https://www.faz.net/-gzg-75dps

Umweltdezernentin Heilig im Gespräch : „Wir brauchen eine Begrenzung bei Lärm und Flugbewegungen“

  • Aktualisiert am

Gleichzeitig will aber Frankfurt in der Bürostadt Niederrad aus bisherigen Gewerbeflächen neue Wohngebiete machen und das alles wenige hundert Meter von der Landebahn entfernt.

Wir können doch nicht vorschreiben, wo jemand hinzieht. Das fände ich falsch. Das ist die Entscheidung jedes Einzelnen. Es gibt Leute, die sagen, der Fluglärm stört sie nicht.

Gibt es keine Verantwortung der Politik, Bürger vor zu viel Lärm zu schützen?

Doch. Aber wenn jemand sagt, ich weiß, es ist da laut, aber ich will dennoch da wohnen, kann ich nicht als politisch Verantwortliche sagen, das machen wir nicht. Es wäre niemandem geholfen, wenn es keinen Unterricht mehr in der Martin-Buber-Schule oder keine Betreuung in den betroffenen Kindertagesstätten gäbe. Die Eltern sagen selbst, wir wollen trotz Lärmschutzzone eine Schule oder Kindertagesstätte in der Nähe, wir wollen allerdings, dass es da leise ist.

Werden dann eines Tages, wenn die Flächen immer knapper werden, auch die Oberräder Gärten bebaut? Die liegen zwar auch im Lärm, aber wären ein ideales, zentral gelegenes Neubaugebiet.

Die Oberräder Gärten sind Landschaftsschutzgebiet und werden schon deshalb nicht bebaut.

Zurück zum Flughafen: Bedauern Sie im Nachhinein, dass die erste schwarz-grüne Koalition in Frankfurt das Thema Flughafen ausgeklammert hatte?

Ich möchte nicht kommentieren, was damals vereinbart wurde. Dass dadurch Schwierigkeiten entstanden sind, ist so.

War die Entscheidung falsch? Mancher Grüne scheint das damalige Zugeständnis zu bereuen.

Dass es die Grünen-Mitglieder im Nachhinein gerne anders gemacht hätten, ist möglich. Aber ich halte es für absolut falsch, die Grünen in die Verantwortung zu nehmen. Warum richtet man sich nicht gegen CDU und SPD im Land, die für den Ausbau gestimmt haben. Ich habe mich damals schon bei der Startbahn-West gegen den Ausbau gewehrt. Jetzt erklären mich manche auf einmal verantwortlich für die neue Landebahn. Das finde ich herb, ehrlich gesagt.

Bleibt der Fluglärm auch 2013 Thema?

Er wird sogar ein bundespolitisches Thema, wenn der Berliner Großflughafen Willy Brandt eröffnet wird. Auch in Hessen bleibt er Thema, so lange Menschen im Rhein-Main-Gebiet unter Fluglärm leiden. Ich kann allen nur raten: Schaut genau hin, wer für den Ausbau war und wer nicht.

Aber in Frankfurt selbst ist die Solidarität mit den vom Fluglärm Betroffenen nicht sehr groß.

Dabei verliert Frankfurt durch den Lärm ganze Stadtteile. Wer es sich leisten kann, zieht aus der Lärmschutzzone weg. Menschen, die es sich nicht leisten können, müssen bleiben.

Noch ist der soziale Niedergang des Frankfurter Süden aber nicht zu spüren.

Das ist keine Entwicklung, die man innerhalb eines Jahres absehen kann. Schauen wir mal, wie es in fünf Jahren aussieht.

Bis dahin soll sich der Flugverkehr noch erheblich steigern.

Fraport will langfristig auf 700 000 Flugbewegungen im Jahr kommen. Dabei stößt die Region durch die neue Landebahn doch heute schon an die Kapazitätsgrenze bei der Lärmbelastung.

Dürfte es keine Kapazitätserweiterung mehr geben?

Nein, natürlich nicht. Es muss eine Deckelung geben.

Aber dafür ist die Landebahn gebaut worden - für mehr Flugbewegungen.

Der Schaden ist doch jetzt schon größer als der Nutzen. Ich bin für eine absolute Deckelung. Wir müssen unbedingt dafür sorgen, dass wir eine Reduzierung des Lärms erreichen, dazu müssen wir Lärmobergrenzen definieren, und auch Flugbewegungen festschreiben. Das sind einige von vielen Forderungen, die wir in der Fluglärmkommission gemeinsam haben.

Eine Begrenzung der Flugbewegungen auf den derzeitigen Stand erscheint unrealistisch. Der Planfeststellungsbeschluss billigt dem Eigentümer, der Fraport AG, die Kapazitätserweiterung zu.

Das ist richtig. Dennoch ist die Forderung nach einer Deckelung politisch doch möglich. Ich meine auch, dass Fliegen ohnehin viel zu billig ist. Meine Hoffnung ist, dass die Knappheit des Erdöls und Co2-Abgaben einmal zu höheren Preisen führen werden und sich dadurch das Flugaufkommen reduziert.

Dann wird Fliegen zum Luxus.

Es ist heute schon ein Luxus auf Kosten anderer und der Umwelt. Billig ist es nur, weil andere den Preis dafür zahlen.

Weitere Themen

Von Protest bis Corona-Parkplatz

10 Jahre Nordwest-Landebahn : Von Protest bis Corona-Parkplatz

Am 21. Oktober 2011 eröffnete Bundeskanzlerin Angela Merkel die Nordwest-Landebahn des Flughafens. In der Pandemie wurde die Piste zeitweise zum Parkplatz für Flugzeuge, die nicht mehr gebraucht wurden.

Wie man um die Ecke schießt Video-Seite öffnen

Geht doch! : Wie man um die Ecke schießt

Ecken direkt verwandeln – auf dem Fußballplatz geht das noch vergleichbar einfach. Beim Tipp-Kick braucht es viel Feingefühl. Wir verraten, wie der perfekte Schuss um die Ecke gelingt.

Topmeldungen

Mateusz Morawiecki und Ursula von der Leyen am Donnerstag in Brüssel

EU-Gipfel in Brüssel : Fast alle gegen Polen

Der Streit über die Rechtsstaatlichkeit in Polen geht auch auf dem EU-Gipfel weiter. Ministerpräsident Morawiecki will nicht nachgeben. Sein Land werde nicht „unter dem Druck von Erpressung“ handeln.
Wegen der Cum-Ex-Aktiendeals musste Olaf Scholz im April vor einem Untersuchungsausschuss in der Hamburger Bürgerschaft aussagen.

„Cum-Cum“ : 140 Milliarden Euro Beute durch Steuertricksereien

Die „Cum-Ex“-Deals sind inzwischen bekannt. Doch auch mithilfe anderer Modelle sollen Banken dem Fiskus Geld aus der Tasche gezogen haben – weit mehr als bisher gedacht. Möglicherweise dauert das auch immer noch an.
In sieben Wochen Kanzler? Kurz nach Nikolaus will sich Olaf Scholz vom Bundestag wählen lassen.

Ampel-Koalition : So wollen SPD, Grüne und FDP verhandeln

300 Unterhändler machen für SPD, Grüne und FDP die Einzelheiten des Koalitionsvertrags aus. In 22 Arbeitsgruppen ringen sie um Kompromisse. Doch die harten Nüsse müssen die Parteichefs selbst knacken.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.