https://www.faz.net/-gzg-9vldv

Umweltschutz in Frankfurt : Ein Gastronomie-Betrieb kann auch ohne Heizpilze

Diskussion um Heizpilze: Kommt bald ein Verbot in Frankfurt? Bild: AP

In Frankfurt wird derzeit darüber diskutiert, ob Heizpilze in Gastronomiebetrieben wirklich notwendig sind. Der Bürgermeister hält ein Verbot für möglich. Andere Städte sind schon einen Schritt weiter.

          3 Min.

          Eine Woche ist es her, dass der Frankfurter Bürgermeister und Kämmerer Uwe Becker (CDU) ein Verbot von gasbetriebenen Wärmestrahlern auf den Terrassen von Bars und Restaurants in den Raum gestellt hat. Eine Initiative hatte sich online für eine Ächtung der sogenannten Heizpilze in Frankfurt ausgesprochen und dafür so viel Unterstützung bekommen, dass sich der Magistrat mit dem Thema beschäftigen wird. Ob das, über den Weg durch die politisch notwendigen Instanzen, tatsächlich ein Verbot nach sich ziehen wird, ist allerdings noch nicht ausgemacht. Befürworter sprechen von einem unverantwortlich hohen Kohlendioxid-Ausstoß der Gasbrenner, Gegner führen die Nachteile an, die Gastronomen bei einem Verbot entstehen würden.

          Jacqueline Vogt

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Samstagabend in der City: Vor dem „Helium“, einer beliebten Bar an der Bleidenstraße, sitzen Gäste plaudernd in der Kälte, gewärmt von Decken, Infrarotstrahlern und Heizpilzen. Mitten im Winter sind auch vor dem „Café Hauptwache“ Tische und Stühle besetzt. Auch dort brennen Heizpilze. Eine Genehmigung brauchen die Wirte nicht, wer die Erlaubnis hat, vor seinem Lokal einen Gastgarten einzurichten und Tische und Stühle aufzubauen, kann auch Heizpilze aufstellen.

          „Der Aufschrei war groß“

          In etlichen Städten ist das anders. In Berlin zum Beispiel, aber auch in Köln und Nürnberg. Dort gilt seit 2008 ein Verbot. „Der Aufschrei war groß“, sagt der Nürnberger Hotelier und Vorsitzende der Kreisstelle des Hotel- und Gaststättenverbands, Robert Horka. Im Endeffekt sei das aber kein Problem mehr.

          Rund 3,5 Kilogramm Kohlendioxid in der Stunde stoße ein gasbetriebener Heizpilz auf seiner höchsten Leistungsstufe in der Stunde aus. Brenne einer 36 Stunden in der Woche, kämen so im Jahr bis zu vier Tonnen je Gerät zusammen: Mit dieser Rechnung, die einst Greenpeace aufgemacht hat, zogen vor zwölf Jahren Umweltschützer in den Kampf gegen die Heizpilze, den sie vielerorts auch gewannen.

          Keine Auskunft

          Konnten diese Zahlen stimmen, gab es überhaupt Orte, in denen die Heizpilze so lange und oft in Betrieb waren? Heute hat bei Greenpeace zu dem Thema niemand etwas zu sagen, offenbar ist es abgehakt. Ebenfalls stumm, warum auch immer, bleibt die in Werdohl ansässige Firma Enders, deren Heizpilze in der Gastronomie weit verbreitet sind. Verkaufszahlen, Erkenntnisse über Nutzerverhalten, Empfehlungen des Herstellers für den Betrieb? Keine Auskunft. Dem Unternehmensprospekt ist immerhin zu entnehmen, dass die Geräte der neuesten Generation bei gleicher Leistung wie die herkömmlichen halb so viel Gas verbrauchten und halb so viel Kohlendioxid emittierten.

