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Geo-Naturpark : Vermitteln und schützen

Schützenswert: Das Felsenmeer in Lautertal im Odenwald Bild: Marcus Kaufhold

Dem Geo-Naturpark Bergstraße-Odenwald steht ein spannendes Jahr bevor. Unter der neuen Geschäftsführung werden die Leitprojekte bis zum Jahr 2030 festgelegt. Und die Unesco entscheidet über den weiteren Status.

          3 Min.

          Jutta Weber hat gestern ihren ersten Arbeitstag als neue Geschäftsführerin des Geo-Naturparks Bergstraße-Odenwald absolviert. Aber das war eher eine Formalität. Die promovierte Geologin und Paläontologin gehört zum Geo-Park-Team seit 18 Jahren, sie hat lange als stellvertretende Geschäftsführerin die Geschicke der Organisation mitbestimmt, und dass sie im neuen Jahr ganz an die Spitze rücken sollte, wusste sie schon seit September. Da hat sie der Vorstand beauftragt, die Geschäftsführung zunächst kommissarisch zu übernehmen und von 2020 an dauerhaft. Sie habe, so hieß es in der Begründung, es stets verstanden, das Team und die regionalen Partner „mit Umsicht und Weitblick einzubinden“ und damit Kontinuität, Zuverlässigkeit und Zuversicht signalisiert.

          Rainer Hein

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Darmstadt.

          Der Personalentscheidung vorausgegangen war die Trennung von Stefanie Fey. Die promovierte Geographin war im Januar 2018 vom Landrat des Kreises Bergstraße, Christian Engelhardt (CDU), als ideale Nachfolgerin des langjährigen Vorsitzenden Reinhardt Diehl vorgestellt worden, der damals in den Ruhestand wechselte. Fey hatte sich im Auswahlverfahren gegen mehr als 30 Mitbewerber durchgesetzt. Umso überraschender wirkte es, dass kaum ein Jahr später die Trennung von ihr angekündigt und dann auch zügig vollzogen wurde. Gründe dafür sind offiziell nie mitgeteilt worden. Auch Weber äußert sich dazu nur sehr allgemein. Es habe „unterschiedliche Vorstellungen zur Ausrichtung des Geo-Naturparks“ gegeben. Nun gelte es, „in die Zukunft zu schauen“.

          Ganzheitliche Betrachtung des Planeten

          Offensichtlich hat der Vorstand tatsächlich keine Zeit verstreichen lassen, sondern mit der Planung der künftigen Arbeit sofort nach dem Personalwechsel an der Spitze des Naturparks begonnen. Der neue Rahmenplan mit einer Perspektive bis zum Jahr 2030 wird im März in seiner Endfassung inklusive einer umfangreichen Finanzierungsstrategie vorliegen, wie Weber ankündigte. Zwar bleibe die Grundausrichtung der Arbeit die gleiche, das heißt, es gehe weiter darum, das besondere geologische Erbe des 3500 Quadratmeter großen Geo-Parks den Menschen auf zeitgemäße Weise zu vermitteln.

          Größere Bedeutung gewinne dabei aber zunehmend die ganzheitliche Betrachtung des Planeten Erde. Der Anspruch des Geo-Parks, der 2015 durch die Vergabe des Prädikats „Unesco Global Geopark“ den Welterbestätten und Biosphärenreservaten der Unesco gleichgestellt wurde, laute, „Modellregion für die Globalen Nachhaltigkeitsziele 2030“ zu werden.

          Aufgabe aktueller denn je

          Die Voraussetzungen sind nach Ansicht Webers dafür gegeben. „Wir haben alle Arten von Angeboten, um Menschen die Natur, unser geologisches Erbe, die landwirtschaftliche Tradition oder die vielen regionalen Produkte zu zeigen und nahezubringen.“ Das fange bei Erlebnistagen auf dem Bauernhof an, wo Getreide gemahlen und Brot gebacken werde, gehe weiter über die Schafschur beim Schäfer mit anschließendem gemeinsamen Filzen der Wolle bis zur Exkursion mit einer Wildkräuterexpertin in heimische Wiesen, um später aus den gesammelten Kräutern gemeinsam Wildkräuterbutter zu machen.

          Ob hier, in der Eberstädter Tropfsteinhöhle, bei der Besichtigung alter Grubenwerke, dem Besuch der Fossilienfundstätte Grube Messel, in Burgen und Klöstern, dem Felsenmeer oder entlang der 30 Geo-Erlebniswege – fast überall bei den mehr als 1000 Angeboten ließen sich Erdgeschichte, Natur und Kultur mühelos miteinander verbinden. Das aber sei genau jener „ganzheitliche Ansatz“, der gefordert sei, um authentisches lokales Wissen zu vermitteln.

          Weber hält diese Aufgabe heute angesichts der dramatischen klimatischen Veränderungen und des Artensterbens für aktueller denn je. „Unser Planet braucht uns nicht, wir brauchen ihn. Alles, was wir tun, beeinflusst das System Erde.“ Achtsam, bewusst und wertschätzend zu leben, sei überaus wichtig. Dafür brauche es jedoch Wissen und Handlungskompetenz. Vielen Menschen sei zum Beispiel der Wert der Landwirtschaft nicht mehr bewusst, meint Weber. Oder die Bedeutung des Waldes. Im aktualisierten Rahmenentwicklungsplan wird nach Angaben der neuen Geschäftsführung auf den Zustand des Waldes unter dem Stichwort Nachhaltigkeit ein besonderer Fokus gelegt.

          Wichtige Fauna und Flora

          Fauna und Flora bekommen den Status eines Leitprojekts, in dem auch etwas zusammengeführt werden soll, was auf den ersten Blick nicht zueinander passt – Waldpädagogik und Digitalisierung. Die Idee: Wildkräutersuche und Erfassung per Handy-App, um so mit Hilfe von Schülern ein Infosystem aufzubauen, das Aufschluss über den Bestand gibt. „Vermitteln und schützen“, sagt Weber, „bildet für uns im Geo-Naturpark immer eine Doppelaufgabe“.

          Beteiligt an der Finanzierung des Gesamtprogramms sind 108 Mitgliedskommunen, die sich über drei Bundesländer und sieben Landkreise verteilen. Weiter wirken Kooperationspartner wie Hessen Forst und die Schutzgemeinschaft Deutscher Wald, zwei Unesco-Projektschulen in Darmstadt und Heidelberg, Hochschulen und Universitäten, 45 Geo-Ranger und weitere rund 250 ehrenamtliche Mitarbeiter mit, zum Beispiel in den „Geo-Park-vor-Ort-Teams“, die zu Biber und Eisvogel ebenso führen wie zu Klettertouren in Steinbrüchen oder mit dem Mountainbike zum Römerbad auf einer Höhenlage des Odenwaldes. Die Zahl der Mitarbeiter in der Lorscher Geschäftsstelle liegt bei 15.

          Vergleichsweise gelassen sieht Weber der Überprüfung des Unesco-Geopark-Siegels in diesem Jahr entgegen. Einmal, weil sie alle zurückliegenden fünf Überprüfungen maßgeblich mit begleitet habe. Zum anderen, weil der vorgelegte „Fortschrittsbericht“ schon auf Zustimmung der Bundesregierung gestoßen sei. Diesen Monat gehen die Unterlagen nach Paris. Im Sommer werden dann zwei Inspektoren im Odenwald erwartet. Mit einer abschließenden Entscheidung der Unesco-Gremien rechnet Weber Ende des Jahres.

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