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Wildschweine in der Innenstadt : Ungebetene Besucher

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Was kann das Wildschwein dafür, wenn es sich in Menschennähe wohlfühlt? Bild: dpa

Gut 20 Wildschweine wurden in der Nacht zum vergangenen Freitag in der Wiesbadener Innenstadt gesichtet. Landes- und Stadtpolizei verfolgten die Rotte, die unbehelligt in den Kurpark entkam. Ein Vorfall von vielen ähnlichen. Nicht immer geht so etwas gut aus, auch nicht für die Tiere.

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          Wenn in der Wiesbadener Innenstadt ein Wildschwein erschossen werden muss, bekommt Ralf Mann einen Anruf. Ob am Sonnenberger Friedhof oder mitten im Kurpark, Tag oder Nacht: Während Polizei und Feuerwehr den Verkehr umleiten und Passanten fernhalten, prüft Mann, ob er schießen kann, ohne jemanden zu verletzen. Er stellt sicher, dass keine Mauern in der Nähe sind, an denen eine Kugel abprallen könnte, und versucht, so nahe wie möglich an das Tier heranzukommen. Außerdem muss er eine Erhöhung finden, von der aus er einen guten Überblick hat – als Ersatz für seinen Hochsitz im Wald. Erst dann darf er auf das Wildschwein schießen.

          Ralf Mann ist Stadtjäger. Als Angestellter der Unteren Jagdbehörde der Stadt Wiesbaden ist es seine Aufgabe, Wild, das sich in bebaute Gebiete verirrt, zu schießen. Mann ist seit mehr als 20 Jahren Jäger aus Leidenschaft. Die Innenstadt gehört allerdings erst seit wenigen Jahren zu seinem Revier. Immer häufiger gräbt Schwarzwild dort Grünflächen um, bricht in Schreber- und Vorgärten ein oder bedient sich an Komposthaufen. Von Zäunen lässt es sich dabei selten beeindrucken.

          Mehr Vorfälle als im Jahr 2018

          Das Ordnungsamt Wiesbaden hat in diesem Jahr bisher 15 Fälle notiert, in denen privates oder städtisches Eigentum beschädigt wurde. Manche Schäden wurden allerdings auch gar nicht förmlich aufgenommen. Die Behörde schätzt, dass Wildschweine in Wiesbaden rund zweimal monatlich Schäden anrichten. Das sind rund ein Viertel mehr Vorfälle als im Jahr 2018. Die Zahl der sogenannten „Stadtschweine“, wie Anwohner die unliebsamen Besucher mittlerweile gerne nennen, wächst stetig. Wie viele Schweine es tatsächlich in Hessen gibt, ist indes schwer zu sagen. Das liegt nicht zuletzt daran, dass die Tiere in einer einzigen Nacht bis zu 30 Kilometer wandern können. Weder das hessische Umweltministerium noch der Landesjagdverband verfügen über aktuelle Bestandszahlen. Stadtjäger Mann verweist auf die hohe Vermehrungsrate der Schweine: Da eine Bache bis zu acht Frischlinge bekomme, könne sich eine Rotte jährlich verdreifachen.

          Darüber hinaus sorgen die klimatischen Bedingungen dafür, dass der Bestand in Deutschland wächst. Buchen und Eichen tragen in den trockenen Sommern mehr Früchte – eine wichtige Nahrungsquelle der Wildschweine. Laut Markus Stifter, Pressesprecher des hessischen Landesjagdverbands, ist der große Bestand allein jedoch keine ausreichende Erklärung für das Vordringen der Tiere in die Städte. Häufig seien auch Anwohner verantwortlich, die ihren Grünschnitt einfach liegen ließen, Komposthaufen im großen Maßstab anlegten oder Mais für Gänse ausstreuten. Stifter macht auch darauf aufmerksam, dass die Städte sich immer mehr ausdehnten und der Lebensraum der Tiere immer weiter eingeschränkt werde.

          Das Wild in der Stadt zu schießen sei zwar eine Notlösung, häufig aber nicht zu vermeiden, sagt Ralf Mann. Alternativ könne man mit Narkosemittel schießen; das wirke allerdings erst nach 20 Minuten. Am besten sei es, einen der Frischlinge zu schießen, damit die Leitbache künftig das Gebiet meide. Noch besser, da sind sich Jäger und Behörden einig, sei es aber, die Tiere im Wald zu jagen.

          Afrikanische Schweinepest

          Geboten ist dies auch aus einem weiteren Grund: Die Afrikanische Schweinepest (ASP) grassiert in zahlreichen europäischen Staaten. Diese Seuche ist ungefährlich für den Menschen, würde aber, sollte sie nach Deutschland eingeschleppt werden, die Schweinezucht massiv gefährden. Der Hessische Bauernverband fordert deshalb schon seit Beginn 2018 eine Abschussquote von 70 Prozent. Jäger Mann schätzt, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis ASP auch Hessen erreicht. Das Umweltministerium in Wiesbaden, das rund 240 000 Hektar Wald als staatlichen Eigenjagdbezirk verwaltet und noch einmal 95 000 Hektar an private Jäger verpachtet, empfiehlt „eine möglichst intensive Bejagung“. Nach einer geänderten Richtlinie vom Juli dieses Jahres sollen vermehrt Bachen, die keinen Nachwuchs führen, erlegt werden.

          Stifter zufolge ist es aber gar nicht so einfach, dieser Forderung nachzukommen. Der Landesverband rät ebenfalls seit 2016 zur vermehrten Jagd. Das Problem: Es gibt für Schwarzwild keinen Abschussplan, weil man nicht weiß, wo sich die Tiere aufhalten. Deshalb sei die Jagd beispielsweise auf Rotwild viel leichter als auf Schwarzwild, sagt Stifter. Und ob eine Bache eine Rotte mit Nachwuchs führe, sei oft schwierig zu erkennen. Hinzu komme, dass es überhaupt nur in wenigen Nächten, bei ausreichend Mondschein, hell genug sei, um zu jagen. Nicht zuletzt seien weder der Dachverband noch seine 53 Jagdvereine in Hessen weisungsbefugt. Das bedeute, letztendlich entscheide der Revierpächter, wie viel Wild geschossen werde. Es gibt also viele gute Gründe, warum die Abschusszahlen hinter den Erwartungen zurückbleiben. Im Jagdjahr zwischen April 2018 und März 2019 wurden rund 35 000 Schweine weniger erlegt als im Jahr zuvor. Das liegt aber im Bereich der ganz normalen Schwankungsbreite, wie Stifter sagt.

          Der Landesjagdverband versucht nun, revierübergreifend sogenannte Drückjagden zu organisieren, bei denen mit Hunden und lauten Rufen das Schwarzwild aus dem dichten Buschwerk gescheucht und dann geschossen wird. Man versuche, diese Technik zu verfeinern, sagt Stifter.

          Bis es den Jägern gelingt, die Zahl der Wildschweine in Hessen deutlich zu verringern, wird Ralf Mann aber wohl weiter in der Stadt jagen. Erst vor wenigen Tagen haben Anwohner 15 Schweine in der Nähe des Wiesbadener Thermalbads gesichtet. Wenn der Winter so mild wird, wie Mann erwartet, werden wohl auch die meisten der neugeborenen Frischlinge überleben und sich im nächsten Jahr weiter vermehren.

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