          Dass in Nürnberg das Verbot niemanden mehr aufrege, liegt Horka zufolge auch daran, dass „die Industrie gut reagiert“ habe. „Wenn ich heute als Raucher abends unterwegs bin, stehe ich unter Elektrostrahlern.“ Wegen des Stromverbrauchs sind Umweltschützern auch diese Geräte ein Dorn im Auge. Und in Nürnberg, sagt der Leiter des dortigen Liegenschaftsamtes Claus Fleischmann, dürfte es sie eigentlich nicht geben. Auf öffentlichen Flächen, und um solche handelt es sich bei den meisten Restaurantterrassen, seien Heizpilze und andere Beheizungen verboten, auf der Ermächtigungsgrundlage des Straßen- und Wegerechts.

          Viele Gastronomen, so wie in Frankfurt die Betreiber des „Helium“ oder auch der „Bar Celona“, die ausschließlich oder zusätzlich zu Gasbrennern Elektrostrahler nutzen, haben diese an die Hauswand montieren lassen – vielleicht auch in der Annahme, sich damit in einer juristischen Grauzone zu befinden, denn eine Hauswand ist ja kein öffentlicher Boden.

          Neue Regelung für Frankfurt

          Muss man für Frankfurt nun dringend eine neue Regelung finden? Nein, meint Alexander Theiss, Geschäftsführer für Standortpolitik der Industrie- und Handelskammer. Die Kammer sehe einem drohenden Verbot von Heizpilzen „mit Sorge entgegen“. Für die Gastronomen seien die Umsätze in den Sommergärten wichtig, für manche seien sie essentiell. Ein Verbot passe außerdem nicht zu den Anstrengungen der Stadt in den vergangenen Jahren, das Leben „nach draußen hin“ zu öffnen. Robert Lange, ein Parteifreund Beckers und umweltpolitischer Sprecher der CDU-Stadtverordnetenfraktion, sagt, der Magistrat müsse gemeinsam mit den Gastronomen eine Lösung suchen.

          Roger Podstatny, der in umweltpolitischen Angelegenheiten für die Frankfurter SPD-Fraktion spricht, sagt: Bei Heizpilzen handele es sich um eine hochgradig ineffiziente Nutzung von Energie, weshalb er einem Verbot positiv gegenüberstehe. Andererseits „muss man auch gucken, dass man der Gastronomie nicht die wirtschaftliche Grundlage entzieht“. Ähnlich argumentiert Michael Bross von der FDP, auf keinen Fall dürfe die Politik jetzt „einen Schnellschuss machen“.

          Nachfrage bei Paul Fay aus dem Frankfurter Energiereferat: Das Referat heiße die Verbotsidee gut, sagt dessen stellvertretender Leiter, aus Klimaschutzgründen. Mit dem Beschluss der Stadtverordnetenversammlung zum Beitritt zum Klimabündnis seien weitreichende Ziele zur CO2-Reduzierung formuliert worden, die Heizpilze hingegen setzten Kohlendioxid frei. Ein Vorbild für künftiges Handeln könnte vielleicht das der Stadt München sein, meint Fay, die mache das „ganz elegant“: Heizpilze sind dort erlaubt, aber nur im Sommer.

          Weitere Themen

          Strafanzeige gegen Hinz

          Wilke-Skandal : Strafanzeige gegen Hinz

          Wegen verunreinigter Wurst der Firma Wilke sollen mehrere Menschen gestorben sein. Die Verbraucherschutzorganisation Foodwatch sieht schwere Verstöße gegen Lebensmittelrecht bei Ministerium, Landkreis und Regierungspräsidium

          Topmeldungen

          Epidemiegesetz in NRW : Freifahrtschein für die Regierung Laschet?

          In Nordrhein-Westfalen plant die Koalition im Schnellverfahren ein bedenkliches Epidemiegesetz. Kritiker erinnert es an die Notstandsgesetzgebung im Kriegsfall. Die Opposition lehnt eine schnelle Verabschiedung ab.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.