Mainufer bemerkt hätten. Vor Jahren haben die Ermittler einmal den Überfall am Original-Tatort nachgestellt. „Irgendjemand“, so ein Sprecher, „muss ihn doch gesehen haben.“ Und damit vielleicht auch seinen Mörder.

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